COOPERONA – Geschichten über kooperative Lebensweisen

COOPERONA1

Geschichten über kooperative Lebensweisen

von Bernhard Nolz

Der Bürgermeister als Bäcker

In einem Zeitungsbericht las ich kürzlich, dass die Kleinstadt Wolframs-Eschenbach, im bayerischen Franken nahe Nürnberg gelegen, eine kommunale Stadtbäckerei mit Café betreibt, die vorher zwei Jahre leer gestanden hatte. In Deutschland gibt es über 300 Dorfläden, aber eine von der Kommune betriebene Bäckerei ist einmalig, passt aber vom Modell her zur Spalter Stadtbrauerei, die der Stadt Spalt seit 140 Jahren gehört. Spalt ist nur 10 km Luftlinie von Wolframs-Eschenbach entfernt.

Museum der etwas anderen Art

Bevor ich auf die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte zurück komme, möchte ich bekunden, dass mein Herz an der Stadt Wolframs-Eschenbach hängt. Das hat zum Einen seinen Grund darin, dass mein verstorbener Partner Wolfgang Popp ganz in der Nähe, in Muhr am See, geboren wurde und wir viele wunderschöne Urlaube in Franken verbracht haben und dabei immer mal wieder Wolframs-Eschenbach besucht haben.

Zum Anderen beherbergt die Stadt das Wolfram von Eschenbach Museum, das dem mittelalterlichen Dichter Wolfram gewidmet ist, der den Beinamen von Eschenbach trug oder erhielt, obwohl nicht gesichert ist, dass er dort geboren ist. Witzig jedenfalls ist es, dass der Ort Obereschenbach 1917 nach dem Dichter in Wolframs-Eschenbach umbenannt wurde. So ähnlich wie die russische Stadt Nischni Nowgorod, die zu Sowjetzeiten (bis 1990) den Namen Gorki trug, nach dem dort geborenen Schriftsteller Maxim Gorki.

Im Museum hat mir besonders ein großer halbierter Globus imponiert. Er zeigt eine Karte vom damaligen Europa, in dessen Mittelpunkt Eschenbach eingezeichnet ist. Von dort sind Verbindungslinien zu Orten gezogen, an denen Wolfram sich aufgehalten hat. Andere bedeutende Städte gibt es auf der Karte nicht. Es entsteht ein völlig auf Wolfram bezogenes Bild von der Welt: eine faszinierende, in sich ruhende Vorstellung vom Weltengeschehen, das findet man in Wolframs-Eschenbach, möglicherweise auch im Gasthaus um die Ecke beim fränkischen Nationalgericht, dem Schäufele, einem Schweinebraten mit fränkischen Klößen, dazu einen Bocksbeutel (fränkischen Weißwein) oder Spalter Bier.

Nur: Im bayerischen Corona-Land ist weder das Museum geöffnet, noch kann ich ins Gasthaus einkehren. Doch schon im Nachbarort herrschen irische Verhältnisse: Wir werden zur Hintertür rein gewunken, müssen uns allerdings mit fränkischer Hausmannskost, Blut- und Leberwurst mit Sauerkraut, begnügen. Wasser, Wein und Bier fließen reichlich.

Solidarische Sozialgenossenschaften2 gegen die Lockdown-Verheerungen

Viele Dorfläden werden als Sozialgenossenschaften organisiert. In einer Sozialgenossenschaft schließen sich Menschen und Organisationen solidarisch zusammen, um im Rahmen der Selbsthilfe oder für andere Menschen soziale Aufgaben im Gemeinwesen zu übernehmen.

Wenn wir uns mit der Genossenschaft gedanklich auseinandersetzen, mit Anderen darüber sprechen oder Pläne entwickeln, dann holen wir uns zunächst einmal das Wort „Solidarität“ von den Mächtigen zurück und verwenden es wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung. Solidarisch sein bedeutet eben nicht, sich von den anderen Menschen zu isolieren und zu separieren, sondern es heißt, sich zusammen zu finden, um etwas Gemeinsames zu schaffen oder geeignete Maßnahmen gegen Unrecht und Unterdrückung zu ergreifen. Ein Beispiel für eine solche Maßnahme ist die Gründung von Genossenschaften3. Dabei ist mit Gegenwind zu rechnen.

Kommt die Innung zur Besinnung?

Im Fall der kommunalen Eschenbacher Stadtbäckerei kommt der Gegenwind vom Landesinnungsmeister für das bayerische Bäckerhandwerk: Die Errichtung einer städtischen Stadtbäckerei widerspreche dem Grundsatz und dem Ethos des freien Handwerks. Das ist aber gerade das Problem, dass das „freie Bäckerhandwerk“ von den Monopol-Anbietern kaputt konkurriert wird. Der Corona-Lockdown beschleunigt diese destruktiven kapitalistischen Prozesse. Die Bundesregierung und die Landesregierungen probieren es gerade aus: Wie lange dauert es, bis den kleinen und mittelständischen Unternehmer*innen die Luft ausgeht? Bevor es so weit ist, lasst uns kommunale und regionale Netzwerke für solidarisches Wirtschaften und Leben aufbauen. Die Bäckerei-Innungsverbände könnten sich daran beteiligen.

Umdenken – sonst sind die Aussichten trübe

Auch der bayerische Gemeindetag sieht die kommunale Stadtbäckerei kritisch. „Die öffentliche Hand soll nicht tun, was die Privatwirtschaft erfüllen oder sogar besser machen kann“, sagt dessen Sprecher, total ignorierend, dass der privatwirtschaftliche Bäcker in Wolframs-Eschenbach es eben nicht geschafft hat. Schon länger ist zu beobachten, dass die Gemeindetage das Wohl der Bürger*innen aus dem Blick verloren haben. Sie sollten sich schleunigst eines Besseren besinnen und gemeinsame Plattformen organisieren, die mit aktiver Beteiligung der Kommunen sozialgenossenschaftliche Neugründungen in allen gesellschaftlichen Bereichen fördern und unterstützen. Der Bürgermeister von Wolframs-Eschenbach scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben.

Solidarisch und friedlich geht es weiter

Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und der Landesregierungen haben das soziale und wirtschaftliche Leben in den Kommunen lahm gelegt. Die Regierenden halten an dem Corona-Narrativ fest, obwohl es längst entzaubert, d.h. widerlegt ist. Einem Gelingen unserer Zukunftspläne stehen die Regierenden noch im Wege. Das hindert uns aber nicht, das Zusammenleben solidarisch und friedlich zu gestalten. Dabei können wir uns die vielfältigsten Erfahrungen aus dem Genossenschaftswesen zunutze machen.

Anmerkungen

1) COOPERONA ist ein Kunstwort. Da steckt Kooperation, also Zusammenarbeit, drin. In heutigen Zeiten wird man Corona heraus lesen und im Kunstwort die Oper (musikalisches Werk), im Italienischen: Opera, vorfinden. Opera ist aber auch die Pluralform (Mehrzahl) von Opus, was ein künstlerisches oder auch wissenschaftliches Werk bezeichnet. Eine Oper ist eine musikalische Erzählung. Eine gesellschaftspolitische Erzählung wird Narrativ genannt. Es ist eine sinnstiftende Erzählung, mit der Einfluss darauf genommen wird, wie die Welt wahrgenommen werden soll.

Aktuelles Beispiel: das Corona-Narrativ. Es erzählt von einem neuartigen, mörderischen Virus, das nur durch einen Impfstoff besiegt werden kann. Deshalb müssen die Menschen in Isolation, d.h. ohne soziale Kontakte leben und Masken tragen. Für Verstöße gegen die Regeln werden harte Strafen verhängt und etliche Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt. Mit der Zerstörung von Wirtschaftsbetrieben, Kultur- und Sozialeinrichtungen, Vereinen und gesellschaftlichen Treffpunkten, Lockdown genannt, soll das Virus zermürbt und überwunden werden.

2) Jedes Mitglied einer Genossenschaft zeichnet einen oder mehrere Genossenschaftsanteile. Die Genossenschaft produziert nicht für den Markt, d.h. nicht die Gewinnmaximierung steht im Vordergrund, sondern immer die Förderung der Mitglieder und deren soziale oder kulturelle Belange. Die Genossenschaft verwaltet sich selbst und es gilt das gleiche Stimmrecht für alle Mitglieder. Wegen dieser partizipativen Ausrichtung und der Selbstverwaltung wird den Genossenschaften eine herausragende Rolle zugeschrieben, wenn es darum geht, Beteiligung zu fördern und neue Formen des Wirtschaftens auf lokaler Ebene auszuprobieren. http://blog.nonprofits-vernetzt.de/sozialgenossenschaften-eine-form-mit-potenzial/

3) Die Zukunft gehört der dezentralen Energieversorgung, z.B. genossenschaftlich betriebene Windräder und Solaranlagen.

Bernhard Nolz lebt in Siegen und bewegt sich in kommunalen Bildungslandschaften. Er ist Aachener Friedenspreisträger und Zivilcourage-Preisträger, 0171 8993637, nolzpopp@web.de

Friedensforderungen zum Ostermarsch 2021 in Siegen

Zentrum für Friedenskultur (ZFK) und Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden

Pressemitteilung

Die Waffen nieder!“ Forderungen zum Siegener Ostermarsch 2021

Für eine deutsche Friedenspolitik, für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt

Die Bundesregierung lässt sich trotz der weltweiten Pandemie nicht davon abhalten, Rüstungsgüter in Spannungsgebiete zu exportieren. Die Bundeswehr beteiligt sich weiterhin an Kriegen in Afghanistan, Syrien und in Afrika. Auch die völkerrechtswidrigen Sanktionen Deutschlands steigern das Leid anderer Völker.

Die Corona-Pandemie macht es notwendig, dass alle Kriegshandlungen und Waffenlieferungen sofort gestoppt werden und die Regierungen an die Verhandlungstische bei den Vereinten Nationen (UN) zurück kehren. Es ist unverantwortlich, dass die Bundesregierung Milliarden-Summen in die Rüstung und in Kriegsvorbereitungen steckt, statt z.B. die Bildungseinrichtungen und das Gesundheitssystem sachgerecht auszustatten. Entsprechende Reformen kämen allen Menschen im Siegerland zugute.

Menschenwürde und Freiheit, Demokratie und Frieden: Es ist schlecht bestellt um die Demokratie und den inneren Frieden in Deutschland. Die Parlamente haben die Menschenrechte und die Gewaltenteilung eingeschränkt. Bundes- und Landesregierungen halten es für notwendig, die Bevölkerung mit Freiheits-beraubenden und Existenz-vernichtenden Maßnahmen vor einem Virus zu schützen. Lockdown, Schutzmasken und Kontaktverbote zerstören den Zusammenhalt und bringen mehr Schaden als Nutzen.

Die Wiederherstellung der Menschenwürde und des inneren Friedens kann am besten dadurch erreicht werden, dass die Regierenden ihre Maßnahmen ab sofort am Gesundheitskonzept der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausrichten. Die WHO sieht vor, dass sich die Schutzmaßnahmen ganzheitlich auf die körperliche, geistige und soziale Gesundheit eines Menschen beziehen. Wenn die natürlichen menschlichen Ressourcen gefördert und gemeinschaftliche Gesundheitsziele formuliert werden, können wir uns auch im Siegerland wieder als freie Menschen begegnen.

Ansprechpartner: Bernhard Nolz, Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, 0171 8993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de

Krieg ist keine Lösung!

Mitteilung des Zentrums für Friedenskultur Siegen zum 19. Jahrestag des 11. September
(Bearbeitung eines verloren  gegangenen Beitrags)

Krieg ist keine Lösung!

Nach dem furchtbaren Terrorangriff auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 haben die USA sich mit einem Terrorkrieg gerächt und im Laufe der Jahre mehrere Länder überfallen und zerstört.

Mit militärischer Unterstützung der NATO-Staaten werden die kriegerischen Raubzüge, die Millionen Tote und Flüchtlinge gekostet haben, bis heute fortgesetzt.

Die US-amerikanischen Kriegsverbrechen türmen sich auf. Die Völkerrechtsverletzungen sind kaum noch zu zählen.

Auch Europa steht wegen der Lagerung von Atombomben unter der US-amerikanischen Kriegsbedrohung, denn die USA sind schon zweimal – in Hiroshima und Nagasaki – vor einem Atombombeneinsatz nicht zurück geschreckt.

Auf den Teilabzug der US-Army aus Deutschland – ohne Atomwaffen – reagieren die europäischen NATO-Staaten mit weiterer Aufrüstung und militärischen und politischen Drohgebärden gegen Russland. Und deutsche und französische Politiker*innen schmieden größenwahnsinnige Pläne für einen Militär-gestützten europäischen Imperialismus in den Teilen der Welt, die die USA frei lassen.

Aber wir in Europa haben weder das Geld für megateure Militärprojekte, noch können wir uns Konflikte mit Russland leisten.

Im aktuellen „Fall Nawalny“ demütigt sich die Bundesregierung selbst, indem sie dem Volk eine Story präsentiert, die die Corona-Lügen um Längen schlägt. Das ist das Ergebnis, wenn man sich der US-amerikanischen Gewalt- und Kriegslogik unterwirft und sich am geistlosen Russland-Bashing beteiligt, statt auf die mehrfachen russischen Abrüstungsvorschläge einzugehen.

Einen neuen Kalten Krieg kann Europa nicht gebrauchen. Europa braucht Frieden.

Dazu gehört, dass die Politiker*innen ihre Feindbilder überwinden und zur Kooperation bereit sind.

„Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig eine friedliche und konstruktive Zusammenarbeit der Staaten für das Wohlergehen der Menschheitsfamilie ist“, begründet Bernhard Nolz, Leiter des ZFK und Friedenspreisträger, die Forderungen der Friedensbewegung.

Sieg für die Meinungsfreiheit – in Siegen

Sieg für die Meinungsfreiheit – in Siegen

Kommentar zu einem Gerichtsentscheid des Landgerichts

von Bernhard Nolz und Jan Meyer-Krügel

In einer Zeit politischer Willkür, in der regierungskritische Beiträge auf youtube und anderen Internet-Plattformen zensiert oder gelöscht werden, hat das Siegener Landgericht am 26. Februar 2021 eine Lanze für die Meinungsfreiheit gebrochen und den Angeklagten in allen Punkten freigesprochen. Das ist umso bedeutsamer, als man sich in diesen Zeiten bereits eine Anzeige einhandeln kann, wenn man das Grundgesetz vor sich herträgt.

Im Berufungsprozess des Friedensaktivisten Hermann Theisen aus Hirschberg ging es um schwerwiegendere Vorwürfe: Auf Flugblättern hätte er Bundeswehrangehörige aufgefordert, die Öffentlichkeit über die Hintergründe der atomaren Teilhabe Deutschlands sowie über die von der US-Airbase Ramstein gesteuerten Drohnen-Einsätze aufzuklären. Das käme Aufforderungen zum Geheimnisverrat und zu Straftaten gleich.

Wie kommt der Fall zum Landgericht nach Siegen? Hermann Theisen hatte seine Flugblätter im Jahr 2019 auch vor der Hachenberg-Kaserne in Erndtebrück (Kreis Siegen-Wittgenstein) verteilt. Deswegen verurteilte ihn das Amtsgericht Bad Berleburg zu einer Geldstrafe. Hermann Theisen war damit nicht einverstanden. Die anderen Anklagepunkte waren vom Gericht fallen gelassen worden. Das wiederum gefiel der Staatsanwaltschaft nicht. So landete die Sache beim Landgericht Siegen.

Wir konnten eine faire Verhandlungsführung der Vorsitzenden Richterin Hambloch-Lauterwasser erleben. Sie gab dem Angeklagten ausreichend Gelegenheit, seine gewaltfreien Aktionen zu erklären und seine Beweggründe darzulegen.

Wie ein Akt politischer Manipulation und unzulässiger Einflussnahme wirkte auf uns ein Gutachten des Bundesverteidigungsministeriums, das die Aufforderung zum Geheimnisverrat durch den Angeklagten als gegeben ansah. Es ist aber gerade die Bundeswehr, die sich durch die Geheimhaltung der öffentlichen Kontrolle entzieht, was Hermann Theisen seit 30 Jahren mit seinen Aktionen kritisiert.

Dem Staatsanwalt ist es zu verdanken, dass das Ministerium mit seinem Gutachten selbst dafür sorgen konnte, sein fragwürdiges Verhalten an den Interessen der Bevölkerung nach Frieden und Abrüstung messen zu lassen.

Das Gericht zeigt mit seiner Entscheidung, dass es der Meinungsfreiheit in der politischen Auseinandersetzung einen hohen Rang einräumt. Es würdigt das friedenspolitische Engagement von Hermann Theisen und stellt es in den demokratischen Rahmen von Freiheit, Verantwortung und Partizipation.

Wir und die anderen sechs friedensbewegten Prozessbeobachter, die an der 5-stündigen Verhandlung teilgenommen haben, sehen uns durch das Urteil in unserer Ansicht bestätigt, dass die Prinzipien der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Gerichte als demokratische Errungenschaften gewährleistet bleiben müssen.

Dass das Gericht die Meinungsfreiheit gestärkt hat, ist ein Mut machendes Zeichen für alle Menschen, die in Corona-Zeiten um ihre Existenz kämpfen oder sich Sorgen um die Demokratie machen.

Zur Information ein Interview von 2019 mit Hermann Theisen bei Transparenz TV: https://www.youtube.com/watch?v=RLQf-cMoDFk

Bei den Aufnahmen haben sich Hermann Theisen und Bernhard Nolz kennen gelernt. Hier das Transparenz TV Interview mit Bernhard Nolz: https://www.youtube.com/watch?v=4064f8czDf4

Bernhard Nolz und Jan Meyer-Krügel sind ehrenamtlich im Siegener Zentrum für Friedenskultur tätig. Sie bewegen sich in kommunalen Bildungslandschaften und setzen sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung und mit anderen Benachteiligungen ein. Bernhard Nolz ist Aachener Friedenspreisträger und Träger eines Preises für Zivilcourage.

Zentrum für Friedenskultur (ZFK), Kölner Str. 11, 57072 Siegen

0271 2367694, 0171 8993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de

Siegen, 03.03.2021

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Spaltung und fehlende Integration in der Gesellschaft (1993)

Diagnose. Die Industriegesellschaften befinden sich in einer Sozialform, die durch hochgradige Auflösung verbindlicher Normen und Werte (Anomie) und der Sozialgefüge (Atomie) gekennzeichnet ist. Eine Gesellschaft wird zu einer Ansammlung isolierter Individuen, die von der egozentrischen Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes gesteuert werden. Der Computer ist eine Ikone, die auf einen Altar gehoben und vor der ein Gottesdienst abgehalten wird. Die menschliche Suche nach Sinn (durch verbindliche Normen und Werte) und nach Gemeinsamkeit (durch verbindliche soziale Beziehungen) wird starke und manchmal unerwartete Ausdrucksformen finden: Korruption, kriminelle Vereinigungen, Gewaltanwendungen, Sektenbildung, Nationalismus.

Prognose. Es werden sich Gruppen formen, wenn der Staat durch Anomie und Atomie, durch Gewalt und Korruption und weil er sich dem Markt unterwirft, zu einem „abwesenden“ Staat oder zum Polizeistaat wird. Die „Sekten“ werden vorwiegend als Geheimgruppen, auf Gewalt und Gehorsam beruhend, agieren.

Therapie. Die Menschenrechtstradition wird die Freiheit von Denken und Ausdruck der Sektierer und das Versammlungsrecht schützen, u.a. deshalb, weil ihre Kritik an der Gesellschaft zum größten Teil berechtigt ist.

Aber wir brauchen einen Sozialkontrakt, der durch die „Freiheit des Nicht-Ausdrucks“ und der „Nicht-Versammlung“, der Freiheit, nicht dazu zu gehören, ergänzt wird. Die Therapie darf nicht die Zwangsmaßnahmen des Staates verstärken.

Die Suche nach neuen Werten verspricht Erfolg. Neue Bewegungen sehen anfänglich sektiererisch aus, enthalten aber meistens wertvolle Wahrheiten. Wenn man gegen die Abwesenheit eines Sozialgefüges vorgehen will, dann braucht man Werte wie Solidarität und Gegenseitigkeit. Die gibt es in den Bewegungen in Hülle und Fülle, aber nicht in den Großformationen Gesellschaft und Markt. Der Staat sollte von den Bewegungen lernen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so: „Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Konflikt zwischen den Klassen und Globalisierung (1998)

Diagnose. In einer Welt, in der 358 Milliardäre mehr Vermögen besitzen als die halbe Menschheit, sollte die Metapher „Markt“ in Frage gestellt werden. Die Milliardäre kaufen und verkaufen nicht nur, sondern sie entscheiden auch über die Produkte und die Produktionsweisen, womit sie das Leben von Milliarden Menschen verändern (z.B. durch Stellenabbau bei der Automatisierung).

Globalisierung bedeutet die globale Teilhabe an den positiven und negativen Konsequenzen des Wirtschaftswachstums, wobei die nationalen Märkte immer mehr verschwinden, die Ungleichheit weltweit wächst und über all das hinaus die Zahl der Menschen, die als ökologische, wirtschaftspolitische, militärische und kulturelle Flüchtlinge ihre Heimat verlassen, ebenfalls wächst.

Mit der Mobilität (Verlagerung) ganzer Firmen auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und niedrigeren oder negativen Steuern (Anreizen), werden in vielen Ländern die Einnahmen des Staates zurückgehen.

Durch die Privatisierung wird der Prozess beschleunigt, indem dem Staat auch die Einkommen schaffenden Firmen genommen werden.

Der IWF verhält sich wie ein Arzt, der nur über eine einzige Medizin verfügt: Die Autonomie der Firmen vergrößern auf Kosten des Staates (Privatisierung, niedrige Steuern, Geldentwertung), auf Kosten der Arbeiter (Arbeitsflexibilität, Kontraktarbeit), auf Kosten des Landes (der Profit wird aus dem Land geschafft), und auf Kosten der Öffentlichkeit (keine Subventionen der Grundbedürfnisse, keine Steuern auf Luxusgüter).

Das Endresultat ist: Die Menschen am Boden der Gesellschaft werden geopfert.

Prognose. Das Ergebnis von alledem ist, dass die Krisen sich selbst erhalten; das System bewegt sich von einer Krise zur nächsten. Die Krise tritt dort auf, wo das System am schwächsten ist, und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Therapie der Symptome. Ein großer Krach, Rezession und Depression sind höchst wahrscheinlich.

Therapie. Massive Konflikte verlangen massive Heilmittel:

  • Die Wiedererfindung örtlicher Behörden: Eine Hauptaufgabe einer örtlichen Behörde sollte es sein, die Produktion zur Deckung der Grundbedürfnisse auf örtlicher Basis (oder in Konföderation von Gemeinden) zu koordinieren, um zu garantieren, dass sie gedeckt werden und dass das, was bis dahin von außen kam, nun im Innern hergestellt wird.
  • Die Wiedererfindung des Staates: Eine der Hauptaufgaben des Staates ist es, die Produktion normaler bzw. von Luxusgütern auf Staatsbasis (oder in einer Konföderation von Staaten) zu koordinieren und als Verteilungsagent zu wirken.
  • Die Wiedererfindung von Unternehmen: Die Unternehmen müssen soziale Verantwortung übernehmen und je nach deren Erfüllung oder Nichterfüllung belohnt oder bestraft werden.
  • Die Wiedererfindung einer Zivilgesellschaft: Das Gewissen der Verbraucher muss dazu führen, dass sie weiße und schwarze Listen von Herstellern führen und, diesen Listen entsprechend, Waren bevorzugen oder boykottieren.
  • Die Wiedererfindung der Medien: Die Medien sollen von den Geschäftsinteressen, Staatsinteressen und von der Zensur befreit werden.
  • Die Wiedererfindung globaler Kontrolle: Das würde eine massive Besteuerung von Spekulationsgewinnen bedeuten und die Garantie für die Erfüllung der Grundbedürfnisse der gesamten Menschheit als globales Menschenrecht für Weltbürger umfassen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

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