8. Mai 2020 – Steinmeiersche Befreiungsschläge oder „Scherben bringen Glück“

8. Mai 2020 – Steinmeiersche Befreiungsschläge oder „Scherben bringen Glück“

von Bernhard Nolz

Eine Petition und eine Rede

Die Petition, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erklären, war auch an Bundespräsi­dent Frank-Walter Steinmeier gerichtet. Die Unterzeichner*innen der Petition brachten zum Ausdruck, dass der 75. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs der geeignete Anlass wäre, von nun an der Befreiung von Krieg und Faschismus an einem gesetzlichen Feier­tag zu gedenken.

In seiner Rede zum 8. Mai 2020 geht der Bundespräsident auf diesen Vorschlag nicht ein. Er beginnt seine Rede ganz unverfänglich, indem er feststellt: „Heute vor 75 Jahren ist in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Der 8. Mai 1945 war das Ende der natio­nalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Faschismus“ gehört nicht zu seinem Wortschatz und würde auch nicht zu seiner patrioti­schen Propagandarede gepasst haben, die an manchen Stellen einer gewissen Komik nicht entbehrt. Dieses Gemisch hat sich vermutlich aus der Konstellation von amtlichem Ehrgeiz und aktueller Verunsicherung in einem Notstandsregime (Corona-Pandemie) er­geben, in dem der Ruf nach Wiederherstellung der demokratischen Grundrechte immer lauter wird.

In seinen Reden zur „Solidarität“ in der Corona-Krise hatten Andeutungen genügt, um die Menschen zu bewegen, solidarisch in die Selbstisolation zu gehen, was eine widersprüch­liche Provokation darstellt.

Mehr Mühe gibt sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun zum 75. Jahrestag der Befreiung. Gleich achtmal bedient er sich des rhetorischen Mittels der inhaltlichen Umdeu­tung (engl. Reframing) und formuliert die Bedeutung des 8. Mai immer wieder neu.

Die acht Umdeutungen

Eigentlich, sagt der Präsident, ist dieser Tag ein Tag der Dankbarkeit, des Dankes an die ehemaligen Kriegsgegner und deren Großzügigkeit, Weitsicht und Versöhnungsbereit­schaft „im Westteil Deutschlands.“ Über die gleichzeitige Entwicklung im „Ostteil“ ist ihm nichts bekannt.

Wohl deshalb spricht er in einer weiteren Umdeutung vom Tag der halben Befreiung. Tat­sächlich meint er die erst später einsetzende „innere Befreiung“ der Menschen, die ein „langer, schmerzhafter Weg“ war.

Nachdem er auf diese Weise die Hälfte der Tagesbedeutung hinter sich gelassen hat, vo­tiert der Bundespräsident ein paar Zeilen später für den inflationären Gebrauch des Befrei­ungstages: Jeder Tag ein Tag der Befreiung. „Befreiung … fordert uns aktiv, jeden Tag aufs Neue“, sagt er. Jede Form des Gedenkens kann auf diese Weise ad absurdum ge­führt werden.

In der vierten Umdeutung gesellt sich zur halben und zur alltäglichen Befreiung die Selbst­befreiung. „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien“, am Tag der Selbstbefreiung, dem 8. Mai. Kühne Worte in Zeiten von Corona, wo den Bürger*innen grundlegende Freiheiten genommen sind. Doch unverdrossen führt der Präsident seinen Kampf gegen die „alten bösen Geister im neuen Gewand“ und gegen einen „neuen Natio­nalismus“.

Jetzt wird es noch einmal spannend, denn es folgen zwei Vorschläge des Präsidenten, dem Tag eine neue zusätzliche Bedeutung zuzuweisen, und die Idee, den Tag der Befrei­ung auf ein anderes Datum zu verschieben.

Der Bundespräsident spricht sich dafür aus, den 8. Mai zum Tag der Zukunft umzudeu­ten. 1985 sei der Satz über die Befreiung „ein Meilenstein im Ringen mit unserer Vergan­genheit“ gewesen. „Heute aber muss er sich auch an unsere Zukunft richten.“ Man darf spekulieren, ob er als quasi Außenminister-Präsident damit ein kooperatives Verhältnis zu China und Russland meint.

Der 8. Mai muss – so der Präsident – alternativ auch zum Tag des Zusammenhalts von Europa werden. Dieses Bekenntnis sei wichtig, denn wenn Europa scheitert, „dann erwei­sen wir uns des 8. Mai nicht als würdig.“ Eine merkwürdige präsidiale Herrschaftspose! Kündigt er etwa die endgültige Abschaffung des Gedenktages als Tag der Befreiung an, um sich die Befürworter*innen eines gesetzlichen Feiertages vom Hals zu halten?

Dann erfolgt der Paukenschlag: der Tag der Wiedervereinigung als Tag der Befreiung.

Die wirkliche Befreiung hätte sich am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, ereignet. Die Befreiung, die am 8. Mai 1945 nur unzulänglich gelungen war, vollendete sich nach Jahrzehnten „durch Mut und Freiheitsliebe im Osten unseres Kontinents … bis hin zu jenem glücklichsten Moment der Befreiung: … der Wiedervereinigung.“

Hier liegt eine besondere Form der Umdeutung vor, eine Übertragung, mit der zugleich eine Bedeutungssteigerung verbunden ist: Die zweite Befreiung ist nach Steinmeier zum glücklichsten Moment der deutschen Geschichte geworden, gegen den die erste Befreiung verblassen muss. Antikommunismus ist immer noch sein stärkstes Vorurteil.

Zum Schluss die 8. Umdeutung: Tag des Dauerauftrags. „Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung – Freiheit und Demokratie sind vielmehr sein bleibender Auftrag, unser Auf­trag“, sagt der Bundespräsident.

Scherben bringen Glück“

Wir aber wissen nicht weiter und stehen vor einem Scherbenhaufen der Steinmeierschen „Befreiungsrhetorik“. „Scherben bringen Glück“ sagt ein Sprichwort, das das bekannteste Beispiel für ein Reframing (Umdeutung) ist. Ein Inhalt wird in einen neuen Rahmen gestellt oder ihm wird eine andere Bedeutung zugewiesen: Das zerbrochene Geschirr (= Verlust) wird zur positiven Erfüllungsbedingung für einen höheren Wert (= Glück). Dem deutschen Volk ist es zu wünschen.

Bernhard Nolz bewegt sich als Friedenspädagoge in kommunalen Bildungslandschaften. Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, Vorsitzender des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung der Universität Siegen, nolzpopp@web.de

8. Mai 2020 – Tag der Befreiung von „Corona“?

8. Mai 2020 – Tag der Befreiung von „Corona“?

Nur wer in Freiheit lebt, hat die Chance, gesund zu leben.“ (Gerd Reuther, Arzt)

Krieg und Freiheit und Leben

In Siegen wird seit Langem am 8. Mai an die Opfer des Faschismus erinnert und das Gedenken mit den Fragen von Krankheit und Tod verbunden. Die Thematik „Faschismus und Gesundheit“ bekommt ausgerechnet am 75. Jahrestag des Endes vom 2. Weltkrieg für die Menschen in Deutschland eine ganz neue Bedeutung: Sie erhoffen sich die Befreiung vom „Corona-Regime“ der verblendeten Politiker*innen und ein Ende der Einschränkung von Grundrechten.

Die Menschen wollen an der Nächstenliebe, an der Gewaltfreiheit und am Frieden festhalten und sich nicht länger mit Kontaktsperren und Schutzmaskeraden unterdrücken lassen. Anlässlich des 8. Mai treten sie für die Völkerfreundschaft und für die friedliche Zusammenarbeit zwischen den Staaten und Nationen ein. Und sie sagen, wenn es den Politiker*innen wirklich um die Gesundheit von Menschen und Tieren ginge, dann hätten sie schon längst das Glyphosat-Gift und die Massentierhaltung verboten. Stattdessen werden die Menschen zu Hause eingesperrt, ihrer sozialen Kontakte beraubt und mit Impfzwängen bedroht.

Die Menschen wissen, dass das Notstandsregime „Corona“ allein den Mächtigen in Politik, Konzernen, Banken und Medien dient. Patient*innen und Gesundheitspersonal opfern sich auf oder werden geopfert.

Der Arzt der Menschenliebe von Buchenwald

Bei der antifaschistischen Arbeit in Siegen geht es um das Gedenken an Walter Krämer, geboren 1892 in Siegen, ermordet 1941 in einer Außenstelle des KZ Buchenwald. Er war – als kommunistischer Arbeiter und Funktionär verfolgt – im KZ Buchenwald gelandet. Im dortigen Krankenrevier eingesetzt, bewahrte er seinen Humanismus und das Gefühl für Recht und Würde und versorgte ohne medizinische Vorkenntnisse die KZ-Insassen mit Medikamenten, führte Notoperationen durch und rettete Menschenleben. Der „Arzt von Buchenwald“, so wurde Walter Krämer genannt, in einer mörderischen Zeit, in der sich SS-Ärzte an Menschenversuchen ergötzten und die Arbeitssklaven mit Seuchenerregern infizierten.

In Siegen gelang es erst 2014 alle Widerstände zu überwinden und eine Erinnerungsstätte für Walter Krämer am Siegener Kreisklinikum einzurichten. Das ist vor allem der beharrlichen Arbeit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschist*innen (VVN/BdA) und der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) im Siegerland zu verdanken.

Wie schwach es um solche Erfolge in der Erinnerungsarbeit bestellt ist, führt die „Corona-Krise“ drastisch vor Augen. Bis vor wenigen Tagen hing ein Demonstrationsverbot über der Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung. Jetzt dürfen wir mit Schutzmasken dorthin! Kein Polizeiminister wird je wieder von einem Vermummungsverbot reden.

Kommunale Demokratie und Weltfrieden

Der 8. Mai wird in diesem Jahr Anlass sein, mit gewaltfreien Aktionen und Zivilcourage fort zu fahren, um die Wiederherstellung der Demokratie einzufordern. Wir werden uns nicht davon abhalten lassen, den Krieg und alle anderen Formen von Gewalt zu ächten. Deshalb lehnen wir die unangemessenen Gewaltmaßnahmen der Regierenden zu „Corona“ ab, weil sie die menschliche Begegnung und Zuwendung und ein selbst bestimmtes Leben zu vernichten drohen. Die Menschen werden aufbrechen zum solidarischen Wirtschaften. Sie nehmen Boden, Wasser, Luft und die Energieträger in ihre Verantwortung und schützen die biologische und kulturelle Vielfalt. Sie regeln ihr Zusammenleben basisdemokratisch und sorgen für Kultur und Bildung und für die Gesundheit aller Menschen.

Den Zerstörungen des Kapitalismus und des Faschismus kann mit Gewaltfreiheit und Menschlichkeit entgegen gewirkt werden. Walter Krämer und viele Andere haben es bewiesen, auch wenn sie es mit dem Leben bezahlt haben. Wir ehren ihr Andenken.

Kontakt: Bernhard Nolz, Friedenspädagoge, PPF-Sprecher, ZFK-Leiter, Kölner Str. 11, 57072 Siegen, 01718993637, nolzpopp@web.de

Endlich wieder arbeiten am Tag der Arbeit 2020

Pressemitteilung der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF)

Endlich wieder arbeiten am Tag der Arbeit 2020

Mit der vorschnellen Absage aller Kundgebungen zum 1. Mai hat der DGB zu erkennen gegeben, dass er nicht bereit ist, dem marktradikalen Corona-Crash-Kurs der Regierenden Widerstand entgegen zu setzen. Stattdessen „betet“ er nur das Regierungs-offizielle Solidaritätsgerede nach bzw. treibt es auf die Spitze, indem er den DGB-Vorsitzenden Hoffmann verkünden lässt: „Solidarität ist ansteckend!“

Beim DGB scheint man den Humor nicht verloren zu haben, obwohl längst klar ist, dass – verdeckt durch die Corona-Krise – ein gigantisches Bankenrettungs- und Umverteilungsprogramm zu Lasten der abhängig Beschäftigten und des Mittelstands durchgezogen wird, wovon auch Bundespräsident Steinmeier bereits gesprochen hat.

PPF-Sprecher Bernhard Nolz: „Die Meisten unserer Mitglieder sind gewerkschaftlich organisiert. Da erwarten wir schon von den Gewerkschaften eine tatkräftige Unterstützung für Genossenschaftsprojekte solidarischen Wirtschaftens oder bei der Übernahme insolventer Betriebe durch Mitarbeiter*innen-Räte oder der Überführung in gemeinnützige Gesellschaftsformen und Sozialgenossenschaften. Die von uns unterstützte Genossenschaft der Guten Bürger*innen (GDGB) tritt mit dem folgenden Aufruf an die Öffentlichkeit.“

GDGB zum 1. Mai 2020

SOLIDARITÄT BEDEUTET: Nach 87 Jahren

ENDLICH WIEDER ARBEITEN AM TAG DER ARBEIT 2020

Macht mit! Seid solidarisch!

Wir gehen zur Arbeit am Tag der Arbeit 2020

ARBEITEN gegen CORONA am TAG DER ARBEIT 2020

Genossenschaft Der Guten Bürger*innen

Kontakt: Bernhard Nolz, PPF-Sprecher, Zivilcourage-Preisträger, Friedenspreisträger, Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur, Kölner Str. 11, 57072 Siegen, 01718993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagoegen.de

April, April, Corona!

April, April, Corona

von Bernhard Nolz

Vorbemerkung am 31. März 2020

Gerade hatte ich meinen Text mit Corona-Aprilscherzen in Nächte-langer Arbeit fertig gestellt, da hieß es im Radio: „In diesem Jahr bitte keine Aprilscherze zu Corona. Dafür ist die Sache zu ernst.“

Oh, dachte ich, hat es doch schon zu viele Corona-Tote gegeben? Immer wenn es Terror-Tote gibt, solle man sich der Späße enthalten, lautet die Regierungs-offizielle Devise für solche Fälle. Eine weise Formel des rüstigen 130-jährigen Volker Bouffier. – April! April!

Wie macht das – stellte ich mir die Frage – Armin Laschet, der – gerne immer wieder – erklärt, dass er, komme, was da wolle, am Regieren Spaß habe? Er hat seinen Regierungsmitgliedern rote Pappnasen mit integriertem Mundschutz verpasst! – April! April!

Weil‘ s so schön war, ist der Armin gleich noch mal dran, bevor ich zu meinen vorbereiteten Aprilscherzen komme. „Wir müssen unser Leben entschleunigen“, hatte der Armin zu Corona gesagt. Armin so: Die zu Ende gedachte Entschleunigung des Lebens ist der Tod. – April! April!

Gerade eben haben sie – ich höre ja 24 Stunden lang Radio, wenn ich nicht gerade schlafe (Gähn! Gähn!) – berichtet, der Bundessicherheitsunrat hätte deutsche Waffenlieferungen an die Philippinen und an Ägypten genehmigt. Als Begründung wurde angeführt, dass die beiden Länder bisher von der Corona-Krise weitestgehend verschont geblieben sind und die Gewaltmaßnahmen der diktatorischen Machthaber unbefriedigende Ergebnisse erzielt hätten, so dass die Waffenlieferungen Hilfestellung leisten könnten, die Todesbilanzen in den beiden armen Ländern zu verbessern. – April! A…

Vorwärts und nicht vergessen: die Solidarität

Vorwärts und nicht vergessen: die Solidarität

Vorwärts, und nie vergessen / worin unsre Stärke besteht! / Vorwärts, nicht vergessen / Die Solidarität! // Proletarier aller Länder / Einigt euch, und ihr seid frei. / Eure großen Regimenter / Brechen jede Tyrannei! // Vorwärts, und nie vergessen / Die Solidarität!“

(Auszug aus dem „Solidaritätslied“ von Bertolt Brecht, Ernst Busch und Hanns Eisler, 1947)

Allein dieses Solidaritätslied, es gibt auch andere, wurde und wird von Millionen von Menschen im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung gesungen. In Deutschland denken wir aktuell an den Widerstand im Hambacher Forst, gegen den Hamburger G20-Gipfel, gegen Atomraketen in Büchel, gegen AKWs und Castor-Transporte u.a. Immer wieder wurden die Aktivist*innen von den Regierenden kriminalisiert. Eine Amnestie für die Verurteilten ist längst überfällig!

Die Mächtigen haben mit Abscheu auf die Wörter „Solidarität“ und „solidarisch“ geblickt, weil sie „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ bedeuten. Dann aber haben PR-Agenturen eine Umdeutung im Orwellschen Sinne empfohlen. Die Solidaritäts-Propaganda läuft in der „Corona-Krise“ auf Hochtouren. Unablässig wird uns Solidarität eingetrichtert: „Solidarität heißt Gehorsamkeit!“, „Solidarisch sein heißt einsam sein!“, „Solidarität heißt Null Toleranz!“

Im Solidaritätslied von Brecht/Busch/Eisler werden am Schluss die „Völker dieser Erde“ gefragt:

Wessen Morgen ist der Morgen? / Wessen Welt ist die Welt?“ So viel wissen wir: Unsere Welt ist nicht die Kapitalistische.

Bernhard Nolz, Kölner Str. 11, 57072 Siegen, Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, 01718993637, nolzpopp@web.de

Ich temme mich mit aller Kraft gegen das Vergessen

Mit jedem Tag nach den Mordtaten von Hanau und Volkmarsen mehren sich die Hinweise darauf, dass der hessische Verfassungsschutz erneut – wie schon beim NSU – seine Finger im Spiel haben könnte. Dazu die folgende Satire.

Hessischer Ruhestand

„Ich temme mich mit aller Kraft gegen das Vergessen!“ Die letzten Worte von Volker Bouffier. Denn unmittelbar danach habe der hessische Ministerpräsident das sich selbst auferlegte Schweigegelöbnis in Kraft gesetzt. Nach Hanau werde er, so Bouffier, im nächsten Vierteljahr an mindestens 120 Tagen schweigen. Sein Schweigeschwur solle sich immer automatisch um drei weitere Monate verlängern, bis alle hessischen Geheimagenten enttarnt und entwaffnet seien – höchstens jedoch um 120 Jahre. Alle darüber hinaus gehenden Regelungen unterlägen der Geheimhaltung. Nur so viel ist aus Kreisen der Lügenpresse bekannt geworden: Volker, der Schweigsame, habe eine Langzeitstudie über den hessischen Staatsterrorismus der 120 Jahre vor Beginn seiner Regentschaft in Auftrag gegeben. Das sei er den Opfern schuldig, die für uns alle auch ohne Mitwirkung des hessischen Verfassungsschutzes gestorben sind. Das Volk trat singend auf die Straße: „Wir lieben dich, Volkheer Bouf-vier / doch schöner ist es ohne dir!“

Bericht von Siegbärt, Siegener Berliner Bär, nieder geschrieben von Bernhard Nolz, Friedenspädagoge und Satiriker.

Rede zum 75. Jahrestag der Zerstörung Siegens am 16.12.1944

Bernhard Nolz

Rede zum 75. Jahrestag der Zerstörung Siegens am 16.12.1944

Liebes Publikum,

ich komme vom Zentrum für Friedenskultur. Aus Anlass des heutigen Tages möchte ich ein paar Worte verlieren über den Zustand der Friedenskultur in unserer Stadt und in unserem Land.

Seit Jahrzehnten erhebt die Siegerländer Friedensbewegung ihre Stimme gegen den Krieg. Der Ruf nach Frieden ist von den im Bundestag vertretenen Parteien – mit Ausnahme der LINKEN – nicht erhört worden. CDU/CSU, SPD, GRÜNE, FDP, AfD beschließen fortlaufend Kriegseinsätze der Bundeswehr, die gegen das Völkerrecht und gegen das Grundgesetz verstoßen. Was ist das für eine Volksvertretung, die sich für den Krieg begeistern kann?

Und was ist eigentlich in Siegen los? Hier erhielt die Friedensbewegung von der Stadtverwaltung und von den im Rat vertretenen Parteien – wieder mit Ausnahme der Partei Die Linke – zum diesjährigen Stadtfest die rote Karte: Unsere Spruchbänder und unsere Flyer mussten wir am 1. September in der Tasche lassen. Einen Info-Stand durften wir auch nicht aufbauen. Das fröhliche Stadtfest sollte nicht durch die Erinnerung an den Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 gestört werden. Vor 80 Jahren brachen die faschistischen Führer mit Unterstützung deutscher Banken und Rüstungsindustrieller den Krieg vom Zaume, der dann Siegen und vielen anderen Städten die alliierten Bombergeschwader bescherte. Jedes Jahr am 1.9. und am 16.12. soll sich eine Kultur der Erinnerung entfalten! Das ist unser Ziel.

Doch schon steht die nächste Störung der Friedenskultur in Siegen vor der Tür. Am Mittwoch stellt die Ratsversammlung das Recht auf freie Meinungsäußerung in Frage. Der Rat der Stadt will alle Menschen, die die Kriegsverbrechen des Staates Israel beim Namen nennen oder die gewaltsame Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch Israels Politik kritisieren, zu Antisemiten abstempeln. Ein solcher Beschluss spricht allen Beteuerungen der Stadt von Weltoffenheit und Toleranz Hohn. Die Friedensbewegung lässt sich nicht einschüchtern. Sie wird unbeirrt ihre Stimme gegen Krieg und Unrecht erheben und an der Seite der Unterdrückten stehen.

Nicht geschwiegen zu Krieg und Gewalt hat der Dichter Peter Handke. Der Literatur-Nobelpreisträger 2019 hat sich mit seinen Werken und mit seiner Person in die Diskussion über Krieg und Frieden eingemischt. Dafür ist er immer wieder von der Politik und von den Medien angegriffen worden. Vor allem haben die Mächtigen Peter Handke nie verziehen, dass er die Wahrheit über den Jugoslawienkrieg zutage gefördert hat. Der Dichter hat daran erinnert, dass deutsche und andere NATO-Truppen Serbien 1999 mit militärischer Gewalt überfallen haben. Das Land wurde zerstört und die Bevölkerung mit Uranmunition verseucht. Der NATO-Krieg gegen Serbien war illegal, d.h. er ist ein Kriegsverbrechen.

Nie im Leben hat die Friedensbewegung daran geglaubt, dass jemals wieder deutsche Soldaten andere Völker überfallen würden und die Bundeswehr serbische und syrische Städte in Schutt und Asche legen würde.

Wir bewundern Peter Handkes Wahrheitsliebe und sein Eintreten für den Frieden. Er gehört zu den Dichterinnen und Dichtern, die wir im Literaturcafé des Zentrums für Friedenskultur vorgestellt haben. Lesungen gegen das Vergessen! Das gilt insbesondere für die vielen jüdischen Autorinnen und Autoren, denen Wolfgang Popp und ich ein ganzes Buch gewidmet haben. Es trägt den Titel: „Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung“.

Peter Handke hat schon mit seinem ersten Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“ das Volk dazu aufgestachelt, sich dem Unrecht und der Gewalt von oben zu widersetzen. Bei der Uraufführung 1966 gab es begeisterte Zustimmung und lauthals Protest. Und manch einer spürte den Beginn bewegter Zeiten, die den Ruf nach mehr Demokratie und nach Entspannung und Frieden hervor bringen würden. Die 68-er hatten etwas verfrüht mit Handkes Provokation begonnen!

Sein 1970 erschienenes Buch „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ist kein Fußballroman, sondern die Geschichte von der Entfremdung eines Mannes im kapitalistischen Politik- und Wirtschaftssystem. Heute beherrschen drei Frauen, genauer drei Kriegerinnen, die politische Szene in Deutschland und Europa. Sie heißen Angela, Ursula und Annegret. Sie wollen mehr Verantwortung in der Welt übernehmen. Aber wie soll das mit Frauen und Männern gehen, die begeistert sind vom Krieg und von tödlichen Sanktionen. Die das Recht des Stärkeren durchsetzen und mit Atomwaffen drohen. Die die Militärausgaben in schwindelerregende Höhen treiben und mit Rüstungsexporten den Tod verbreiten. Die ihre eigenen Bevölkerungen ausplündern und anderen Völkern die Vernichtung verkünden?

Die Menschenrechte und das Völkerrecht, die zum Frieden verpflichten, kennen diese Krieger*innen nur in Sonntagsreden. Aber selbst dann wird die Jugend mit Abenteuerversprechungen in die Wehrmacht gelockt. Dem setzen wir unsere Forderung entgegen: „Keinen Euro mehr – für die Bundeswehr. Alles Geld – für die Kinder der Welt!“

Woher nehmen wir eigentlich die Kraft, unermüdlich für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen? – Die Antwort ist einfach: Wir wissen, dass das Volk unsere Friedenswünsche teilt, und – wir haben eine Vision für die Zukunft: Wir wollen eine friedliche Welt gewaltfrei durchsetzen. Deshalb sagen wir: NEIN zum Krieg!

Was können Künstlerinnen und Künstler für den Frieden tun?

Bernhard Nolz

Kunst-Frieden-Kultur

Was können Künstlerinnen und Künstler für den Frieden tun?

Heute Abend möchte ich Ihnen vermitteln, was Kunst, Kultur und Frieden miteinander zu tun haben und welche Rolle Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld zwischen Kultur und Frieden spielen bzw. spielen können. Jetzt haben aber weder Sie als Zuhörer*innen noch die Künstler*innen mit guten Ratschlägen zu rechnen. Sondern ich habe einige Gedanken und Ideen von Anderen zum Thema Kunst-Frieden-Kultur zusammengetragen und mit meinen Kommentaren versehen. Daraus hat sich eine Art von Vortrags-Kaleidoskop ergeben. Das Wort Kaleidoskop kommt aus dem Griechischen und bedeutet „schöne Formen sehen“. Für mich ist der Frieden immer noch die schönste Form des Zusammenlebens der Menschen. In meinem Kaleidoskop, d.h. in meinem Vortrag beleuchte ich die Zusammenhänge von Kunst, Kultur und Frieden aus einer friedenswissenschaftlichen Perspektive. Und ich bringe als Pazifist Aspekte aus der Friedensarbeit zur Sprache, die für alle diejenigen, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, eine Orientierung darstellen könnten. Sozusagen ein Wegweiser, wohin das Denken und Handeln gehen könnte, um die „Friedenskunst“ zu finden oder – noch besser – um die Friedenskunst zu erfinden.

Nicht erfunden ist, dass ich wegen meines friedenspädagogischen und friedenspolitischen Mutes im Jahr 2002 mit gleich zwei Preisen ausgezeichnet wurde: Mit dem Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung und mit dem Aachener Friedenspreis. Der Zivilcourage-Preis wird in Bodenwerder verliehen, der Münchhausen-Stadt. Und da gibt es eine kleine Erzählung von mir, wie der Offizier Baron von Münchhausen bei seinem Ritt auf der Kanonenkugel zum Friedenskämpfer wurde.

Diese Geschichte lese ich aber jetzt nicht vor, sondern einen Auszug aus meiner Urkunde zum Aachener Friedenspreis. Dort heißt es einleitend:

Frieden ist eine Grundhaltung, die Interessengegensätze auf den verschiedensten Ebenen so austrägt, dass damit dem Ausbruch von gewaltsamen Feindseligkeiten jeglicher Boden entzogen wird.“

Bevor ich im Text der Urkunde fortfahre, möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass Viele von Ihnen über die gleichen Friedenskompetenzen verfügen, die mir in der Urkunde zugesprochen werden:

Wir zeichnen Sie – Bernhard Nolz – aus, weil Sie Frieden gestiftet haben durch Gerechtigkeitssinn, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft – auch Feinden gegenüber – durch Gewaltlosigkeit, Zivilcourage, Tatkraft, Sachlichkeit und Herz.

Nun wissen Sie alles über mich. Zumindest ahnen Sie, wie gut mir die beiden Preise getan haben, nachdem ich wegen einer Friedensrede vor 3000 Schüler*innen im Jahre 2001 ins sauerländische Kierspe strafversetzt worden war. „Stadtfeind Nr. 1“ formulierte ein Stadtmagazin damals trefflich. 15 Jahre später stehe ich in der Städtischen Galerie Haus Seel und bin gerade mit der Einleitung zu meinem Vortrag über Kunst-Frieden-Kultur fertig geworden.

Als ausgefuchster Redner weiß ich, dass das Wichtigste am Anfang eines Vortrags gesagt werden muss. Zuvor kündige ich aber schon mal an, dass es in ein paar Minuten eine angenehme Unterbrechung geben wird. Dann zeige ich einen Videofilm, einen Ausschnitt aus der NDR-Satire-Sendung Extra Drei aus dem Jahre 1990. Es geht in dem Video – so viel sei schon mal verraten – um eine kulturelle Schiffskreuzfahrt in der Ostsee. Das Video hat zudem den Charme, dass es an der Kieler Förde aufgenommen wurde, wo der Künstler René Schoemakers, in dessen Werkpräsentation wir uns hier befinden, lebt und arbeitet und wo ich von 1982 bis 1994 gelebt habe, bis ich nach Siegen zog. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass René Schoemakers ein Künstler für den Frieden ist. Schauen Sie seine Arbeiten an. Am 30 April können wir hier im Haus Seel darüber mit ihm reden.

Nun zum wichtigsten Satz des ganzen Vortrags. Es handelt sich um ein abgewandeltes Zitat des brasilianischen Dichters Manoel de Barros und er lautet:

Darstellen, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Kunst.

Im Original lautet der Satz des Dichters auf Deutsch:

Schreiben, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Poesie.“

Poesie ist eine Kunst. Beide haben, wenn wir Manoel de Barros folgen, die Aufgabe, das darzustellen bzw. das zu benennen, was nicht geschieht. Diese Behauptung war auch für mich zunächst überraschend, sind wir doch – heute mehr denn je – darauf ausgerichtet, das, was geschieht, zu dokumentieren. Aber dann wurde mir der Zusammenhang von Kunst und Frieden klar. Was nicht geschieht, ist genau das, was geschehen müsste, damit Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität auf der Welt sich ausbreiten können. Deshalb ist es eine Aufgabe der Kulturschaffenden das zu sagen, was nicht geschieht und worüber geschwiegen werden soll. Z.B. über die Kriege, an denen die Bundeswehr beteiligt ist, oder über das Fehlen von Maßnahmen gegen die Kinderarmut in der Welt, auch in Deutschland. Ich denke Sie alle hätten Beispiele parat für das, was nicht geschieht, aber geschehen müsste. Darüber können wir im Anschluss diskutieren.

Poesie oder Kunst sind Synonyme, d.h. ähnliche Wörter, mit denen der Begriff Friedenskultur umschrieben werden kann. Sowohl die Kulturschaffenden als auch die Friedensbewegten richten ihre Blicke auf das, was möglich werden soll, was aber aktuell nicht geschieht bzw. verhindert wird.

Von Manoel de Barros habe ich Kenntnis erhalten im Jahr 2014, auf der Feier zu meinem 50-jährigen Abitur in Otterndorf, wo ich auch vor 73 Jahren geboren bin. Otterndorf, an der Elbe gelegen, in der Nähe von Cuxhaven, wohin die Siegener Kulturdezernentin Babette Bammann beruflich zurückgekehrt ist. Meine Mitabiturientin Britta Morisse Pimentel hat ein zweisprachiges Buch mit Texten von Manoel de Barros mit Fotos illustriert: „Canto do Mato – Gesang des Dickichts“, das sie uns auf der Abiturfeier in Otterndorf präsentierte. Da konnte ich von unseren vielfältigen interkulturellen Aktivitäten im Siegener Zentrum für Friedenskultur berichten, das ich zusammen mit meinem Partner Wolfgang Popp im Jahr 2000, dem UN-Jahr für eine Kultur des Friedens, gegründet habe.

Damit Sie es sich einprägen können, wiederhole ich noch einmal, was Aufgabe der Kunst ist: Darzustellen, was nicht geschieht!

Der Philosoph Hegel (1770 – 1831) hatte vor 200 Jahren ähnliche Vorstellungen, wenn er sagt: Aufgabe der Kunst ist es, das Wesen der Wirklichkeit zur Erscheinung zu bringen.

Genau das – vor allem aber das Unwesen der Wirklichkeit zu zeigen, haben sich die Satiriker*innen vorgenommen. Wobei die Satire – laut Kurt Tucholsky (1890 – 1935), der vor dem deutschen Faschismus nach Schweden floh, sowieso alles darf. Deshalb wird die Satire von den Mächtigen gefürchtet. Manchmal wird heutzutage den Satiriker*innen von Terroristen gewalttätig ins Wort gefallen. Wir alle denken an den abscheulichen Anschlag auf die Mitarbeiter*innen des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris.

Ob sich die Satire-Sendung Extra Drei in einem Beitrag aus dem Jahr 1990 noch den Grundprinzipien der Satire verpflichtet gefühlt hat, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie gleich den angekündigten Beitrag gesehen haben. Eine Satire zeichnet sich dadurch aus, dass sie Missstände aufgreift, sie unerbittlich kritisiert, aber zugleich eine bessere Lösung des Problems erkennen lässt. Als Kunstform erschöpft sie sich nicht in beißender Kritik an einer Thematik, sondern verfremdet das Thema und lässt immer einen humanen, d.h. einen Menschen-gerechten Weg erkennen.

Menschen werden wir, so der Philosoph, Pädagoge und Theologe Comenius (1592 – 1670), sofern wir in unserer Welt menschlich handeln.

Mit dieser 400 Jahre alten Weisheit habe ich Sie hoffentlich gut vorbereitet auf fünf Minuten Extra Drei. Bitte achten Sie am Anfang des Films auf die Äußerungen eines Kieler Politikers über einen Menschen aus unserer westfälischen Heimat.

(Filmvorführung)

Übrigens. Bei den Dreharbeiten habe ich nicht geahnt, dass ich der Angegriffene sein würde. Daraus wurde aber auch ein Ansporn, an der Verbesserung meiner eigenen Satiren zu arbeiten.

Wenn Schriftsteller*innen schreiben, dann schreiben sie nicht im luftleeren Raum. Künstler*innen schweben nicht „völlig losgelöst von der Erde“ so herum. Was sie gestalten, steht in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang, der immer mitgedacht werden muss. Im geteilten Deutschland entwickelten sich in Ost und West unterschiedliche Künste. Der respektlose Umgang der westdeutschen Staatsorgane mit den Bürger*innen der DDR, insbesondere auch mit den Künstler*innen, fanden ihren gewalttätigen Höhepunkt in der Bilder- und Bücherstürmerei und in der Schleifung von Kulturdenkmälern der DDR. Gegen diese Barbarei haben zu Wenige ihre Stimme erhoben. Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, deren Bundessprecher ich bin, gehörten und gehören dazu.

Nach dem Anschluss der DDR sollte vergessen gemacht werden, dass Kunst und Kultur immer politisch sind und sich mit ihren Werken zu aktuellen Themen äußern und Fragen aufwerfen, die sonst nicht gestellt werden. Dabei kommt den Künsten zu Gute, dass sie kommunikativ sind und zu Diskussionen auffordern. Dass auch Künstler*innen dabei nicht immer gewaltfrei gehandelt haben, zeigen z.B. die gegenseitigen Verrisse von Kunstwerken zu allen Zeiten.

Als beispielsweise der Dichter August von Platen (1796 – 1835), der aus seiner Männerliebe keinen Hehl machte, seinen Dichterkollegen Heinrich Heine (1797 – 1856) in einem Text als Juden verunglimpfte, setzte der sich gegen die Judendiskriminierung mit einer Schwulendiskriminierung zur Wehr, indem er vorschlug, jedem Vers Platens ein „von hinten und von vorn“ anzufügen. Das klänge dann so: „Und vor dir selbst sogar, o Herz, verhülle“ „Von hinten und von vorn.“ Den ganzen Reichtum deiner Liebesfülle!“ „Von hinten und von vorn.“

Vom Beispiel des Dichter-Mobbing kriege ich ganz schlecht die Kurve zum norwegischen Friedensforscher Johan Galtung (* 1930). Wie hoch er wertgeschätzt wird, zeigt sich u.a. darin, dass ihm über 50 Ehrendoktorhüte von Universitäten in aller Welt verliehen worden sind. Als junger Lehrer begeisterte ich mich in den 1970-er und 1980-er Jahren für die Kernaussagen von Galtungs Friedens- und Konflikttheorie. Die damalige Begeisterung hat bis heute gehalten. Vielleicht lassen sich die Künstler*innen anstecken.

Wenn wir über den Frieden sprechen wollen, müssen wir über die Überwindung von Gewalt reden. Gewalt liegt vor, wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich ist.

Uns Junglehrern gingen über diesen Satz vom Möglichen und Tatsächlichen die Augen auf. Wir wollten eine neue Pädagogik und eine einheitliche Schule für alle, in der jede*r sich nach seinen/ihren Möglichkeiten tatsächlich entwickeln kann. Fast fünfzig Jahre später – ich bin längst pensioniert – hätten wir mit der Inklusion die damaligen Ziele erreicht. Aber nun fehlt der politische Wille, die Inklusion auch konsequent durchzuführen. Und es fehlt vielerorts das Bewusstsein dafür, dass die Inklusion als Lebensprinzip die Einbeziehung aller – wirklich aller, die hier sind – beinhaltet.

Dem steht auch entgegen, dass die Staatspolitik nur noch die Sprache der Gewalt kennt, vornehmlich der Waffengewalt oder der Gewalt des Geldes. Besorgniserregend ist die Gewaltentwicklung bei der Justiz, die Gewalt der Polizei, die Gewalt der Verwaltung – immer betrachtet aus der Friedensperspektive vom Möglichen und Tatsächlichen. Kunst und Kulturaustausch scheinen nur noch schmückendes Beiwerk der Politik zu sein. Trotzdem müssen die Künstler*innen bedingungslos daran festhalten.

Dabei kommt ihnen Johan Galtung mit seiner Friedensethik zu Hilfe, die man auch als ein umfassendes Gewaltbekämpfungskonzept bezeichnen könnte. Was ursprünglich für die Lösung der großen Weltkonflikte gedacht war, eignet sich auch für alle anderen politischen oder persönlichen Konfliktlagen. Das haben u.a. die ca. 100 Seminararbeiten von Student*innen der Fernuniversität Hagen bewiesen, die Wolfgang Popp und ich begutachtet haben.

Galtung holt sein Friedensinstrumentarium aus der Medizin. In der Diagnose werden der Konflikt und die Konfliktparteien genau analysiert. Dann wird eine Prognose darüber abgegeben, was bei einem gewaltsamen Fortgang passiert, um dann eine Therapie anzubieten, wie der Konflikt ohne Gewalt gelöst werden kann.

Ansätze zur Konflikttransformation in gewaltfreie Lösungen ergeben sich bei allen drei Gewaltformen, die wir kennen: bei direkter Gewalt, bei struktureller Gewalt und bei kultureller Gewalt.

Direkte Gewalt, die auf den einzelnen Menschen als körperliche oder psychische Gewalt wirkt, als Bedrängung, Verletzung, Tötung oder als Verachtung, Verächtlichmachung, Demütigung, als symbolische oder reale Bestrafung.

Strukturelle Gewalt, die aus den Strukturen des politischen Zusammenlebens der Menschen kommt und meistens eher indirekt auf einzelne wirkt, z.B. als Einschränkung von Freiheiten, als Begrenzung durch Normen, Vorschriften, Befehle, als sogenannter Sachzwang.

Kulturelle Gewalt, die alle Aspekte von Kultur und der symbolischen Sphären unserer Welt umfasst, die dazu benutzt werden, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren. Man denke an Religionen und Ideologien, an Sprache, Kunst und Wissenschaft und Medien. Zur kulturellen Gewalt zählt auch der von der Regierung als Normalität hingestellte Zwang, als Soldat andere Menschen töten zu müssen. (symbolisch = sinnbildlich, etwas als Zeichen darstellen)

Im Neoliberalismus, der seit vier Jahrzehnten Europa beherrscht, vereinigt sich die wirtschaftliche Gewalt eines Konkurrenzsystems mit der staatlichen Gewalt- und Kriegskultur. Und da es, wie die britische Premierministerin (1975 – 1990) als Erste feststellte, keine Gesellschaft mehr gibt („There is no society!“), erübrigen sich im Grunde auch alle sozialen Programme. Wenn jeder gegen jeden kämpft, muss der Staat mit harten Gesetzen und ausreichenden Gefängnissen dafür sorgen, dass es auf die Weise einigermaßen zivilisiert zugeht. Bildung und Kultur sind in solchen politischen Zuständen nur für die da, die es sich leisten können. Im friedlichen Kampf gegen den Neoliberalismus bin ich auf Immanuel Kant gestoßen.

Zivilisation“ bedeutet für Kant, dass sich die Menschen zwar zu einem friedfertigen Miteinander erziehen und ihren Alltag bequem und praktisch einzurichten wissen. Aber zu einem menschenwürdigen Dasein reicht das friedfertige Verhalten des Einzelnen allein nicht aus. Hinzu kommen muss die zivilisatorische Ausformung durch kollektives Erinnern und gemeinschaftliches Entscheiden und Handeln. Um von Kultur sprechen zu können, muss nach Kant die „Idee der Moralität“ hinzutreten, d.h. die Menschen müssen bereit sein, ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einzurichten. Was „gute Zwecke“ sind, darüber gibt es weltweite Übereinkünfte, z.B. die Menschenrechte und den Frieden. Sie sind Voraussetzung für eine humane Lebensgestaltung, die auf vier Ebenen verwirklicht werden kann: 1) Frieden mit sich selbst finden. 2) Frieden zwischen den Menschen und Gruppen halten. 3) Frieden zwischen den Staaten und Völkern schaffen. 4) In Frieden mit der Natur leben.

Die marktkonforme Demokratie Merkelscher Prägung hat den kategorischen Imperativ Immanuel Kants (1724 – 1804) und die „guten Zwecke“ längst hinter sich gelassen. Im Konkurrenzkampf reicht es gerade mal für einen Bewusstseins-losen Konsumismus, der für die Zerstörung der Natur und der menschlichen Kultur sorgt. Weil es das Gemeinschaftliche, das Soziale nicht mehr geben soll, darf es auch keine Alternativen mehr geben – was aber gerade eine der Grundlagen der Demokratie ist. Jetzt hat die Ökonomie das Sagen. Die Ökonomie aber hat keine Moral (s. VW). Sie kennt außer den Profit keine „guten Zwecke“. Die ökonomischen Handlungsträger*innen können außerhalb der Wirtschaft als Mäzene gute Taten vollbringen und z.B. ein Museum stiften, das den Menschen zum Besuch gegen Entgelt offen steht. Womit ich zur Kunst zurück gekehrt bin. Schauen wir jetzt mal auf die Musik im Spannungsgeflecht von Kunst und Frieden.

Für den britischen Musikkritiker Ben Watson ist Musik „grundsätzlich unbewusste Kunst“ oder anders ausgedrückt: Musik ist „Bewusstseinsbildung mit Tönen statt mit Worten.“

Diese dialektische Wirkung von Musik erläutert der Psychoanalytiker Sebastian Leikert aus psychologischer Sicht und sieht darin die Umwandlung von sexuellem Begehren in soziales Handeln. Jede*r Konzertbesucher*in weiß, wovon ich spreche. Dabei geht es in der Musikgestaltung nicht so sehr um die Person, die geliebt wird, sondern um die „Beziehungsmodalitäten“ der Personen zueinander. Sind sie friedlich miteinander?

Durch Musik können Gedanken und Gefühle dafür entwickelt werden, wie die unvermeidbaren Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Die Musik verführt zu utopischen Vorstellungen. Davon kann ich als häufiger Besucher der Schubertiade in Vorarlberg oder auch des Apollo Siegen ein Lied singen. Musik führt wie die Poesie und alle Künste ins Utopische – von wo der Frieden mitgebracht wird.

Wir erreichen Momente intensiver Liebe und Verschmelzung sowohl in der Sexualität als auch in der Kunst“, sagt der Psychoanalytiker. Problematisch ist, dass wir permanent in Liebe und Harmonie leben wollen. „Aber das gibt es nicht als Flatrate“! Und der Psychoanalytiker schließt daraus, dass wir eine Kultur der Konfliktfähigkeit und der konstruktiven Konfliktbearbeitung in der Politik, in den persönlichen Beziehungen und in der Kunst benötigen. Das hieße aus meiner Sicht, die Dimensionen einer Kultur des Friedens mit Leben zu erfüllen.

In einer Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen (1999) heißt es u.a.: „Unter einer Kultur des Friedens ist die Gesamtheit der Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zu verstehen, die auf der Achtung des Lebens, der Beendigung der Gewalt sowie der Förderung und Übung von Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit beruhen; […] die auf der Einhaltung der Grundsätze der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Toleranz, der Solidarität, der kulturellen Vielfalt, des Dialogs und der Verständigung auf allen Gesellschaftsebenen und zwischen den Nationen beruhen und durch ein dem Frieden dienliches nationales und internationales Umfeld gefördert werden.“

Die globale neoliberale Gewaltpolitik bekämpft die Friedenskultur der Vereinten Nationen. Die Kunst hat die gleichen Ziele wie die Friedenskultur. Ziel der Beiden ist das psychische Wachstum des Menschen, das Erschließen neuer Möglichkeiten und das Überwinden von gesellschaftlicher Stagnation. Veränderungsprozesse zur Verbesserung des Lebens sind das Ziel. Musik, Literatur und bildende Künste erlauben es, in intensive emotionale Prozesse einzusteigen, die Potenziale für soziale Veränderungen in sich tragen.

Kunst hat die Möglichkeit, neue Fragen zu stellen und neue Konfliktfelder zu thematisieren. Sie ist aber auch „ohne weiteres in der Lage, destruktive Prozesse zu fördern und falsches Bewusstsein zu festigen.“

Die Kunst ist eher subversiv und sie setzt auf eine sanfte Wirkung – wie dieser Vortag auch.

Kunst ist eher nicht revolutionär. Es ist allerdings die Frage, ob das immer so bleibt, denn es war auch schon mal anders. Nicht selten haben Musik, Literatur, bildende und darstellende Künste die Menschen beflügelt, an revolutionären Prozessen teilzunehmen.

Für Johan Galtung ist Frieden eine revolutionäre Idee. Er sagt: Der Frieden soll mit friedlichen Mitteln erreicht werden. Das ist revolutionär, weil erstmalig eine Revolution gewaltfrei sein soll, was auch Mahatma Gandhi nur unvollständig gelang. Deshalb stellt auch Johan Galtung die Frage, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.

Diese Frage stellen sich die Künstler*innen auch, weil ihnen bewusst ist, dass Kunst das Lebensgefühl verändern kann und dass die Beschäftigung mit Kunst und die Teilnahme am kulturellen Leben einen wichtigen Teil des menschlichen Seins aus macht.

Der Kunsttheoretiker Moshe Zuckermann ist, was die Verwirklichung der Gewaltfreiheit betrifft, skeptisch: Er stellt fest: Je mehr die Verhältnisse „zur sozialen Kälte und Einsamkeit gerinnen, desto mehr steigt das drängende Bedürfnis nach neuen „herzerwärmenden“ Mythen, nach Ersatz für eine abhandengekommene Identität.“

Die soziale Realität „hat, so Zuckermann, mediale Apparaturen geschaffen, die das Autoritäre in ein nur vermeintlich demokratisch Gemeinschaftliches hat übergehen lassen. Aber: das Repressive, Ausbeutende und Entfremdende dieser sozialen Realität wurde nicht überwunden.

Dann kommt Zuckermann auf den Starkult zu sprechen. Der Starkult, nicht nur in der Musik, ermöglicht es den Mächtigen, das undemokratische Grundverhältnis der Unterdrückung zu überdauern.“ Die gleiche propagandistische Wirkung hat auch der negative politische „Starkult“ der immer neuen Hitlers: ob sie nun Saddam Hussein, Gaddafi, Milosevic, Bin Laden oder Putin heißen. Sie werden als Feindbilder eingesetzt, um Gewalt zu legitimieren.

Michael Zander (Kulturjournalist) gibt allerdings zu bedenken: Wenn der Popstar verschwindet, verschwände auch der Sprecher, der die „gemeinsamen Interessen der Menschen, die in Opposition zu den Herrschaftsverhältnissen stehen, ausdrücken könnte. Mit ihnen fehlen dann auch ebenso wütende wie eingängige Songs über Vertreibung aus den Innenstädten, über unbezahlte Praktika, Zwangsräumungen, Abschiebungen oder über die Schrecken von Imperialismus und Krieg.“

Magnus Møller-Ziegler (dänischer Kulturjournalist) bringt es auf den Punkt: „Revolutionäre Kunst politisiert die Ästhetik … und er zeigt die Beziehungen zwischen der Ästhetik und der politischen Ökonomie auf“ und ermutigt zum kollektiven Handeln. Fortschrittliche Kunst ruft zum Kampf für soziale Gerechtigkeit auf und erfüllt die zwei Kriterien des Philosophen Walter Benjamins (1892 – 1940) für progressive Kunst: „Zuerst bedarf es einer fortschrittlichen Form, und diese füllt man mit emanzipatorischem Inhalt.

Mit dem epischen Theater Bertolt Brechts wurde das Lessing‘ sche Diktum des Mitleidens und Mitfühlens der Zuschauer*innen bei der Theateraufführung überwunden. Das epische Theater will die ZuschauerInnen dazu bewegen, zu Erkenntnisprozessen zu gelangen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Denn der Widerspruch von künstlerischer Darstellung und gesellschaftlicher Realität wird ja nur im Drama aufgehoben. Dafür, dass aus der Theaterpraxis eine Gesellschaftspraxis wird, müssen die ZuschauerInnen selbst sorgen. Immer mehr Theaterleute machen dabei mit.

Die Frage ist, kann es mit Hilfe von Kunst und Kultur gelingen, die Politiker*innen ins kulturelle Boot zu holen, d.h. in die Gesellschaft zu re-integrieren und zur Aufhebung der Schuldenbremse zu motivieren.

Oder müssen wir alle noch deutlicher sagen, darstellen und schreiben, was nicht geschieht und was geschehen soll, damit wir dem Frieden näher kommen?

(Siegen, April 2017)

Weg mit den Atomwaffen! Hiroshima und Nagasaki mahnen!

Weg mit den Atomwaffen! – Hiroshima und Nagasaki mahnen!

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) ruft auf zum Gedenken an die Opfer der US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki (6./9. August 1945). Noch 74 Jahre später ist die Region Atom verseucht, sterben verstrahlte Menschen und werden missgebildete Kinder geboren. Auch in Deutschland (Büchel/Eifel) lagern US-Atombomben, die von Bundeswehr-Flugzeugen abgeworfen werden sollen!

Bernhard Nolz, Friedenspreisträger und ZFK-Geschäftsführer: „Europa muss – wie die ganze Welt – vor einem solchen Kriegs- und Strahlungsschicksal verschont bleiben, und deshalb müssen alle Atomwaffen verschrottet werden. Der Hiroshima-Tag ist der richtige Zeitpunkt, diese Forderung der Friedensbewegung zu unterstreichen.“

Damit wird auch an den von der Siegener Ratsversammlung beschlossenen ICAN-Städteappell zur Abschaffung der Atomwaffen angeknüpft, mit dem die Bundesregierung u.a. aufgefordert wird, Deutschland von den US-Atombomben zu befreien und das Aufrüsten zu beenden. Schon Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt, setzte darauf, dass der Krieg durch Verhandlungen und Verträge nachhaltig verhindert werden kann.

In diesem Sinne lastet auf der Bundesregierung eine besondere Verantwortung für den Frieden in Europa und für die friedliche Lösung von Konflikten. Denn nur auf diesem Wege ist die deutsche Wiedervereinigung möglich geworden, nicht durch militärische Bedrohungen oder Wirtschaftskriege und auch nicht durch Geheimdienstoperationen oder Atombomben.“ (Bernhard Nolz)

Zentrum für Friedenskultur (ZFK)

Kölner Str. 11, 57072 Siegen

0171-8993637, nolzpopp@web.de

www.friedenspaedagogen.de

Grußwort zum CSD Siegen 2019

Grußwort zum CSD Siegen 2019

von Bernhard Nolz

Liebe Freundinnen und Freunde,

diejenigen von euch, die vor zwei Jahren beim CSD dabei waren, werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich als Redner angekündigt war, aber dann kurzfristig abgesagt hatte.

2017, das war das Todesjahr meines Partners Wolfgang Popp, mit dem ich 25 Jahre zusammen gelebt hatte. Ich hatte in der Nacht einen unruhigen Schlaf gehabt, und als ich dann am Morgen des CSD-Tages aufwachte, wurde mir klar, dass ich nicht reden können würde. Zu groß war die Trauer über den Verlust des geliebten Mannes. Als ich dann ein paar Tage später von Freunden hörte und in der Zeitung lesen konnte, das beim CSD in würdiger und beeindruckender Weise an Wolfgang Popp erinnert worden war, war ich sehr glücklich.

An dieses positive Erlebnis möchte ich heute, zwei Jahre später, anknüpfen und euch von einem Ereignis berichten, das mich total happy gemacht hat und das euch sicher auch erfreuen wird:

Die Universität Siegen hat einen Wolfgang-Popp-Preis gestiftet, den Wolfgang-Popp-Preis für Geschlechterforschung. Mit dem Preis sollen Studentinnen und Studenten der Universität Siegen ausgezeichnet werden, die sich in Master- und Diplomarbeiten oder in anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Geschlechterfragen auseinander setzen. Der Preis wird erstmalig zum Beginn des kommenden Wintersemesters verliehen.

Wolfgang Popp, der als einer der Pioniere der Homosexualitätsforschung gilt, hätte seine Freude daran gehabt, dass junge Studierende mit einem Preis gefördert werden. Genau zu dem Zweck hatte er auch die August-von-Platen-Stiftung gegründet, die in ihrem 30-jährigen Bestehen viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem Stipendium unterstützt hat. Nach dem Tod von Wolfgang bin ich zum Vorsitzenden des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung gewählt worden.

Die August-von-Platen-Stiftung möchte das Preisgeld für den Wolfgang-Popp-Preis aufstocken, von 500 auf 1000 Euro. Dafür brauchen wir Spenden, denn wegen der Niedrigzins- bzw. Nullzinspolitik ist das Stiftungsvermögen schon weitestgehend weg geschmolzen. Da geht es uns wie vielen allen anderen Sparern auch, schleichend werden wir enteignet. Wir haben deshalb die Community, die Politik und die Wirtschaft um Spenden gebeten. Vielleicht kennt ihr auch noch jemanden, der oder die die Geschlechterforschung unterstützen möchte.

Übrigens: August von Platen (1796 – 1835) war der erste deutsche Dichter, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und wunderschöne Liebesgedichte geschrieben hat, z.B. das Folgende:

Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;

Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,

Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg

Mit ew’gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?

Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,

Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;

Was willst du noch? Was blickt die Sehnsucht noch umher?

Wirf Alles, Alles hin: du weißt, ich bleibe dir!

Ich finde das Gedicht wunderschön. In einem literarischen Streit hatte Platen den Dichter Heinrich Heine beleidigt, worauf hin der in herabwürdigender Weise Platens Dichtkunst wegen dessen Homosexualität in Frage stellte. Heine machte einen zwar witzigen, aber diskriminierenden Vorschlag, nämlich jeder Gedichtzeile ein „von hinten und von vorn“ hinzu zu fügen. Ich zeige es mal an zwei Versen:

Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang, von hinten und von vorn. Oder noch sexistischer: Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir; von hinten und von vorn.

Das war wenig Friedens-fördernd, kommt es doch damals wie heute darauf an, im Kleinen wie im Großen, Konflikte friedlich zu lösen und gewaltfrei miteinander umzugehen.

Mit den kämpferischen Demonstrationen beim CSD für die sexuelle Selbstbestimmung und für Geschlechtergerechtigkeit war weltweit immer auch das Verlangen nach Frieden verbunden. Deshalb haben sich auch die Geschlechterforschung und die Friedensforschung verbündet, um Gewaltverhältnisse aufzudecken und Gewalt zu reduzieren. Gerade hat die neue Bundesverteidigungsministerin erklärt, dass sie davon nichts hält und noch mehr EURO-Milliarden für Rüstung und Krieg ausgeben will. Und ich erinnere euch daran, dass bis heute die Verstrickungen des Staates und seiner Geheimdienste in die NSU-Morde unaufgeklärt sind. Herrschaftskritik also ist die Grundlage, um zu g esellschaftlichen Veränderungen zu kommen. Der Siegener CSD ist ein kleiner Baustein auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit. Ich glaube daran, dass wir mit unserer Fröhlichkeit, unserer Toleranz und unserer Menschenliebe ansteckend wirken. Es wird – zugegebenermaßen – nicht einfach sein, Neonazis, Gewaltverherrlicher und die Verächter der Menschenrechte auf unsere Seite zu ziehen. Aber versuchen können wir es.

Ich bin sehr gespannt, ob sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit solchen Themen im Rahmen des Wolfgang-Popp-Preises befassen werden. Ich kann vielleicht im nächsten Jahr davon berichten. Jetzt aber wollen wir es genießen, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein, und den Christopher Street Day gebührend feiern.

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