Zum Tag der Befreiung vom Faschismus

Von Abhängigkeiten und Befreiung

Anmerkungen zum 8./9. Mai 2019 von Bernhard Nolz

Befreiung vom Faschismus

Schon in einem kurzen Dokumentarfilm von der Siegesparade der US-Armee in Siegen am 9. Mai 1945 zeichnet sich das Problem mit der „Befreiung“ ab: Einer verstörten Bevölkerung in einer zerstörten deutschen Stadt präsentieren sich US-amerikanische Besatzungssoldaten mit blecherner Militärmusik als die neuen Herren. Sie sind es bis heute geblieben.

Am 8. Mai 1945 endete in Europa mit der Kapitulation Deutschlands der 2. Weltkrieg. In der DDR wurde von Anfang an dem 8. Mai als dem „Tag der Befreiung vom Faschismus“ gedacht. In Westdeutschland dauerte es 40 Jahre, bis 1985 diese Sichtweise auf den 8. Mai vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auch für die BRD für richtig erachtet wurde. Nach einigen Widerständen setzte sich Weizsäckers Ansicht durch, dass die Deutschen mit Kriegsende „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ befreit worden seien. Diese Betrachtungsweise hält sich bis heute. Auch im vereinigten Deutschland ist unvergessen, dass ohne die Rote Armee, die die Hauptlast des 2. Weltkriegs getragen hat, die Überwindung des Faschismus in Europa nicht möglich gewesen wäre.

US-Besatzungsherrschaft

74 Jahre nach Kriegsende ist das US-Militär (inklusive atomarer Bedrohung) immer noch in Deutschland stationiert und kommandiert von der US-Base Ramstein aus die weltweite Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie der USA und der anderen NATO-Staaten.

Es ist genau das, was Bundespräsident Weizsäcker im Jahr 1985 – allerdings auf andere Länder bezogen – als den „Übergang zu neuer Abhängigkeit“ nach dem 2. Weltkrieg bezeichnet hat.

Durch diese Abhängigkeit wird Deutschland in jeden Krieg, den die USA irgendwo auf der Welt anzetteln, mit hinein gezogen; und an US-Kriegen ist nun wahrlich kein Mangel. Die Befreiung aus dieser Spirale von Bedrohung und Krieg kann mit der Kündigung des Stationierungsabkommens erreicht werden. Dann müssten die US-Truppen Ramstein und andere Militärstandorte in Deutschland innerhalb von zwei Jahren verlassen. Das wäre der notwendige deutsche Beitrag zu einem Frieden in Europa, der Deutschland als derzeitigem Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) gut zu Gesicht stünde.

Keine Milliarden fürs Militär!

Parallel dazu müsste die Bundesregierung sich vom Druck des NATO-Partners USA befreien, der ständig danach drängt, immer mehr Geld für Militär, Rüstung und Krieg auszugeben. Statt Milliarden-Beträge zum Fenster hinaus zu werfen, müssen sie dringend in Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau, Verkehrswesen und Energieversorgung gesteckt werden. Nur so können Verwahrlosung und Ruin der öffentlichen Einrichtungen, wie sie in den USA zur Normalität geworden sind, verhindert werden. Wenn dann noch durch eine All-Parteien-Anstrengung von Bundestag und Bundesrat die „Schuldenbremse“ aus dem Grundgesetz entfernt wird und alle Banken verstaatlicht sind, ist der Weg frei für eine gedeihliche Entwicklung der deutschen Städte und Gemeinden, die dann wieder, wie auch die Länder und der Bund, über genügend Finanzmittel verfügen werden, um die anstehenden Aufgaben und den Investitionsrückstau zu bewältigen.

Befreiung von Gewalt und Krieg

Das wäre auch – und damit kehre ich an den Anfang meiner Ausführungen zurück – ein guter Grund für eine Siegener Siegesfeier und für entsprechende Video-Aufnahmen (des Jahres 2021): die Befreiung aus der Abhängigkeit von Neoliberalismus und Krieg.

Bernhard Nolz ist Friedenspädagoge, Aachener Friedenspreisträger und Träger eines Preises für Zivilcourage.

Rassist*innen nicht auf den Leim gehen

Stellungnahme der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) zum Kommentar von Marc Neumann „Antisemit*innen nicht auf den Leim gehen“

von Bernhard Nolz

In der nds 3-2019 (Neue deutsche Schule, Die Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft (GEW-NRW) schreibt sich Marc Neumann vom DGB NRW in einem Kommentar seinen astreinen Rassismus vom Leib. In seiner „Liebe zu Israel“ hat er jede Bodenhaftung verloren und verdammt die palästinensische Boykott-Kampagne (BDS) gegen den israelischen Unrechtsstaat in Grund und Boden. Dann fantasiert er „von Aufrufen zur Vernichtung Israels“ und verklärt Israel zu einer religiösen Demokratie (ein Widerspruch in sich), nicht ohne die Kritiker*innen der israelischen Gewaltverbrechen als „Antisemit*innen“ zu beschimpfen. So kennen wir Marc Neumann in Siegen (s.u.).

Die Aufgabe, als Referent des DGB zuständig für die Israel-Kontakte der DGB-Bezirke zu sein, scheint Marc Neumann den Blick auf die israelischen Realitäten verstellt zu haben. Nur so kann er die entscheidenden Tatsachen verschweigen: Israel missachtet völkerrechtliche Verpflichtungen, hält ein brutales Besatzungsregime in Palästina aufrecht, führt Kriege gegen Gaza und Nachbarstaaten (z.B. Syrien), tötet und verletzt Zivilisten und zerstört palästinensisches Eigentum.

Diesen unbestreitbaren Fakten und Brutalitäten, unter denen Palästinenser*innen und Israelis in unterschiedlicher Weise leiden, stellen sich über 100 palästinensische Organisationen mit einem Aufruf zum Boykott des Staates Israel (BDS) entgegen, um Israel zum Einlenken zu bringen. Was ist, fragen wir, ein palästinensischer Aufruf zum gewaltfreien Widerstand gegen die alltägliche israelische Militärmaschinerie des Tötens und Zerstörens?

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden gehen davon aus, dass in der GEW weiterhin friedenspolitische Grundsätze für die Beurteilung politischer Vorgänge von Bedeutung sind. Für den Israel-Palästina-Konflikt können sie lauten:

1) BDS ist eine legitime Widerstandskampagne palästinensischer Organisationen. 2) Die deutschen Gewerkschaften stehen auf der Seite der unterdrückten Palästinenser*innen. 3) Die Gewerkschaften fordern Israel auf, das Besatzungsregime zu beenden und das Völkerrecht und die Menschenrechte einzuhalten.

Außer Marc Neumann kenne ich keine Gewerkschafter*innen, die diese Aussagen als antisemitisch bezeichnen würden. Schon im 2. Absatz seines Beitrages macht Koll. Neumann allerdings deutlich, dass er seinen eigenen rassistischen Vorurteilen auf den Leim gegangen ist. Er leugnet generell die Existenz des Nahost-Konflikts, um ihn als einen Konflikt „innerhalb der deutschen Linken“ – zwischen deutschen „Israelfreunden“ und „Israelkritikern“ – darstellen zu können. Nur dadurch, dass er einer Spaltung dieser Beiden das Wort redet, kann er den „Israelkritikern“ die Relativierung des Holocaust vorwerfen und die anti-imperialistischen Kämpfe der Vergangenheit und Gegenwart, die auch die Gewerkschaften führen bzw. geführt haben, verunglimpfen.

Schließlich gleitet er in einen dumpfen Populismus ab, wenn er diskutiert haben möchte, wer längere Siedlungsrechte in Palästina besitzen könnte, oder wenn er den Kritikern Israels vorwirft, zu anderen Konflikten auf der Welt geschwiegen zu haben, oder wenn er die Ansicht vertritt, dass man „sich zunächst ein eigenes Bild der Situation vor Ort machen“ müsse, bevor man über „Ausgleich und friedliche Lösungen“ zwischen Israel und Palästina reden könne.

Wir fragen uns, wie solche und andere Dümmlichkeiten des Autors in die Zeitschrift einer Bildungsgewerkschaft gelangen konnten. Wir erleben Marc Neumann immer mal wieder, wie er – die Antisemitismuskeule schwingend – im heimischen Siegerland aufkreuzt. Trotzdem lassen wir uns nicht im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten beirren und hoffen die Gewerkschafter*innen und die nds-Mitarbeiter*innen an unserer Seite. Dass das der Fall ist, könnt ihr – wurde uns von dort mitgeteilt – in nds 5/2019 erfahren. Wir werden darüber berichten.

Schluss mit dem Rufmord gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“

Offener Brief an die Unterstützer*innen der Rufmordkampagne gegen die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“, der der Göttinger Friedenspreis verliehen werden soll.

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden fordern dringend dazu auf, sich der Kampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘ zu widersetzen und die ablehnende bzw. zögerliche Haltung zur Verleihung des „Göttinger Friedenspreis“ an die Organisation zu ändern.

Warum erwarten Friedenspädagog*innen das?

Erstens, weil die gegen die Organisation erhobenen Antisemitismus-Anschuldigungen ausnahmslos auf falschen Analogien, Täuschungen und Erfindungen basieren. Zweitens, weil Ihr Zurückweichen vor dieser Kampagne eine verheerende Botschaft aussendet, dass niemand in Deutschland davor geschützt ist, wegen seines Engagements für das internationale Recht sowie für die Bürger- und Bürgerrechte der Palästinenser als Antisemit verleumdet und zum Schweigen gebracht zu werden.

Was steckt hinter der Kampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘?

Die gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten e.V.“ (‚Jüdische Stimme‘) erhobenen Antisemitismus-Anschuldigungen zeigen nicht deren Antisemitismus, sondern die Furcht ihrer Gegner, dass die gewaltlose BDS-Kampagne der Vertreibung, Entrechtung und Beraubung der Palästinenser durch Israel ein Ende setzen könnte.

Die BDS-Kampagne will die Israels Existenz ebenso wenig auslöschen, wie die Anti-Apartheids-Kampagne die Existenz Südafrikas ausgelöscht hat. Die Kampagne ist eine reine Rechtskampagne, deren Programm darin besteht, dem internationalen Recht, den einschlägigen von Israel akzeptierten UN-Resolutionen sowie den Bürger- und Menschenrechten der Palästinenser Geltung zu verschaffen. Wer das für Antisemitismus hält, der weiß nicht was Antisemitismus ist.

Die Behauptung, dass die ‚Jüdische Stimme‘ eine antisemitische Kampagne unterstützen würde, ist propagandistisch. Die Tatsache, dass sich viele Prominente für die ‚Jüdische Stimme‘ verbürgt haben, zeigt, dass es sich bei den Mitgliedern der Organisation nicht um einige verwirrte Geister handelt. Er zeigt auch, dass es nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus geht – sondern um eine Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern inklusiver humanistischer Prinzipien auf der einen – sowie den Verfechtern exklusiver ethnizistischer Prinzipien auf der anderen Seite, wobei letztere nicht davor zurückschrecken, ihre Gegner schamlos als Antisemiten zu diskreditieren. Dieser Rufmord spaltet die israelische und die deutsche Gesellschaft und darf nicht unterstützt werden.

Die Jüdinnen und Juden der ‚Jüdischen Stimme‘ in Deutschland, deren Empathie nicht an den Grenzen der Abstammung oder der Religion halt macht und die sich daran beteiligen, der Unterdrückung der Palästinenser mit den Mitteln der gewaltlosen BDS-Kampagne ein Ende zu setzen, beweisen damit ihren Mut und ihren Humanismus; entgegen allen Versuchen ihrer Vereinnahmung bzw. Ausgrenzung durch Israel und entgegen der Anfeindungen durch israelische Rechts-Nationalisten und deren zahlreichen Freunde. Sie haben den „Göttinger Friedenspreis“ redlich verdient.

Frieden statt Aufrüstung – Nein zum Krieg – Proteste gegen die NATO-Sicherheitskonferenz

Proteste aus Siegen gegen die NATO-Sicherheitskonferenz (SIKO) in München am 16.02.19

Frieden statt Aufrüstung – Nein zum Krieg

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK), die Initiative „Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), mit Sitz in Siegen, sowie die AG Siegerländer Friedensbewegung (AGSF) unterstützen die Proteste gegen die NATO-Sicherheitskonferenz in München am kommenden Wochenende.

Bernhard Nolz, ehrenamtlicher Geschäftsführer bzw. Sprecher der Friedensorganisationen: „Die Kriegstreiberei der NATO-Staaten muss endlich an ein Ende kommen. Die Völker der Welt wollen Frieden. Deshalb gilt es, friedliche Kooperationen aufzubauen, gemeinsame wirtschaftliche Projekte zu entwickeln und den kulturellen Austausch über alle Grenzen hinweg zu fördern.“

In dieser Woche treffen sich Staats- und Regierungschefs mit Vertreter*innen aus Militär, Wirtschaft und Rüstungsindustrie, vorwiegend aus NATO-Staaten. Sie tagen im Bayerischen Hof – angeblich, um „einen Beitrag zur internationalen Sicherheit“ zu leisten. Tatsächlich geht es um die Rechtfertigung der NATO, ihrer Rüstungsausgaben und Kriegseinsätze, die uns als „humanitäre Interventionen“ verkauft werden.

Deshalb geht die Friedensbewegung am 16.02. in München gegen die SIKO auf die Straße:

Für Abrüstung und gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, für eine Welt ohne Militär, gegen Rüstungsexporte, gegen atomare Aufrüstung, gegen den ständigen Bruch des Völkerrechts, für den Austritt Deutschlands aus der NATO und allen Militärstrukturen der EU, für die Auflösung aller US- und NATO-Militärstützpunkte, für Frieden in Europa und gegen den Konfrontationskurs mit Russland, für soziale Sicherheit, Umweltschutz und Frieden, gegen eine ausbeuterische Handelspolitik, die Kriege, Armut und Flucht verursacht.

Bernhard Nolz: „Mit der Beteiligung an den Münchener Protesten gegen die NATO-Kriegsmaschinerie beginnt die Siegener Friedensbewegung mit ihren Aktivitäten im „Kriegsjubiläumsjahr 2019“. Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, brachen die deutschen Faschisten den 2. Weltkrieg vom Zaum, der als Eroberungskrieg gegen den Osten geplant war und zu Bombenangriffen der Alliierten gegen deutsche Städte, wozu auch Siegen gehörte, führte. In diesem Jahr ist es 75 Jahre her, dass Siegen durch einen solchen Angriff in Schutt und Asche gelegt wurde. Zusammen mit anderen Organisationen will die Siegerländer Friedensbewegung diese Gedenktage in angemessener Form würdigen und ihre Stimme gegen Krieg und Gewalt erheben.“

Kontakt: Bernhard Nolz, 0171-8993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de

Siegbärt Nr. 3

Siegbärt ● Der Berliner Bär aus Siegen

Bewegende Worte in den Mund gelegt von Bernhard Nolz

Nr. 3 ● Januar 2019

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich denke, es ist euch wie mir ergangen: Auch ihr habt an einen vorweihnachlichen Aprilscherz gedacht, als ihr zwei auf der gleichen Seite stehende Berichte in der Siegener Zeitung gelesen habt.

In dem einen Bericht ging es um die Privatisierung eines Teils des Unteren Schlossplatzes; in dem anderen Bericht darum, die grünen und roten Ampelmännchen-Symbole durch Figuren von Henner und Frieder zu ersetzen.

Der Privatisierungswahn der nordrhein-westfälischen Landesregierung scheint keine Grenzen zu kennen. Und auch Siegens Kommunalpolitiker*innen stoppen diese Auswüchse nicht. Jetzt also steht ein Teil des Schlossplatzes zum Verkauf an! Immer wieder wird öffentlicher Besitz – in der Demokratie ist es Volksvermögen – der privaten Ausbeutung preis gegeben, und die Bürger*innen müssen dann dafür zahlen, obwohl es ihnen gehört (Stichwort: Autobahnmaut).

Abschreckendes Beispiel für diese verfehlte Politik ist der öffentliche Nahverkehr. Da brachte die Privatisierung den Fahrer*innen von Bussen und Bahnen erhebliche Einkommensverluste und den Bahn- und Busbenutzer*innen Preiserhöhungen und Verschlechterungen, z.B. wenn man von Siegen (NRW) nach Köln (NRW) fahren wollte.

Nun soll uns auch der Schlossplatz weggenommen werden. Aber man kann doch nicht ein öffentliches Bodendenkmal – der Schlossplatz ist ein solches Denkmal – an private Firmen verkaufen! Wenn das durchkommt, muss ich befürchten, dass ich den Siegener Bürger*innen weggenommen und z.B. an die Firma „Bärenmarke“ verkauft werde!

So ernst ist es mit den Plänen, Henner und Frieder auf die Siegener Fußgängerampeln zu bekommen, nicht. Hier geht es (vorerst) auch nicht darum, Einnahmen zu erzielen. Vielmehr will die Stadt einiges Geld für ein Gutachten ausgeben, um die Frage klären zu lassen, in wieweit die Figuren „Henner“ und „Frieder“ überhaupt abstrahiert werden können, damit sie den bisherigen Ampelmännchen ähneln. Schließlich soll man ja keinen Herzinfarkt bekommen, wenn einem bei Rot (oder Grün?) ein Männchen mit einer Hacke entgegen springt bzw. mit einer Zange die Zehen abknipsen will.

Ich wenigstens würde es zurückweisen, wenn man mir vorschlagen würde, als Ampelmännchen posieren zu sollen. Ich denke, Henner und Frieder werden die gleiche Ansicht vertreten.

Aus gut unterrichteten Kreisen wurde mir zugetragen, dass die „Henner-und-Frieder-Ampelaktion“ den Weg zu einer lukrativen Vermarktung der Ampelsymbole ebnen soll. „McDonald’s“ (Rot) und „Subway“ (Grün) stünden schon in den Startlöchern. Beide wären zu Zugeständnissen bereit: Das rote „M-Zeichen“ müsste auf den Kopf gestellt werden, dann bedeutete es „Wait!“, „Warte!“. Damit es nicht zu Rot-Grün-Verwechslungen komme, würde der Name des anderen Bewerbers in „SubGay“ geändert. Das grüne „G“ hieße dann „Go!“, „Geh!“. Das wäre doch lustig!

Ich hoffe, dass sich die Vernunft durchsetzt.

Euer Siegbärt

© Siegbärt by Bernhard Nolz, Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, bewegt sich in kommunalen Bildungslandschaften und ist aktiv in der Friedensbewegung. Ehrenamtlich tätig als Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur (ZFK), Pädagogischer Leiter des Dunkelcafés Siegen – Lernort für Inklusion, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Vorsitzender des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung der Universität Siegen.

0171-8993637, 0271-23568535, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de

Friedenspolitische Forderungen zum Jahreswechsel 2018/19

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,

kurz vor Weihnachten hat uns Christine Schweitzer über eine Initiative des Bundes für Soziale Verteidigung (BSV) informiert, in der es darum geht, dazu beizutragen, dass ein Einmarsch türkischer Truppen in die kurdischen Gebiete Syriens verhindert wird.

So unterstützenswert diese Initiative ist, so kann sie nach Ansicht der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) nicht den Schwerpunkt der Aktivitäten der deutschen Friedensbewegung zum Jahreswechsel 2018/19 bilden.

Was wir vielmehr als Friedensbewegung von der Bundesregierung einfordern müssen, ist, dass sie den von US-Präsident Trump angekündigten vollständigen Truppenabzug aus Syrien zu einer breit aufgestellten Friedensinitiative nutzt, für die sie auch ihre EU- und NATO-Bündnispartner gewinnt und sich mit Russland abstimmt.

Eine entsprechende Friedensinitiative können wir von der Bundesregierung erwarten, die ja ab 2019 im UN-Sicherheitsrat als nichtständiges Mitglied vertreten sein wird. Wie wichtig die Beeinflussung der Bundesregierung ist, damit sie zu einer friedenspolitisch akzeptablen Position findet, erkennen wir einerseits an ihren hektischen und irrationalen Reaktionen auf die Trump’sche Rückzugsankündigung. Zum Anderen haben wir noch die Äußerung von Bundeskanzlerin Merkel im Ohr, die just, als Deutschland in den UN-Sicherheitsrat gewählt werden wollte, die Ansicht vertrat, dass der Völkerrechts-widrige Militärschlag der USA, Frankreichs und Großbritanniens gegen Syrien „nachvollziehbar und angemessen“ gewesen sei.

Man sieht, dass die Friedensbewegung gar nicht schnell genug hinterher kommt mit der Aufklärung über Völker- und Menschen-rechtliche Sachverhalte, die es im Dienste des Friedens in der Welt durch zu setzen gilt.

Zum angekündigten Abzug von US-Truppen aus Afghanistan fordert die die Friedensbewegung die Bundesregierung auf, nun ihrerseits die Bundeswehr unverzüglich und vollständig aus Afghanistan abzuziehen und sich an Friedensbemühungen zu beteiligen. Auch hier wäre eine deutsch-russische Friedensinitiative hilfreich, damit das Land, deren Menschen unter einem Jahrzehnte-langem Krieg zu leiden haben, endlich eine Aussicht auf Frieden bekommt. Die sieht Kriegsministerin von der Leyen überhaupt nicht, weil sie doch die US-Krieger*innen so „hoch engagiert“ erst kürzlich in Afghanistan habe kennen lernen können.

Bei so viel Kriegsbereitschaft der verantwortlichen deutschen Politiker*innen geht es außerdem noch friedenspolitisch darum, auf die Medienberichte über einen Abzug von US-Truppen aus Deutschland zu reagieren. Da muss die Friedensbewegung die Bundesregierung nun zum wiederholten Male auffordern, endlich das Stationierungsstatut für den Aufenthalt von US-amerikanischen Truppen in Deutschland sofort zu kündigen, damit Deutschland 2020 Besatzungs- und Atomwaffen-frei da stehen kann.

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) bitten Euch, diese Friedensinitiative zu unterstützen.

Bernhard Nolz

Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Aachener Friedenspreisträger, Träger des Preises für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung, Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur und Vorsitzender der Gesellschaft für Friedenserziehung e.V.

Gegen Rassismus und Krieg – für Frieden und Toleranz

Aufruf des Zentrums für Friedenskultur (ZFK) zum 16.12.2018

Zum Tag des Gedenkens an die Zerstörung Siegens am
16. Dezember 1944

Das Gedenken an die Zerstörung Siegens im 2. Weltkrieg hat eine lange Tradition. Der Beginn der offiziellen Gedenkfeiern lässt sich auf das Jahr 1950 zurück führen. Demonstrationen und Kundgebungen, Veranstaltungen und Aktionen der Siegerländer Friedensbewegung begannen 1981 und werden bis heute fortgeführt.

Wir erheben unsere Stimme gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit und verurteilen die Abschottungspolitik der EU gegenüber den Flüchtlingen, die aus den Kriegsgebieten in Afrika, im Nahen Osten und in Afghanistan fliehen. Neben dem Klimawandel und dem Landraub sind die von den NATO-Staaten geführten Kriege die Hauptursache für die Fluchtbewegungen. Deshalb fordern wir ein sofortiges Ende der Auslandseinsätze der Bundeswehr und der Rüstungsexporte sowie die Rückkehr der deutschen Politik zum Völkerrecht.

Für uns ist es unerträglich, dass die EU-Staaten Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder sie in die nordafrikanischen Flüchtlingslager und Elendsquartiere zurück transportieren.

Unsere Solidarität gilt den Flüchtlingen sowie den Helfer*innen auf den Rettungsschiffen; deshalb unterstützen wir die „Aktion Seebrücke“.

Darüber hinaus fordern wir die Stadt Siegen auf, Mitglied im Städtebündnis „Stadt der Zuflucht“ zu werden, weil wir darauf bauen, dass Flüchtlinge und Migrant*innen von der Bevölkerung Siegens willkommen geheißen werden. Grundlagen für diese Haltung sind weltanschauliche Toleranz und der Respekt vor der Würde des Anderen. Diese Werte verteidigen wir gegen rechtspopulistische Parolen, gegen Gewalt gegenüber Andersdenkenden und gegen nationalistische Hetze. Gleichzeitig fordern wir, die staatlichen Verstrickungen in die rechtsextremistische Gewalt- und Mordszene umgehend und endgültig zu beenden.

Für den inneren Frieden und ein respektvolles Miteinander ist es entscheidend, dass alle Menschen in sozialer Sicherheit und fürsorglicher Gemeinschaft leben können. Dazu müssen als erstes Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse und Sanktionen gegen Bezieher*innen von sozialer Grundsicherung überwunden werden.

Es trägt nach unserer Ansicht zum sozialen Frieden bei, wenn schrittweise alle Bereiche der Daseinsvorsorge gemeinschaftlich organisiert (z.B. in Sozialgenossenschaften) und größtenteils kostenlos angeboten werden. Dies sollte die Energie- und Wasserversorgung, die Abwasser- und Müllentsorgung, die Telekommunikation, den Nahverkehr, die Wohnungswirtschaft sowie die Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsbereiche umfassen.

Wir halten an der Vision von einer friedlichen und gerechten Welt fest und setzen uns ein für gewaltfreie Konfliktlösungen, für Völkerfreundschaft und für wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen auf Augenhöhe. Wir alle brauchen den Frieden zum Leben! Nieder mit dem Krieg!

Lesung am 15.12.18: Texte zum Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648)

Am Vortag des Siegener Gedenktages

NIEDER MIT DEM KRIEG!

Texte zum Dreißigjährigen Krieg

(1618 – 1648)

Lesung am Samstag, 15. Dezember 2018

um 15.00 Uhr

Zentrum für Friedenskultur (ZFK)

Kölner Str. 11 • Siegen-Oberstadt

Im Gedenken an die Opfer der Kriege:

NIEDER MIT DEM KRIEG!

In Erinnerung an Wolfgang Popp.

Es werden Texte vorgelesen aus dem von Wolfgang Popp heraus gegebenen „Lesebuch Dreißigjähriger Krieg. I: Eine Textsammlung aus der Barockliteratur, II: Literarische Texte von 1791 bis 1998“.

Siegbärt. Der Berliner Bär aus Siegen. Bewegende Worte in den Mund gelegt. Nr. 2

Siegbärt ● Der Berliner Bär aus Siegen

Bewegende Worte in den Mund gelegt von Bernhard Nolz

Nr. 2 ● Dezember 2018

Liebe Freundinnen und Freunde!

Eigentlich wollte ich euch bereits am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, ansprechen, bin ich doch das bekannteste Symbol für den Einheits- und Friedenswillen des deutschen Volkes, das nach der Ursprungsfassung des Grundgesetzes aufgefordert war, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Mit der Freiheit für mich war es in Siegen am 3. Oktober 2018 nicht weit her. Mitarbeiter der Stadt hatten mich schon lange vorher mit Metallgitterzäunen umstellt, so dass ich mich in einem Käfig befand, hinter Gittern wie ein Flüchtling.

Ich, das Symbol für Einheit und Freiheit, am Tag der Einheit hinter Gittern! Eine unwürdige Situation, in die mich die Stadt Siegen gebracht hatte. Ich ahnte nicht, dass ich mich – nachdem die Zäune irgendwann im Oktober entfernt worden waren – wenige Wochen später eingeklemmt zwischen Mauern und Weihnachtsmarktbuden wiederfinden würde. Ohne Kontakt zu den vorbei gehenden Oberstadtbesucher*innen, die mir sonst manch aufmunternden Blick zuwarfen, mich zu einem Erinnerungsfoto umarmten oder mich einfach nur zärtlich streichelten und mir etwas zuflüsterten. Nun aber friste ich mein einsames Leben hinter den Fassaden des Kommerz.

Und wieder naht der 16.12., Siegens Friedensgedenktag mit seiner Mahnung vor Krieg, Hass und Gewalt, den die Offiziellen der Stadt in diesem Jahr offenbar ohne mich begehen wollen.

Heute nun kam die Rettung in Form einer Delegation aus dem Zentrum für Friedenskultur (ZFK) und dem Dunkelcafé, dem Siegener Lernort für Inklusion.

Wir wollen dich in unsere Friedensarbeit zum 16.12. einbeziehen“, sagten sie zu mir. „Inklusion gilt für alle!“ Und sie fragten, wer wohl sonst außer mir über eine solch reiche Lebenserfahrung verfüge und die verborgenen Wünsche der Menschen kenne.

Gemeinsam erarbeiteten wir den Aufruf „Gegen Rassismus und Krieg – für Frieden und Toleranz“, den ich Euch hier vorstelle:

Aufruf zum Tag des Gedenkens an die Zerstörung Siegens am 16. Dezember 1944

Bürgerinnen und Bürger! Das Gedenken an die Zerstörung Siegens im 2. Weltkrieg hat eine lange Tradition. Der Beginn der offiziellen Gedenkfeiern lässt sich auf das Jahr 1950 zurück führen. Demonstrationen und Kundgebungen, Veranstaltungen und Aktionen der Siegerländer Friedensbewegung begannen 1981 und werden bis heute fortgeführt.

Wir erheben unsere Stimme gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit und verurteilen die Abschottungspolitik der EU gegenüber den Flüchtlingen, die aus den Kriegsgebieten in Afrika, im Nahen Osten und in Afghanistan fliehen. Neben dem Klimawandel und dem Landraub sind die von den NATO-Staaten geführten Kriege die Hauptursache für die Fluchtbewegungen. Deshalb fordern wir ein sofortiges Ende der Auslandseinsätze der Bundeswehr und der Rüstungsexporte sowie die Rückkehr der deutschen Politik zum Völkerrecht.

Für uns ist es unerträglich, dass die EU-Staaten Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder sie in die nordafrikanischen Flüchtlingslager und Elendsquartiere zurück transportieren.

Unsere Solidarität gilt den Flüchtlingen sowie den Helfer*innen auf den Rettungsschiffen; deshalb unterstützen wir die „Aktion Seebrücke“.

Darüber hinaus fordern wir die Stadt Siegen auf, Mitglied im Städtebündnis „Stadt der Zuflucht“ zu werden, weil wir darauf bauen, dass Flüchtlinge und Migrant*innen von der Bevölkerung Siegens willkommen geheißen werden. Grundlagen für diese Haltung sind weltanschauliche Toleranz und der Respekt vor der Würde des Anderen. Diese Werte verteidigen wir gegen rechtspopulistische Parolen, gegen Gewalt gegenüber Andersdenkenden und gegen nationalistische Hetze. Gleichzeitig fordern wir, die staatlichen Verstrickungen in die rechtsextremistische Gewalt- und Mordszene umgehend und endgültig zu beenden.

Für den inneren Frieden und ein respektvolles Miteinander ist es entscheidend, dass alle Menschen in sozialer Sicherheit und fürsorglicher Gemeinschaft leben können. Dazu müssen als erstes Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse und Sanktionen gegen Bezieher*innen von sozialer Grundsicherung überwunden werden.

Es trägt nach unserer Ansicht zum sozialen Frieden bei, wenn schrittweise alle Bereiche der Daseinsvorsorge gemeinschaftlich organisiert (z.B. in Sozialgenossenschaften) und größtenteils kostenlos angeboten werden. Dies sollte die Energie- und Wasserversorgung, die Abwasser- und Müllentsorgung, die Telekommunikation, den Nahverkehr, die Wohnungswirtschaft sowie die Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsbereiche umfassen.

Wir halten an der Vision von einer friedlichen und gerechten Welt fest und setzen uns ein für gewaltfreie Konfliktlösungen, für Völkerfreundschaft und für wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen auf Augenhöhe. Wir alle brauchen den Frieden zum Leben! Nieder mit dem Krieg!

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele von Euch – gerade in der Vorweihnachtszeit bzw. zum Jahresende – diesen Aufruf „Gegen Rassismus und Krieg – für Frieden und Toleranz“ unterstützen. Für mich kommt in ihm all das zum Ausdruck, was ich mir für die Zukunft wünsche. Als Berliner Bär weiß ich nur zu gut, dass ohne Frieden alles nichts ist. Lasst uns gemeinsam und gewaltfrei für den Frieden kämpfen.

In diesem Sinne noch eine freudige Nachricht: Von der AG Siegerländer Friedensbewegung wurde mir die Schirmherrschaft für die folgende Veranstaltung am 15. Dezember angetragen, zu der ich Euch ganz herzlich einlade.

Herzlich grüßt Siegbärt.

Am Vortag des Siegener Gedenktages

NIEDER MIT DEM KRIEG!

Texte zum Dreißigjährigen Krieg

(1618 – 1648)

Lesung am Samstag, 15. Dezember 2018

um 15.00 Uhr

Zentrum für Friedenskultur (ZFK)

Kölner Str. 11 Siegen-Oberstadt

Im Gedenken an die Opfer der Kriege:

NIEDER MIT DEM KRIEG!

Unter der Schirmherrschaft des Berliner Bären Siegbärt und in Erinnerung an Wolfgang Popp.

Es werden Texte vorgelesen aus dem von Wolfgang Popp heraus gegebenen „Lesebuch Dreißigjähriger Krieg. I: Eine Textsammlung aus der Barockliteratur,

II: Literarische Texte von 1791 bis 1998“.

Der Beutebacher Konvent

Der Beutebacher Konvent

von Bernhard Nolz

Immer wieder wird in der Friedensbewegung der Eindruck erweckt, als hätten alle im Bildungsbereich Tätigen den Beutelsbacher Konsens zu beachten. Wohin das führen würde, zeigt die folgende Geschichte. Vorsicht Satire!

Erst wollten wir das trollige Geschehen gar nicht glauben, das Veronika Niere da kürzlich passiert ist. Aber dann sehen wir sie vor uns sitzen und sie erzählt uns die ganze Geschichte.

Als sie schnellen Schrittes das Nestlé Gymnasium in H. betreten wollte, um einen Vortrag über konstruktive Konfliktbearbeitung im schulischen Kontext (KoKoKokosnuss) zu halten, stellte sich Schulleiter E. ihr in den Weg.

Tut mir leid“, Frau Niere, „wir sind eine Schule, an der die Regeln des Beutebacher Konvents gelten“, sagte er und deutete mit dem rechten Zeigefinger auf die beiden großen Umhängetaschen, die Veronika Niere immer mit sich schleppte.

Sie wissen doch, das Beide-Seiten-Darstell-Gebot, verehrte Frau Kollegin, ein Beutebacher Konvents Muss.“

Aber ich habe doch schon zwei Taschen dabei, auf jeder Seite eine!“

Das reicht nicht, das reicht nicht!“ Fast überschlug sich seine Stimme. „Die Aufschrift ist doch total einseitig, einseitiger geht’s nicht!“

Was steht denn da überhaupt drauf, fragte sich Veronika und stellte die schweren Taschen ab.

Stattwerk für gewaltfreies Handeln.“

Es muss heißen“, Schulleiter E. hatte sich wieder beruhigt, „es muss heißen: „Stattwerk für gewaltfreies Handeln und für Gewalttätigkeit.“

Oder“, inzwischen war die Lehrerin L., die Veronika Niere in die Schule eingeladen hatte, hinzu getreten, „oder Stattwerk für gewaltfreies Handeln und für gewaltfreies Nichtstun“.“

Richtig, Frau Kollegin“, sagte der Schulleiter, „immer müssen beide Seiten berücksichtigt werden. So will es der Beutebacher Konvent.

Was machen wir denn nun?“

Sie tauschen die beiden Taschen einmal aus oder drehen sie einfach um. – Aber da ist noch etwas: das Überrumpelungsverbot. Sie wissen schon, Beutebach-Grundsatz 2. Unser Schrittdetektor hat mir gemeldet, dass sie sich eines viel zu schnellen Schrittes dem Gebäude genähert haben. Das Sicherheitspersonal fühlte sich überrumpelt. Die 1. Terrorstufe wurde ausgerufen. Und auch die Schüler*innen hätten Angst bekommen, wenn sie mit solcher Geschwindigkeit ins Klassenzimmer gestürmt wären. Hier soll niemand überrumpelt werden. Hier geht es gemächlich zu, aber mit einem hohen Leistungsformat, um beide Seiten des deutschen Bildungserfolgs zu benennen.“

Gerade wollten die drei Gesprächspartner die Schule betreten, als Pfarrer Reinherr Dichterl einen Schritt vortrat. Er hatte im Hintergrund abwartend der Auseinandersetzung gelauscht. Nun bewegte er sich – mit ausgestreckten Händen die Bibel vor sich her tragend – zwischen die Diskutierenden hindurch.

Der Beutebacher Konvent ist geradezu ideal auf die Bibel abgestimmt. Sie ist so alt, dass sie niemanden mehr überrumpeln kann und sie hat ihren Geltungsbereich sogar in mehr als zwei christlichen oder ähnlichen Religionen.“

Halt!“, rief der Schulleiter, „Sie haben das Beutebacher „Allen-gerecht-werden-Prinzip“ vergessen, das wir in der Schule zu praktizieren haben.“

Mein Gott“, sprach Pfarrer Reinherr Dichterl, „Sie machen es uns aber schwer. Wenn jeder den Menschenrechten so viele Steine in den Weg legen würde, wie Sie der Bibel, dann hätten wir die Hölle auf Erden.“

Sollen wir bei unseren Seminaren jetzt auch noch den Terroristen gerecht werden?“, fragte Veronika Niere. „Dafür müsste ich mir erst noch das Plazet des Vereinsvorstands einholen.“

Allen gerecht zu werden, bedeute den Himmel auf Erden zu haben“, entgegnete kühl der Schulleiter.

Aber mein Vortrag ist doch 100% Schüler*innen-orientiert, also Beutebach-gerecht“, warf Frau Niere ein.

Wo kämen wir denn dahin“, fragte der Schulleiter, wissbegierig in die Runde blickend, „wo kämen wir hin, wenn wir Schüler-gerecht arbeiten würden? Ich kann es Ihnen sagen, verehrte Unfrieden-Friedens-Frau, in die Anarchie, in ein Bildungschaos! Und ich frage Sie, wollen Sie das?“

Heute können wir sowieso nichts mehr ausrichten“, sagte die Lehrerin. „Es klingelt in drei Minuten, und morgen ist der tatkräftige Offizier, Oberleutnant Kall, dran. Er wird um 8.00 Uhr in die Schule einmarschieren.“

Ich habe morgen einen auswärtigen Termin“, murmelte der Schulleiter, „aber als Klassenlehrerin werden Sie das mit Beutebach und der Bundeswehr schon hinkriegen. Der Mann ist noch jung.“

Dann könnten wir beide doch morgen wieder kommen und mit dem Oberleutnant zusammen in der Klasse auftreten“, sagte Veronika. Reinherr nickte zustimmend.

Das geht nach Beutebach schon gar nicht“, sagte der Schulleiter. „Der Beutebacher Konvent verlangt eindeutig, dass jede Referentin und jeder Referent im Vortrag beide Seiten ausgewogen zu berücksichtigen habe. D.h. wir können den Schüler*innen nicht zumuten, zweimal beide Seiten, also zweimal das Gleiche, anhören zu müssen. Gleichzeitig kann ich Sie und den feschen Oberleutnant nicht vom Beutebacher Konvent entbinden. Das würde mich meine Karriere kosten und meine liebe Kollegin mit ins Unglück reißen.“

Genau“, sagte die Lehrerin. Ich habe gerade vor ein paar Tagen von einem solchen tragischen Fall Kenntnis erhalten. Ein Bundeswehr-Offizier wurde disziplinarisch belangt, weil in seinem Vortrag nicht fünfmal – das ist das militärische Minimum – das Wort Frieden oder Friedensbewegung vorgekommen war. Ein Schüler hatte heimlich Protokoll geführt und den Militärischen Abschirmdienst alarmiert.“

So ist es“, sagte der Schulleiter. „Wie die Bundeszentrale für politische Bildung achtet auch die Bundeswehr auf strikte Neutralität in Sachen Bundeswehr in der Schule. Wie sollte man sonst um Tucholskys „Soldatenmörder“ und die Kriegstoten herum kommen?“

Dann wandte er sich an Veronika Niere und Reinherr Dichterl: „Kommen Sie lieber morgen Abend zum „Trollinger Nestlé Konvent“. Dort steht ein Viertele für Sie bereit, eh wir uns wegen Beutebach gegenseitig die Köpfe abreißen. In vino veritas“, sagte er.

Wir wissen nicht, wie der Abend im „Trollinger Nestlé Konvent“ ausgegangen ist. Wir müssen erst noch Pfarrer Reinherr Dichterl fragen, wie Weinseligkeit und Friedensfähigkeit zusammen passen, und bei Veronika Niere Erkundigungen einziehen, ob der Auftrag, reinen Wein einzuschenken, das Beutebacher Wahrheitsgebot verwässert.

Was wir wissen, ist, dass die Beutelsbacher Konkurrenz nicht untätig geblieben ist.