Was können Künstlerinnen und Künstler für den Frieden tun?

Bernhard Nolz

Kunst-Frieden-Kultur

Was können Künstlerinnen und Künstler für den Frieden tun?

Heute Abend möchte ich Ihnen vermitteln, was Kunst, Kultur und Frieden miteinander zu tun haben und welche Rolle Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld zwischen Kultur und Frieden spielen bzw. spielen können. Jetzt haben aber weder Sie als Zuhörer*innen noch die Künstler*innen mit guten Ratschlägen zu rechnen. Sondern ich habe einige Gedanken und Ideen von Anderen zum Thema Kunst-Frieden-Kultur zusammengetragen und mit meinen Kommentaren versehen. Daraus hat sich eine Art von Vortrags-Kaleidoskop ergeben. Das Wort Kaleidoskop kommt aus dem Griechischen und bedeutet „schöne Formen sehen“. Für mich ist der Frieden immer noch die schönste Form des Zusammenlebens der Menschen. In meinem Kaleidoskop, d.h. in meinem Vortrag beleuchte ich die Zusammenhänge von Kunst, Kultur und Frieden aus einer friedenswissenschaftlichen Perspektive. Und ich bringe als Pazifist Aspekte aus der Friedensarbeit zur Sprache, die für alle diejenigen, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, eine Orientierung darstellen könnten. Sozusagen ein Wegweiser, wohin das Denken und Handeln gehen könnte, um die „Friedenskunst“ zu finden oder – noch besser – um die Friedenskunst zu erfinden.

Nicht erfunden ist, dass ich wegen meines friedenspädagogischen und friedenspolitischen Mutes im Jahr 2002 mit gleich zwei Preisen ausgezeichnet wurde: Mit dem Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung und mit dem Aachener Friedenspreis. Der Zivilcourage-Preis wird in Bodenwerder verliehen, der Münchhausen-Stadt. Und da gibt es eine kleine Erzählung von mir, wie der Offizier Baron von Münchhausen bei seinem Ritt auf der Kanonenkugel zum Friedenskämpfer wurde.

Diese Geschichte lese ich aber jetzt nicht vor, sondern einen Auszug aus meiner Urkunde zum Aachener Friedenspreis. Dort heißt es einleitend:

Frieden ist eine Grundhaltung, die Interessengegensätze auf den verschiedensten Ebenen so austrägt, dass damit dem Ausbruch von gewaltsamen Feindseligkeiten jeglicher Boden entzogen wird.“

Bevor ich im Text der Urkunde fortfahre, möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass Viele von Ihnen über die gleichen Friedenskompetenzen verfügen, die mir in der Urkunde zugesprochen werden:

Wir zeichnen Sie – Bernhard Nolz – aus, weil Sie Frieden gestiftet haben durch Gerechtigkeitssinn, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft – auch Feinden gegenüber – durch Gewaltlosigkeit, Zivilcourage, Tatkraft, Sachlichkeit und Herz.

Nun wissen Sie alles über mich. Zumindest ahnen Sie, wie gut mir die beiden Preise getan haben, nachdem ich wegen einer Friedensrede vor 3000 Schüler*innen im Jahre 2001 ins sauerländische Kierspe strafversetzt worden war. „Stadtfeind Nr. 1“ formulierte ein Stadtmagazin damals trefflich. 15 Jahre später stehe ich in der Städtischen Galerie Haus Seel und bin gerade mit der Einleitung zu meinem Vortrag über Kunst-Frieden-Kultur fertig geworden.

Als ausgefuchster Redner weiß ich, dass das Wichtigste am Anfang eines Vortrags gesagt werden muss. Zuvor kündige ich aber schon mal an, dass es in ein paar Minuten eine angenehme Unterbrechung geben wird. Dann zeige ich einen Videofilm, einen Ausschnitt aus der NDR-Satire-Sendung Extra Drei aus dem Jahre 1990. Es geht in dem Video – so viel sei schon mal verraten – um eine kulturelle Schiffskreuzfahrt in der Ostsee. Das Video hat zudem den Charme, dass es an der Kieler Förde aufgenommen wurde, wo der Künstler René Schoemakers, in dessen Werkpräsentation wir uns hier befinden, lebt und arbeitet und wo ich von 1982 bis 1994 gelebt habe, bis ich nach Siegen zog. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass René Schoemakers ein Künstler für den Frieden ist. Schauen Sie seine Arbeiten an. Am 30 April können wir hier im Haus Seel darüber mit ihm reden.

Nun zum wichtigsten Satz des ganzen Vortrags. Es handelt sich um ein abgewandeltes Zitat des brasilianischen Dichters Manoel de Barros und er lautet:

Darstellen, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Kunst.

Im Original lautet der Satz des Dichters auf Deutsch:

Schreiben, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Poesie.“

Poesie ist eine Kunst. Beide haben, wenn wir Manoel de Barros folgen, die Aufgabe, das darzustellen bzw. das zu benennen, was nicht geschieht. Diese Behauptung war auch für mich zunächst überraschend, sind wir doch – heute mehr denn je – darauf ausgerichtet, das, was geschieht, zu dokumentieren. Aber dann wurde mir der Zusammenhang von Kunst und Frieden klar. Was nicht geschieht, ist genau das, was geschehen müsste, damit Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität auf der Welt sich ausbreiten können. Deshalb ist es eine Aufgabe der Kulturschaffenden das zu sagen, was nicht geschieht und worüber geschwiegen werden soll. Z.B. über die Kriege, an denen die Bundeswehr beteiligt ist, oder über das Fehlen von Maßnahmen gegen die Kinderarmut in der Welt, auch in Deutschland. Ich denke Sie alle hätten Beispiele parat für das, was nicht geschieht, aber geschehen müsste. Darüber können wir im Anschluss diskutieren.

Poesie oder Kunst sind Synonyme, d.h. ähnliche Wörter, mit denen der Begriff Friedenskultur umschrieben werden kann. Sowohl die Kulturschaffenden als auch die Friedensbewegten richten ihre Blicke auf das, was möglich werden soll, was aber aktuell nicht geschieht bzw. verhindert wird.

Von Manoel de Barros habe ich Kenntnis erhalten im Jahr 2014, auf der Feier zu meinem 50-jährigen Abitur in Otterndorf, wo ich auch vor 73 Jahren geboren bin. Otterndorf, an der Elbe gelegen, in der Nähe von Cuxhaven, wohin die Siegener Kulturdezernentin Babette Bammann beruflich zurückgekehrt ist. Meine Mitabiturientin Britta Morisse Pimentel hat ein zweisprachiges Buch mit Texten von Manoel de Barros mit Fotos illustriert: „Canto do Mato – Gesang des Dickichts“, das sie uns auf der Abiturfeier in Otterndorf präsentierte. Da konnte ich von unseren vielfältigen interkulturellen Aktivitäten im Siegener Zentrum für Friedenskultur berichten, das ich zusammen mit meinem Partner Wolfgang Popp im Jahr 2000, dem UN-Jahr für eine Kultur des Friedens, gegründet habe.

Damit Sie es sich einprägen können, wiederhole ich noch einmal, was Aufgabe der Kunst ist: Darzustellen, was nicht geschieht!

Der Philosoph Hegel (1770 – 1831) hatte vor 200 Jahren ähnliche Vorstellungen, wenn er sagt: Aufgabe der Kunst ist es, das Wesen der Wirklichkeit zur Erscheinung zu bringen.

Genau das – vor allem aber das Unwesen der Wirklichkeit zu zeigen, haben sich die Satiriker*innen vorgenommen. Wobei die Satire – laut Kurt Tucholsky (1890 – 1935), der vor dem deutschen Faschismus nach Schweden floh, sowieso alles darf. Deshalb wird die Satire von den Mächtigen gefürchtet. Manchmal wird heutzutage den Satiriker*innen von Terroristen gewalttätig ins Wort gefallen. Wir alle denken an den abscheulichen Anschlag auf die Mitarbeiter*innen des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris.

Ob sich die Satire-Sendung Extra Drei in einem Beitrag aus dem Jahr 1990 noch den Grundprinzipien der Satire verpflichtet gefühlt hat, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie gleich den angekündigten Beitrag gesehen haben. Eine Satire zeichnet sich dadurch aus, dass sie Missstände aufgreift, sie unerbittlich kritisiert, aber zugleich eine bessere Lösung des Problems erkennen lässt. Als Kunstform erschöpft sie sich nicht in beißender Kritik an einer Thematik, sondern verfremdet das Thema und lässt immer einen humanen, d.h. einen Menschen-gerechten Weg erkennen.

Menschen werden wir, so der Philosoph, Pädagoge und Theologe Comenius (1592 – 1670), sofern wir in unserer Welt menschlich handeln.

Mit dieser 400 Jahre alten Weisheit habe ich Sie hoffentlich gut vorbereitet auf fünf Minuten Extra Drei. Bitte achten Sie am Anfang des Films auf die Äußerungen eines Kieler Politikers über einen Menschen aus unserer westfälischen Heimat.

(Filmvorführung)

Übrigens. Bei den Dreharbeiten habe ich nicht geahnt, dass ich der Angegriffene sein würde. Daraus wurde aber auch ein Ansporn, an der Verbesserung meiner eigenen Satiren zu arbeiten.

Wenn Schriftsteller*innen schreiben, dann schreiben sie nicht im luftleeren Raum. Künstler*innen schweben nicht „völlig losgelöst von der Erde“ so herum. Was sie gestalten, steht in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang, der immer mitgedacht werden muss. Im geteilten Deutschland entwickelten sich in Ost und West unterschiedliche Künste. Der respektlose Umgang der westdeutschen Staatsorgane mit den Bürger*innen der DDR, insbesondere auch mit den Künstler*innen, fanden ihren gewalttätigen Höhepunkt in der Bilder- und Bücherstürmerei und in der Schleifung von Kulturdenkmälern der DDR. Gegen diese Barbarei haben zu Wenige ihre Stimme erhoben. Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, deren Bundessprecher ich bin, gehörten und gehören dazu.

Nach dem Anschluss der DDR sollte vergessen gemacht werden, dass Kunst und Kultur immer politisch sind und sich mit ihren Werken zu aktuellen Themen äußern und Fragen aufwerfen, die sonst nicht gestellt werden. Dabei kommt den Künsten zu Gute, dass sie kommunikativ sind und zu Diskussionen auffordern. Dass auch Künstler*innen dabei nicht immer gewaltfrei gehandelt haben, zeigen z.B. die gegenseitigen Verrisse von Kunstwerken zu allen Zeiten.

Als beispielsweise der Dichter August von Platen (1796 – 1835), der aus seiner Männerliebe keinen Hehl machte, seinen Dichterkollegen Heinrich Heine (1797 – 1856) in einem Text als Juden verunglimpfte, setzte der sich gegen die Judendiskriminierung mit einer Schwulendiskriminierung zur Wehr, indem er vorschlug, jedem Vers Platens ein „von hinten und von vorn“ anzufügen. Das klänge dann so: „Und vor dir selbst sogar, o Herz, verhülle“ „Von hinten und von vorn.“ Den ganzen Reichtum deiner Liebesfülle!“ „Von hinten und von vorn.“

Vom Beispiel des Dichter-Mobbing kriege ich ganz schlecht die Kurve zum norwegischen Friedensforscher Johan Galtung (* 1930). Wie hoch er wertgeschätzt wird, zeigt sich u.a. darin, dass ihm über 50 Ehrendoktorhüte von Universitäten in aller Welt verliehen worden sind. Als junger Lehrer begeisterte ich mich in den 1970-er und 1980-er Jahren für die Kernaussagen von Galtungs Friedens- und Konflikttheorie. Die damalige Begeisterung hat bis heute gehalten. Vielleicht lassen sich die Künstler*innen anstecken.

Wenn wir über den Frieden sprechen wollen, müssen wir über die Überwindung von Gewalt reden. Gewalt liegt vor, wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich ist.

Uns Junglehrern gingen über diesen Satz vom Möglichen und Tatsächlichen die Augen auf. Wir wollten eine neue Pädagogik und eine einheitliche Schule für alle, in der jede*r sich nach seinen/ihren Möglichkeiten tatsächlich entwickeln kann. Fast fünfzig Jahre später – ich bin längst pensioniert – hätten wir mit der Inklusion die damaligen Ziele erreicht. Aber nun fehlt der politische Wille, die Inklusion auch konsequent durchzuführen. Und es fehlt vielerorts das Bewusstsein dafür, dass die Inklusion als Lebensprinzip die Einbeziehung aller – wirklich aller, die hier sind – beinhaltet.

Dem steht auch entgegen, dass die Staatspolitik nur noch die Sprache der Gewalt kennt, vornehmlich der Waffengewalt oder der Gewalt des Geldes. Besorgniserregend ist die Gewaltentwicklung bei der Justiz, die Gewalt der Polizei, die Gewalt der Verwaltung – immer betrachtet aus der Friedensperspektive vom Möglichen und Tatsächlichen. Kunst und Kulturaustausch scheinen nur noch schmückendes Beiwerk der Politik zu sein. Trotzdem müssen die Künstler*innen bedingungslos daran festhalten.

Dabei kommt ihnen Johan Galtung mit seiner Friedensethik zu Hilfe, die man auch als ein umfassendes Gewaltbekämpfungskonzept bezeichnen könnte. Was ursprünglich für die Lösung der großen Weltkonflikte gedacht war, eignet sich auch für alle anderen politischen oder persönlichen Konfliktlagen. Das haben u.a. die ca. 100 Seminararbeiten von Student*innen der Fernuniversität Hagen bewiesen, die Wolfgang Popp und ich begutachtet haben.

Galtung holt sein Friedensinstrumentarium aus der Medizin. In der Diagnose werden der Konflikt und die Konfliktparteien genau analysiert. Dann wird eine Prognose darüber abgegeben, was bei einem gewaltsamen Fortgang passiert, um dann eine Therapie anzubieten, wie der Konflikt ohne Gewalt gelöst werden kann.

Ansätze zur Konflikttransformation in gewaltfreie Lösungen ergeben sich bei allen drei Gewaltformen, die wir kennen: bei direkter Gewalt, bei struktureller Gewalt und bei kultureller Gewalt.

Direkte Gewalt, die auf den einzelnen Menschen als körperliche oder psychische Gewalt wirkt, als Bedrängung, Verletzung, Tötung oder als Verachtung, Verächtlichmachung, Demütigung, als symbolische oder reale Bestrafung.

Strukturelle Gewalt, die aus den Strukturen des politischen Zusammenlebens der Menschen kommt und meistens eher indirekt auf einzelne wirkt, z.B. als Einschränkung von Freiheiten, als Begrenzung durch Normen, Vorschriften, Befehle, als sogenannter Sachzwang.

Kulturelle Gewalt, die alle Aspekte von Kultur und der symbolischen Sphären unserer Welt umfasst, die dazu benutzt werden, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren. Man denke an Religionen und Ideologien, an Sprache, Kunst und Wissenschaft und Medien. Zur kulturellen Gewalt zählt auch der von der Regierung als Normalität hingestellte Zwang, als Soldat andere Menschen töten zu müssen. (symbolisch = sinnbildlich, etwas als Zeichen darstellen)

Im Neoliberalismus, der seit vier Jahrzehnten Europa beherrscht, vereinigt sich die wirtschaftliche Gewalt eines Konkurrenzsystems mit der staatlichen Gewalt- und Kriegskultur. Und da es, wie die britische Premierministerin (1975 – 1990) als Erste feststellte, keine Gesellschaft mehr gibt („There is no society!“), erübrigen sich im Grunde auch alle sozialen Programme. Wenn jeder gegen jeden kämpft, muss der Staat mit harten Gesetzen und ausreichenden Gefängnissen dafür sorgen, dass es auf die Weise einigermaßen zivilisiert zugeht. Bildung und Kultur sind in solchen politischen Zuständen nur für die da, die es sich leisten können. Im friedlichen Kampf gegen den Neoliberalismus bin ich auf Immanuel Kant gestoßen.

Zivilisation“ bedeutet für Kant, dass sich die Menschen zwar zu einem friedfertigen Miteinander erziehen und ihren Alltag bequem und praktisch einzurichten wissen. Aber zu einem menschenwürdigen Dasein reicht das friedfertige Verhalten des Einzelnen allein nicht aus. Hinzu kommen muss die zivilisatorische Ausformung durch kollektives Erinnern und gemeinschaftliches Entscheiden und Handeln. Um von Kultur sprechen zu können, muss nach Kant die „Idee der Moralität“ hinzutreten, d.h. die Menschen müssen bereit sein, ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einzurichten. Was „gute Zwecke“ sind, darüber gibt es weltweite Übereinkünfte, z.B. die Menschenrechte und den Frieden. Sie sind Voraussetzung für eine humane Lebensgestaltung, die auf vier Ebenen verwirklicht werden kann: 1) Frieden mit sich selbst finden. 2) Frieden zwischen den Menschen und Gruppen halten. 3) Frieden zwischen den Staaten und Völkern schaffen. 4) In Frieden mit der Natur leben.

Die marktkonforme Demokratie Merkelscher Prägung hat den kategorischen Imperativ Immanuel Kants (1724 – 1804) und die „guten Zwecke“ längst hinter sich gelassen. Im Konkurrenzkampf reicht es gerade mal für einen Bewusstseins-losen Konsumismus, der für die Zerstörung der Natur und der menschlichen Kultur sorgt. Weil es das Gemeinschaftliche, das Soziale nicht mehr geben soll, darf es auch keine Alternativen mehr geben – was aber gerade eine der Grundlagen der Demokratie ist. Jetzt hat die Ökonomie das Sagen. Die Ökonomie aber hat keine Moral (s. VW). Sie kennt außer den Profit keine „guten Zwecke“. Die ökonomischen Handlungsträger*innen können außerhalb der Wirtschaft als Mäzene gute Taten vollbringen und z.B. ein Museum stiften, das den Menschen zum Besuch gegen Entgelt offen steht. Womit ich zur Kunst zurück gekehrt bin. Schauen wir jetzt mal auf die Musik im Spannungsgeflecht von Kunst und Frieden.

Für den britischen Musikkritiker Ben Watson ist Musik „grundsätzlich unbewusste Kunst“ oder anders ausgedrückt: Musik ist „Bewusstseinsbildung mit Tönen statt mit Worten.“

Diese dialektische Wirkung von Musik erläutert der Psychoanalytiker Sebastian Leikert aus psychologischer Sicht und sieht darin die Umwandlung von sexuellem Begehren in soziales Handeln. Jede*r Konzertbesucher*in weiß, wovon ich spreche. Dabei geht es in der Musikgestaltung nicht so sehr um die Person, die geliebt wird, sondern um die „Beziehungsmodalitäten“ der Personen zueinander. Sind sie friedlich miteinander?

Durch Musik können Gedanken und Gefühle dafür entwickelt werden, wie die unvermeidbaren Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Die Musik verführt zu utopischen Vorstellungen. Davon kann ich als häufiger Besucher der Schubertiade in Vorarlberg oder auch des Apollo Siegen ein Lied singen. Musik führt wie die Poesie und alle Künste ins Utopische – von wo der Frieden mitgebracht wird.

Wir erreichen Momente intensiver Liebe und Verschmelzung sowohl in der Sexualität als auch in der Kunst“, sagt der Psychoanalytiker. Problematisch ist, dass wir permanent in Liebe und Harmonie leben wollen. „Aber das gibt es nicht als Flatrate“! Und der Psychoanalytiker schließt daraus, dass wir eine Kultur der Konfliktfähigkeit und der konstruktiven Konfliktbearbeitung in der Politik, in den persönlichen Beziehungen und in der Kunst benötigen. Das hieße aus meiner Sicht, die Dimensionen einer Kultur des Friedens mit Leben zu erfüllen.

In einer Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen (1999) heißt es u.a.: „Unter einer Kultur des Friedens ist die Gesamtheit der Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zu verstehen, die auf der Achtung des Lebens, der Beendigung der Gewalt sowie der Förderung und Übung von Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit beruhen; […] die auf der Einhaltung der Grundsätze der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Toleranz, der Solidarität, der kulturellen Vielfalt, des Dialogs und der Verständigung auf allen Gesellschaftsebenen und zwischen den Nationen beruhen und durch ein dem Frieden dienliches nationales und internationales Umfeld gefördert werden.“

Die globale neoliberale Gewaltpolitik bekämpft die Friedenskultur der Vereinten Nationen. Die Kunst hat die gleichen Ziele wie die Friedenskultur. Ziel der Beiden ist das psychische Wachstum des Menschen, das Erschließen neuer Möglichkeiten und das Überwinden von gesellschaftlicher Stagnation. Veränderungsprozesse zur Verbesserung des Lebens sind das Ziel. Musik, Literatur und bildende Künste erlauben es, in intensive emotionale Prozesse einzusteigen, die Potenziale für soziale Veränderungen in sich tragen.

Kunst hat die Möglichkeit, neue Fragen zu stellen und neue Konfliktfelder zu thematisieren. Sie ist aber auch „ohne weiteres in der Lage, destruktive Prozesse zu fördern und falsches Bewusstsein zu festigen.“

Die Kunst ist eher subversiv und sie setzt auf eine sanfte Wirkung – wie dieser Vortag auch.

Kunst ist eher nicht revolutionär. Es ist allerdings die Frage, ob das immer so bleibt, denn es war auch schon mal anders. Nicht selten haben Musik, Literatur, bildende und darstellende Künste die Menschen beflügelt, an revolutionären Prozessen teilzunehmen.

Für Johan Galtung ist Frieden eine revolutionäre Idee. Er sagt: Der Frieden soll mit friedlichen Mitteln erreicht werden. Das ist revolutionär, weil erstmalig eine Revolution gewaltfrei sein soll, was auch Mahatma Gandhi nur unvollständig gelang. Deshalb stellt auch Johan Galtung die Frage, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.

Diese Frage stellen sich die Künstler*innen auch, weil ihnen bewusst ist, dass Kunst das Lebensgefühl verändern kann und dass die Beschäftigung mit Kunst und die Teilnahme am kulturellen Leben einen wichtigen Teil des menschlichen Seins aus macht.

Der Kunsttheoretiker Moshe Zuckermann ist, was die Verwirklichung der Gewaltfreiheit betrifft, skeptisch: Er stellt fest: Je mehr die Verhältnisse „zur sozialen Kälte und Einsamkeit gerinnen, desto mehr steigt das drängende Bedürfnis nach neuen „herzerwärmenden“ Mythen, nach Ersatz für eine abhandengekommene Identität.“

Die soziale Realität „hat, so Zuckermann, mediale Apparaturen geschaffen, die das Autoritäre in ein nur vermeintlich demokratisch Gemeinschaftliches hat übergehen lassen. Aber: das Repressive, Ausbeutende und Entfremdende dieser sozialen Realität wurde nicht überwunden.

Dann kommt Zuckermann auf den Starkult zu sprechen. Der Starkult, nicht nur in der Musik, ermöglicht es den Mächtigen, das undemokratische Grundverhältnis der Unterdrückung zu überdauern.“ Die gleiche propagandistische Wirkung hat auch der negative politische „Starkult“ der immer neuen Hitlers: ob sie nun Saddam Hussein, Gaddafi, Milosevic, Bin Laden oder Putin heißen. Sie werden als Feindbilder eingesetzt, um Gewalt zu legitimieren.

Michael Zander (Kulturjournalist) gibt allerdings zu bedenken: Wenn der Popstar verschwindet, verschwände auch der Sprecher, der die „gemeinsamen Interessen der Menschen, die in Opposition zu den Herrschaftsverhältnissen stehen, ausdrücken könnte. Mit ihnen fehlen dann auch ebenso wütende wie eingängige Songs über Vertreibung aus den Innenstädten, über unbezahlte Praktika, Zwangsräumungen, Abschiebungen oder über die Schrecken von Imperialismus und Krieg.“

Magnus Møller-Ziegler (dänischer Kulturjournalist) bringt es auf den Punkt: „Revolutionäre Kunst politisiert die Ästhetik … und er zeigt die Beziehungen zwischen der Ästhetik und der politischen Ökonomie auf“ und ermutigt zum kollektiven Handeln. Fortschrittliche Kunst ruft zum Kampf für soziale Gerechtigkeit auf und erfüllt die zwei Kriterien des Philosophen Walter Benjamins (1892 – 1940) für progressive Kunst: „Zuerst bedarf es einer fortschrittlichen Form, und diese füllt man mit emanzipatorischem Inhalt.

Mit dem epischen Theater Bertolt Brechts wurde das Lessing‘ sche Diktum des Mitleidens und Mitfühlens der Zuschauer*innen bei der Theateraufführung überwunden. Das epische Theater will die ZuschauerInnen dazu bewegen, zu Erkenntnisprozessen zu gelangen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Denn der Widerspruch von künstlerischer Darstellung und gesellschaftlicher Realität wird ja nur im Drama aufgehoben. Dafür, dass aus der Theaterpraxis eine Gesellschaftspraxis wird, müssen die ZuschauerInnen selbst sorgen. Immer mehr Theaterleute machen dabei mit.

Die Frage ist, kann es mit Hilfe von Kunst und Kultur gelingen, die Politiker*innen ins kulturelle Boot zu holen, d.h. in die Gesellschaft zu re-integrieren und zur Aufhebung der Schuldenbremse zu motivieren.

Oder müssen wir alle noch deutlicher sagen, darstellen und schreiben, was nicht geschieht und was geschehen soll, damit wir dem Frieden näher kommen?

(Siegen, April 2017)

Weg mit den Atomwaffen! Hiroshima und Nagasaki mahnen!

Weg mit den Atomwaffen! – Hiroshima und Nagasaki mahnen!

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) ruft auf zum Gedenken an die Opfer der US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki (6./9. August 1945). Noch 74 Jahre später ist die Region Atom verseucht, sterben verstrahlte Menschen und werden missgebildete Kinder geboren. Auch in Deutschland (Büchel/Eifel) lagern US-Atombomben, die von Bundeswehr-Flugzeugen abgeworfen werden sollen!

Bernhard Nolz, Friedenspreisträger und ZFK-Geschäftsführer: „Europa muss – wie die ganze Welt – vor einem solchen Kriegs- und Strahlungsschicksal verschont bleiben, und deshalb müssen alle Atomwaffen verschrottet werden. Der Hiroshima-Tag ist der richtige Zeitpunkt, diese Forderung der Friedensbewegung zu unterstreichen.“

Damit wird auch an den von der Siegener Ratsversammlung beschlossenen ICAN-Städteappell zur Abschaffung der Atomwaffen angeknüpft, mit dem die Bundesregierung u.a. aufgefordert wird, Deutschland von den US-Atombomben zu befreien und das Aufrüsten zu beenden. Schon Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt, setzte darauf, dass der Krieg durch Verhandlungen und Verträge nachhaltig verhindert werden kann.

In diesem Sinne lastet auf der Bundesregierung eine besondere Verantwortung für den Frieden in Europa und für die friedliche Lösung von Konflikten. Denn nur auf diesem Wege ist die deutsche Wiedervereinigung möglich geworden, nicht durch militärische Bedrohungen oder Wirtschaftskriege und auch nicht durch Geheimdienstoperationen oder Atombomben.“ (Bernhard Nolz)

Zentrum für Friedenskultur (ZFK)

Kölner Str. 11, 57072 Siegen

0171-8993637, nolzpopp@web.de

www.friedenspaedagogen.de

Grußwort zum CSD Siegen 2019

Grußwort zum CSD Siegen 2019

von Bernhard Nolz

Liebe Freundinnen und Freunde,

diejenigen von euch, die vor zwei Jahren beim CSD dabei waren, werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich als Redner angekündigt war, aber dann kurzfristig abgesagt hatte.

2017, das war das Todesjahr meines Partners Wolfgang Popp, mit dem ich 25 Jahre zusammen gelebt hatte. Ich hatte in der Nacht einen unruhigen Schlaf gehabt, und als ich dann am Morgen des CSD-Tages aufwachte, wurde mir klar, dass ich nicht reden können würde. Zu groß war die Trauer über den Verlust des geliebten Mannes. Als ich dann ein paar Tage später von Freunden hörte und in der Zeitung lesen konnte, das beim CSD in würdiger und beeindruckender Weise an Wolfgang Popp erinnert worden war, war ich sehr glücklich.

An dieses positive Erlebnis möchte ich heute, zwei Jahre später, anknüpfen und euch von einem Ereignis berichten, das mich total happy gemacht hat und das euch sicher auch erfreuen wird:

Die Universität Siegen hat einen Wolfgang-Popp-Preis gestiftet, den Wolfgang-Popp-Preis für Geschlechterforschung. Mit dem Preis sollen Studentinnen und Studenten der Universität Siegen ausgezeichnet werden, die sich in Master- und Diplomarbeiten oder in anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Geschlechterfragen auseinander setzen. Der Preis wird erstmalig zum Beginn des kommenden Wintersemesters verliehen.

Wolfgang Popp, der als einer der Pioniere der Homosexualitätsforschung gilt, hätte seine Freude daran gehabt, dass junge Studierende mit einem Preis gefördert werden. Genau zu dem Zweck hatte er auch die August-von-Platen-Stiftung gegründet, die in ihrem 30-jährigen Bestehen viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem Stipendium unterstützt hat. Nach dem Tod von Wolfgang bin ich zum Vorsitzenden des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung gewählt worden.

Die August-von-Platen-Stiftung möchte das Preisgeld für den Wolfgang-Popp-Preis aufstocken, von 500 auf 1000 Euro. Dafür brauchen wir Spenden, denn wegen der Niedrigzins- bzw. Nullzinspolitik ist das Stiftungsvermögen schon weitestgehend weg geschmolzen. Da geht es uns wie vielen allen anderen Sparern auch, schleichend werden wir enteignet. Wir haben deshalb die Community, die Politik und die Wirtschaft um Spenden gebeten. Vielleicht kennt ihr auch noch jemanden, der oder die die Geschlechterforschung unterstützen möchte.

Übrigens: August von Platen (1796 – 1835) war der erste deutsche Dichter, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und wunderschöne Liebesgedichte geschrieben hat, z.B. das Folgende:

Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;

Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,

Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg

Mit ew’gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?

Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,

Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;

Was willst du noch? Was blickt die Sehnsucht noch umher?

Wirf Alles, Alles hin: du weißt, ich bleibe dir!

Ich finde das Gedicht wunderschön. In einem literarischen Streit hatte Platen den Dichter Heinrich Heine beleidigt, worauf hin der in herabwürdigender Weise Platens Dichtkunst wegen dessen Homosexualität in Frage stellte. Heine machte einen zwar witzigen, aber diskriminierenden Vorschlag, nämlich jeder Gedichtzeile ein „von hinten und von vorn“ hinzu zu fügen. Ich zeige es mal an zwei Versen:

Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang, von hinten und von vorn. Oder noch sexistischer: Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir; von hinten und von vorn.

Das war wenig Friedens-fördernd, kommt es doch damals wie heute darauf an, im Kleinen wie im Großen, Konflikte friedlich zu lösen und gewaltfrei miteinander umzugehen.

Mit den kämpferischen Demonstrationen beim CSD für die sexuelle Selbstbestimmung und für Geschlechtergerechtigkeit war weltweit immer auch das Verlangen nach Frieden verbunden. Deshalb haben sich auch die Geschlechterforschung und die Friedensforschung verbündet, um Gewaltverhältnisse aufzudecken und Gewalt zu reduzieren. Gerade hat die neue Bundesverteidigungsministerin erklärt, dass sie davon nichts hält und noch mehr EURO-Milliarden für Rüstung und Krieg ausgeben will. Und ich erinnere euch daran, dass bis heute die Verstrickungen des Staates und seiner Geheimdienste in die NSU-Morde unaufgeklärt sind. Herrschaftskritik also ist die Grundlage, um zu g esellschaftlichen Veränderungen zu kommen. Der Siegener CSD ist ein kleiner Baustein auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit. Ich glaube daran, dass wir mit unserer Fröhlichkeit, unserer Toleranz und unserer Menschenliebe ansteckend wirken. Es wird – zugegebenermaßen – nicht einfach sein, Neonazis, Gewaltverherrlicher und die Verächter der Menschenrechte auf unsere Seite zu ziehen. Aber versuchen können wir es.

Ich bin sehr gespannt, ob sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit solchen Themen im Rahmen des Wolfgang-Popp-Preises befassen werden. Ich kann vielleicht im nächsten Jahr davon berichten. Jetzt aber wollen wir es genießen, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein, und den Christopher Street Day gebührend feiern.

Streikräfte-Maut ohne Uschi? Wie bescheuert ist das denn?

Streitkräfte-Maut ohne Uschi? Wie bescheuert ist das denn?

von Bernhard Nolz, Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF)

Nach der Wahl von Ursula von der Leyen (CDU) zur EU-Kommissionspräsidentin tobt in Berlin/Bonn erst mal die Nachfolgediskussion. Aus gut unterrichteten Kreisen war zu erfahren, dass der neue Minister Andreas Scheuer (CSU) heißen wird. Er wird – glaubt man den Informationen – einen Teil seines bisherigen Amtsbereiches, die Zuständigkeit für den Verkehr, in das Verteidigungsministerium mitnehmen, um die Autobahn-Maut zu retten.

Vom neuen Bundeskriegsverkehrsministerium werde eine „Militär-Autobahn-Maut“ bzw. Streitkräfte-Maut“ eingeführt. Mautpflichtig würde nicht nur die Benutzung der Autobahnen durch inländische und ausländische Militärfahrzeuge, sondern auch die Bahn-Überquerung von mautpflichtigen Autobahnen, wenn die Züge Militärgüter geladen hätten. Die Streitkräfte-Maut wird vom Staat erhoben, weil sich die beauftragten Betreiberfirmen auf ihren Schadenersatzpolstern in 100-Millionen-Höhe ausruhen wollten.

Die GRÜNEN hätten bereits dem Klima zuliebe verlangt, E-Panzer von der Maut auszunehmen. Sympathien gezeigt hätten sie auch für den Friedensvorschlag der LINKEN, denjenigen Militäreinheiten eine Maut-freie Rückfahrt zu garantieren, die noch vor Kriegsbeginn die heimatlichen Kasernen ansteuern würden.

Das alles sei Zukunftsmusik. Da wäre der vertrauliche Hinweis aus dem Bundespräsidialamt gerne aufgenommen worden, das Bundesverteidigungsministerium doch übergangsweise nach Brüssel zu verlegen. „Warum nicht gleich nach Washington?“, soll Willy Wimmer (CDU) jovial gefragt haben.

Solche Truppenverlegungen seien keine Militärgeheimnisse und auch nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern bezögen sich vielmehr auf eine Aktennotiz, in der Ursula von der Leyen feststelle, dass das Verteidigungsministerium derzeit bei den drei Staatssekretären, den Herren Rheinmetall, Krauss-Maffei und ThyssenKrupp, in guten Händen sei und das Trio gegebenenfalls durch Herrn Hensoldt verstärkt werden könne.

Ein Veto dagegen soll vom Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels (SPD) wegen Nichteinhaltung der Frauenquote gekommen sein. In dieser verzwickten Lage habe Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Familientradition der Ursula von der Leyen ins Spiel gebracht. Ihre sieben Kinder könnten im täglichen Wechsel das bisherige Amt der Mutter übernehmen. Der Quoten-Charme dieser Lösung läge auch darin, dass fünf Töchtern zwei Söhne gegenüber stünden.

Das kann die CSU besser!“ Mit diesem Zwischenruf habe Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Andreas Scheuer (CSU) zur Truppe in Marsch setzen wollen. Doch da habe Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) angefangen rum zu maulen. Sie habe sich mit dem Erwerb eines Schleudersitzführerscheins bereits Future-mäßig auf ihren neuen Job in Nordsyrien vorbereitet. Da solle es doch mit dem Teufel zugehen, wenn es bis zur Bonner Hardthöhe nicht reichen würde.

UN-Sicherheitsrat, EU-Armee, Bundeswehr und Streitkräfte-Maut – wen wundert‘ s, dass wir das Zittern kriegen, zumal Emmanuel Macron noch eine deutsche Weltraumkommandantin sucht.

Bernhard Nolz bewegt sich in kommunalen Bildungslandschaften und in der Friedensbewegung und ist Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF).

Gegen EU-Militarismus und EU-Imperialismus – Friedensinitiativen in Europa

Gegen EU-Militarismus und EU-Imperialismus – Friedensinitiativen in Europa

von Bernhard Nolz, Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF)

Welches Thema für die Strategiekonferenz 2020 der Kooperation für den Frieden?

A) Neues Wettrüsten in Europa

Für die Gestaltung der Strategiekonferenz 2020 wurde ein erster Entwurf vorgelegt. Als Ar­beitstitel wurde gewählt: „Neues Wettrüsten in Europa“. Das Thema soll mit drei Schwer­punkten behandelt werden: 1) Aufrüstung durch Bundesregierung, EU, NATO, 2) Gegen­gewicht durch Friedensbewegung, 3) Strategien. Mein Alternativvorschlag lautet:

B) Gegen EU-Militarismus und EU-Imperialismus – Friedensinitiativen in Europa

Mit meinem Themenvorschlag wird in doppelter Hinsicht das europäische Verlangen nach Frieden zur Diskussion gestellt. Zum Einen sind es der Militarismus und der Imperialismus der Europäischen Union, insbesondere von Deutschland voran getrieben, die zur kriegeri­schen Austragung von Konflikten geführt haben (z.B. gegen Serbien), Konflikte in Europa eskalieren (z.B. in der Ukraine) und den großen Krieg gegen Russland vorbereiten.

Zum Anderen ist es ja gerade die militaristische und imperialistische Politik der EU-Staa­ten, die in eine Friedliche zu transformieren sich die Friedensbewegung zur Hauptaufgabe gemacht hat. Anders gesagt, direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt geben sich in den militaristischen, imperialistischen und kapitalistischen Bestrebungen der EU-Staaten zu er­kennen und können von der Friedensbewegung eindeutig analysiert und gewaltfrei be­kämpft werden, ohne dass das Kriegstreiberbündnis NATO mit den USA an der Spitze aus dem friedenspolitischen Blickfeld gerät.

Es sind der EU-Militarismus und -Imperialismus, die Europa und die Welt in den kriegeri­schen Abgrund ziehen. Der Nationalismus einiger EU-Staaten ist nur die EU-interne Aus­drucksform für das Ringen um eine gute Position bei der Verteilung der EU-Rüstungsmilli­arden und der Gewinne aus den Beutezügen in Europa, Afrika und der übrigen Welt.

Es dürfte der Kooperation für den Frieden nicht schwer fallen, aus diesen Konstellationen eine handfeste Strategie für Friedensinitiativen in Europa zu entwickeln. Allerdings gehörte dazu, Abschied vom Trugbild „Friedensprojekt EU“ zu nehmen.

Überwindung der alten Denkmuster

Im Thema „Neues Wettrüsten in Europa“ dürfte wenig Erkenntnisgewinn für eine Friedens­strategie liegen, weil es sich gar nicht um ein allgemeines Wettrüsten, sondern um ein ein­seitiges Aufrüsten und Ausdehnen des NATO-Kriegsbündnisses handelt. Insofern gilt es der binären Ost-West-Weltsicht der USA, der viele EU-Staaten hinterher laufen, eine multi­polare Friedensperspektive entgegen zu halten, aus der heraus z.B. Russland als europäi­scher Kooperationspartner Wert geschätzt wird und den Ängsten Polens und anderer Staaten mit einem Deeskalationskonzept Rechnung getragen werden kann, indem ein Bündnis all der europäischen Staaten initiiert wird, die zur Durchsetzung der UN-Charta in Europa die Initiative ergreifen und die man z.B. „Lebendige UN-Charta-Staaten“ nennen könnte.

Das Thema „Neues Wettrüsten in Europa“ ist den westlichen Denkmustern des Kalten Krieges verhaftet. Vorschnell haben ja auch Kommentator*innen aus der Friedensbewe­gung von einem neuen Kalten Krieg gesprochen, in Anlehnung an den Alten, den angeb­lich der westliche Kapitalismus gewonnen hätte.

Vieles spricht allerdings dafür, dass die vom Westen erzählte Geschichte, dass der Wes­ten die Sowjetunion in den Bankrott wett-gerüstet hätte, zu den Fake News gehört, wie man heute sagt. Offensichtlich eifert Trump diesem neoliberalen Kriegsmuster mit verän­derter Rhetorik nach.

Das Ende der Sowjetunion scheint doch eher der Fantasielo­sigkeit der politisch Verant­wortlichen geschuldet gewesen zu sein, eine neue Ära des So­zialismus kreieren zu kön­nen, sowie einer (nachvollziehbaren) Unlust, den frustrierenden Kampf der Systeme fort­führen zu sollen, wenn man die Herzen der Menschen nicht mehr erreicht. So gesehen waren die Kräfte von Gorbatschow und seinen Mitstreiter*innen verbraucht und reichten nicht mal mehr, die Menschen vor dem Schlimmsten des kapitalistischen Systems, der Armut, zu bewahren, indem sie das Volkseigentum gerettet hätten.

Umso leichter fiel es dem neoliberalen „Westen“, dem entblößten „Osten“ und vielen afri­kanischen Staaten, Verarmung und Entdemokratisierung, also den Staatsverfall, aufzuer­legen, indem dort – ganz in imperialistischer Manier – die eigenen Wirtschaftsinteressen mit militärischer und diplomatischer Unterstützung durchgesetzt wurden. Die Menschen in den „neuen Bundesländern“ wurden mit ähnlichen Verheerungen konfrontiert.

Zur Strategiefähigkeit der Friedensbewegung

Strategieüberlegungen sollten dazu führen, das eigene Denken und Handeln zu überprü­fen und über neue Wege zum Frieden zu diskutieren, denn mit der US/EU-Politik der aus­gebeuteten, Uran-verseuchten, sanktionierten und ertrinkenden Völker muss endlich Schluss sein. Das muss die Friedensbewegung den EU-Machteliten deutlich machen.

Friedensbewegung mit langem Atem

Eine Strategiekonferenz ist keine Präsentationskonferenz eigener Leistungen. Wie ist die Friedensbewegung für Strategiedebatten „aufgestellt“? Die Stärke der Friedensbewegung liegt darin, dass sie eine soziale Bewegung ist. Sie ist, so könnte man formulieren, ein Netzwerk, bestehend aus Organisationen und Individuen, das mit Hilfe von überwiegend nicht-institu­tionalisierten, Basis-orientiertenTaktiken versucht, die gewalthaltigen sozialen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Zustände und Prozesse zu verändern. Die Friedensbewegung setzt sich darüber hinaus das Ziel, dass direkte, strukturelle und kultu­relle Gewalt abgebaut und der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht wird.

Ein Blick auf die Geschichte der Friedensbewegung nach 1945 zeigt eine weitere Stärke, die sie auszeichnet, nämlich die Beharrlichkeit. Die meisten Organisationen der heuti­gen Friedensbewegung blicken auf eine Jahrzehnte-lange Geschichte zurück. Erkennbar ist auch, dass vor allem der pazifistische Kern der Friedensbewegung praktische und theoret­ische Innovationspotentiale hervor bringt.

Partner*innen der Friedensbewegung

Besonders stark ist die Friedensbewegung dann, wenn ihre Forderungen von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Medien unterstützt werden. Diese „Binsenweisheit“ führt im Umkehrschluss nicht automatisch, aber ganz praktisch zu der Erkenntnis, dass die aktuel­le Abwendung der genannten Gruppen von den jeweiligen Forderungen der Friedensbe­wegung zu einer Art von „Siechtum“ der Friedensbewegung geführt hat, weil viele Vertre­ter*innen der Friedensbewegung es sich auf den Parteiprogrammatiken bequem gemacht oder den prekären inhaltlich-ideellen Status ihres Handelns verdrängt haben.

Hinzu kommt, dass Parteien und andere Organisationen ihre Abwendung von der Frie­denspolitik nie erklärt, geschweige denn begründet haben, sondern vielmehr die unter­schiedlichsten Anstrengungen unternahmen, den Schein aufrecht zu erhalten, Friedens­partner*innen zu sein. An solcher Heuchelei auf diesem und auf anderen Politikfeldern ge­hen SPD und CDU/CSU gerade zu Grunde, was niemand gut finden kann, und den GRÜ­NEN eine Warnung sein sollte, dass sie ohne Friedenspolitik mit einem reinen Klimapopul­ismus nicht weiter kommen werden.

Ungeklärt ist bisher, wie einzelne Vertreter*innen aus der Friedensbewegung sich einbil­den konnten, dass die Übernahme von pseudo-friedenspolitischen Partei-Programm-Punkten (etwa von den LINKEN) oder die Behauptung von angeblichen Übereinstimmun­gen zwischen rechtsextremistischen Organisationen und Teilen der Friedensbewegung zu einer Stärkung des Friedens beitragen könnten.

Die Forderungen der Friedensbewegung nach Beendigung von Kriegseinsätzen der Bun­deswehr oder zum Verbot von Rüstungsexporten finden mehrheitlichen Rückhalt in der Bevölkerung. Daraus zieht die Friedensbewegung die Kraft, kreativ nach gewaltfreien Möglichkeiten zu suchen, eine europäische Friedenspolitik zu etablieren. Nach Rezos „Zerstörungsvideo“ wissen wir, warum die bisherigen Verzweiflungsrufe aus der Friedens­bewegung „Wir müssen mehr werden!“ verhallen mussten.

Die Kraft des Pazifismus

Ulrich Wohland muss man zugute halten, dass er von Rezo nichts wusste, als er seinen Beitrag „Partizipation der Friedensbewegung“ für die Zeitschrift „Wissenschaft und Frie­den“ (W&F 2/19) verfasste. Im Text und in einer Fußnote spricht er überraschend der „Friedensbewegung“ den Bewegungscharakter ab, weil sie sich nur „als eine Vielzahl von Organisationen, die frie­denspolitische Themen bearbeiten“, verstehe.

Er – wie viele Andere aus der Friedensbewegung auch – verkennt die Wirkungsmacht und Überzeugungskraft des Pazifismus. Pazifistische Emotionalität und pazifistisches Denken und Handeln sind insbesondere in der heutigen Jugend nahe beieinander. Ganz im Ge­gensatz zu Wohland, der darauf aus ist, dass die „vorhandenen Partizipationsräume“ ge­nutzt und die Bürger*innen die bestehenden demokratischen Instrumente zur Partizipation einsetzen, lässt sich die Jugend nicht mehr gängeln und nutzt die Gestaltungsmöglichkeit­en sozialer Medien. Dafür zu kämpfen, dass es so bleibt, gehört zum Aufgabenbereich der Friedensbe­wegung. Die Jugend hat erkannt, dass in der „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) we­der Pazifismus und Klimaschutz einen Raum haben, noch individuelle und kol­lektive Frei­heitsrechte den jungen Menschen garantiert werden.

Wenn die Friedensbewegung sich auf ihre Stärke besinnt, dann gibt sie den Menschen Handlungsvorschläge an die Hand, an denen Jung und Alt anknüpfen können. Das kön­nen Projekte sein, die die Friedensbedürfnisse der von Krieg, Gewalt, Ar­mut, Hunger, Ver­zweiflung und Vereinzelung betroffenen Menschen aufgreifen und in handlungsorientierter Form in Schonräumen umsetzen.

Es geht eben nicht um Partizipation (Teilhabe) an der Menschen-verachtenden Politik der Machteliten, sondern beispielsweise um die Schaffung von gesellschaftlichen Freiräumen, in denen alternative Lebensweisen ausprobiert werden können. Oder um Gesellschafts- und Wirtschaftsprojekte, die in eigener Geldwirtschaft agieren und für humane Beschäfti­gungsgestaltung einen besonderen Förderstatus erhalten, damit die Teilnehmenden ihre menschliche und ökologische Verantwortung gewaltfrei wahrnehmen können.

Was sagt Johan Galtung?

Die Welt lebt in Unfrieden und ist von Ungerechtigkeit geprägt. Strukturelle Gewalt be­herrscht die Staaten und gefährdet den sozialen Frieden in den Gesellschaften. Dieser globale Unruhezustand ruft die Friedensbewegung auf den Plan.

Der Friedensforscher Johan Galtung spricht von der revolutionären Idee, den Frieden mit friedlichen Mitteln zu schaffen. Galtung sagt: „Mit Frieden meinen wir die Fähigkeit zur konstruktiven Konflikttransformation ohne Anwendung von Gewalt. Das ist ein nie enden­der Prozess. Mit Konflikttransformation meinen wir: Beim Hervorbringen einer Situation be­hilflich zu sein, in der die Parteien mitbestimmend, auf gegenseitig annehmbare Weise und nachhaltig vorgehen. Mit konstruktiv meinen wir, die Konfliktenergie auf neue, innova­tive Weise so zu kanalisieren, dass die menschlichen Grundbedürfnisse aller befriedigt werden. Mit ohne Anwendung von Gewalt meinen wir, dass dieser Prozess Folgendes ver­meiden soll: jede Androhung oder jeden Gebrauch direkter Gewalt, die verletzt und be­schädigt; jeden Gebrauch struktureller Gewalt, der die Parteien lahm legt. Strukturelle Ge­walt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse.“

EU-Militarismus und EU-Imperialismus machen den Frieden in Europa unmöglich.

Siegen, 20.06.2019

Zum Tag der Befreiung vom Faschismus

Von Abhängigkeiten und Befreiung

Anmerkungen zum 8./9. Mai 2019 von Bernhard Nolz

Befreiung vom Faschismus

Schon in einem kurzen Dokumentarfilm von der Siegesparade der US-Armee in Siegen am 9. Mai 1945 zeichnet sich das Problem mit der „Befreiung“ ab: Einer verstörten Bevölkerung in einer zerstörten deutschen Stadt präsentieren sich US-amerikanische Besatzungssoldaten mit blecherner Militärmusik als die neuen Herren. Sie sind es bis heute geblieben.

Am 8. Mai 1945 endete in Europa mit der Kapitulation Deutschlands der 2. Weltkrieg. In der DDR wurde von Anfang an dem 8. Mai als dem „Tag der Befreiung vom Faschismus“ gedacht. In Westdeutschland dauerte es 40 Jahre, bis 1985 diese Sichtweise auf den 8. Mai vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auch für die BRD für richtig erachtet wurde. Nach einigen Widerständen setzte sich Weizsäckers Ansicht durch, dass die Deutschen mit Kriegsende „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ befreit worden seien. Diese Betrachtungsweise hält sich bis heute. Auch im vereinigten Deutschland ist unvergessen, dass ohne die Rote Armee, die die Hauptlast des 2. Weltkriegs getragen hat, die Überwindung des Faschismus in Europa nicht möglich gewesen wäre.

US-Besatzungsherrschaft

74 Jahre nach Kriegsende ist das US-Militär (inklusive atomarer Bedrohung) immer noch in Deutschland stationiert und kommandiert von der US-Base Ramstein aus die weltweite Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie der USA und der anderen NATO-Staaten.

Es ist genau das, was Bundespräsident Weizsäcker im Jahr 1985 – allerdings auf andere Länder bezogen – als den „Übergang zu neuer Abhängigkeit“ nach dem 2. Weltkrieg bezeichnet hat.

Durch diese Abhängigkeit wird Deutschland in jeden Krieg, den die USA irgendwo auf der Welt anzetteln, mit hinein gezogen; und an US-Kriegen ist nun wahrlich kein Mangel. Die Befreiung aus dieser Spirale von Bedrohung und Krieg kann mit der Kündigung des Stationierungsabkommens erreicht werden. Dann müssten die US-Truppen Ramstein und andere Militärstandorte in Deutschland innerhalb von zwei Jahren verlassen. Das wäre der notwendige deutsche Beitrag zu einem Frieden in Europa, der Deutschland als derzeitigem Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) gut zu Gesicht stünde.

Keine Milliarden fürs Militär!

Parallel dazu müsste die Bundesregierung sich vom Druck des NATO-Partners USA befreien, der ständig danach drängt, immer mehr Geld für Militär, Rüstung und Krieg auszugeben. Statt Milliarden-Beträge zum Fenster hinaus zu werfen, müssen sie dringend in Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau, Verkehrswesen und Energieversorgung gesteckt werden. Nur so können Verwahrlosung und Ruin der öffentlichen Einrichtungen, wie sie in den USA zur Normalität geworden sind, verhindert werden. Wenn dann noch durch eine All-Parteien-Anstrengung von Bundestag und Bundesrat die „Schuldenbremse“ aus dem Grundgesetz entfernt wird und alle Banken verstaatlicht sind, ist der Weg frei für eine gedeihliche Entwicklung der deutschen Städte und Gemeinden, die dann wieder, wie auch die Länder und der Bund, über genügend Finanzmittel verfügen werden, um die anstehenden Aufgaben und den Investitionsrückstau zu bewältigen.

Befreiung von Gewalt und Krieg

Das wäre auch – und damit kehre ich an den Anfang meiner Ausführungen zurück – ein guter Grund für eine Siegener Siegesfeier und für entsprechende Video-Aufnahmen (des Jahres 2021): die Befreiung aus der Abhängigkeit von Neoliberalismus und Krieg.

Bernhard Nolz ist Friedenspädagoge, Aachener Friedenspreisträger und Träger eines Preises für Zivilcourage.

Rassist*innen nicht auf den Leim gehen

Stellungnahme der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) zum Kommentar von Marc Neumann „Antisemit*innen nicht auf den Leim gehen“

von Bernhard Nolz

In der nds 3-2019 (Neue deutsche Schule, Die Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft (GEW-NRW) schreibt sich Marc Neumann vom DGB NRW in einem Kommentar seinen astreinen Rassismus vom Leib. In seiner „Liebe zu Israel“ hat er jede Bodenhaftung verloren und verdammt die palästinensische Boykott-Kampagne (BDS) gegen den israelischen Unrechtsstaat in Grund und Boden. Dann fantasiert er „von Aufrufen zur Vernichtung Israels“ und verklärt Israel zu einer religiösen Demokratie (ein Widerspruch in sich), nicht ohne die Kritiker*innen der israelischen Gewaltverbrechen als „Antisemit*innen“ zu beschimpfen. So kennen wir Marc Neumann in Siegen (s.u.).

Die Aufgabe, als Referent des DGB zuständig für die Israel-Kontakte der DGB-Bezirke zu sein, scheint Marc Neumann den Blick auf die israelischen Realitäten verstellt zu haben. Nur so kann er die entscheidenden Tatsachen verschweigen: Israel missachtet völkerrechtliche Verpflichtungen, hält ein brutales Besatzungsregime in Palästina aufrecht, führt Kriege gegen Gaza und Nachbarstaaten (z.B. Syrien), tötet und verletzt Zivilisten und zerstört palästinensisches Eigentum.

Diesen unbestreitbaren Fakten und Brutalitäten, unter denen Palästinenser*innen und Israelis in unterschiedlicher Weise leiden, stellen sich über 100 palästinensische Organisationen mit einem Aufruf zum Boykott des Staates Israel (BDS) entgegen, um Israel zum Einlenken zu bringen. Was ist, fragen wir, ein palästinensischer Aufruf zum gewaltfreien Widerstand gegen die alltägliche israelische Militärmaschinerie des Tötens und Zerstörens?

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden gehen davon aus, dass in der GEW weiterhin friedenspolitische Grundsätze für die Beurteilung politischer Vorgänge von Bedeutung sind. Für den Israel-Palästina-Konflikt können sie lauten:

1) BDS ist eine legitime Widerstandskampagne palästinensischer Organisationen. 2) Die deutschen Gewerkschaften stehen auf der Seite der unterdrückten Palästinenser*innen. 3) Die Gewerkschaften fordern Israel auf, das Besatzungsregime zu beenden und das Völkerrecht und die Menschenrechte einzuhalten.

Außer Marc Neumann kenne ich keine Gewerkschafter*innen, die diese Aussagen als antisemitisch bezeichnen würden. Schon im 2. Absatz seines Beitrages macht Koll. Neumann allerdings deutlich, dass er seinen eigenen rassistischen Vorurteilen auf den Leim gegangen ist. Er leugnet generell die Existenz des Nahost-Konflikts, um ihn als einen Konflikt „innerhalb der deutschen Linken“ – zwischen deutschen „Israelfreunden“ und „Israelkritikern“ – darstellen zu können. Nur dadurch, dass er einer Spaltung dieser Beiden das Wort redet, kann er den „Israelkritikern“ die Relativierung des Holocaust vorwerfen und die anti-imperialistischen Kämpfe der Vergangenheit und Gegenwart, die auch die Gewerkschaften führen bzw. geführt haben, verunglimpfen.

Schließlich gleitet er in einen dumpfen Populismus ab, wenn er diskutiert haben möchte, wer längere Siedlungsrechte in Palästina besitzen könnte, oder wenn er den Kritikern Israels vorwirft, zu anderen Konflikten auf der Welt geschwiegen zu haben, oder wenn er die Ansicht vertritt, dass man „sich zunächst ein eigenes Bild der Situation vor Ort machen“ müsse, bevor man über „Ausgleich und friedliche Lösungen“ zwischen Israel und Palästina reden könne.

Wir fragen uns, wie solche und andere Dümmlichkeiten des Autors in die Zeitschrift einer Bildungsgewerkschaft gelangen konnten. Wir erleben Marc Neumann immer mal wieder, wie er – die Antisemitismuskeule schwingend – im heimischen Siegerland aufkreuzt. Trotzdem lassen wir uns nicht im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten beirren und hoffen die Gewerkschafter*innen und die nds-Mitarbeiter*innen an unserer Seite. Dass das der Fall ist, könnt ihr – wurde uns von dort mitgeteilt – in nds 5/2019 erfahren. Wir werden darüber berichten.

Schluss mit dem Rufmord gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“

Offener Brief an die Unterstützer*innen der Rufmordkampagne gegen die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“, der der Göttinger Friedenspreis verliehen werden soll.

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden fordern dringend dazu auf, sich der Kampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘ zu widersetzen und die ablehnende bzw. zögerliche Haltung zur Verleihung des „Göttinger Friedenspreis“ an die Organisation zu ändern.

Warum erwarten Friedenspädagog*innen das?

Erstens, weil die gegen die Organisation erhobenen Antisemitismus-Anschuldigungen ausnahmslos auf falschen Analogien, Täuschungen und Erfindungen basieren. Zweitens, weil Ihr Zurückweichen vor dieser Kampagne eine verheerende Botschaft aussendet, dass niemand in Deutschland davor geschützt ist, wegen seines Engagements für das internationale Recht sowie für die Bürger- und Bürgerrechte der Palästinenser als Antisemit verleumdet und zum Schweigen gebracht zu werden.

Was steckt hinter der Kampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘?

Die gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten e.V.“ (‚Jüdische Stimme‘) erhobenen Antisemitismus-Anschuldigungen zeigen nicht deren Antisemitismus, sondern die Furcht ihrer Gegner, dass die gewaltlose BDS-Kampagne der Vertreibung, Entrechtung und Beraubung der Palästinenser durch Israel ein Ende setzen könnte.

Die BDS-Kampagne will die Israels Existenz ebenso wenig auslöschen, wie die Anti-Apartheids-Kampagne die Existenz Südafrikas ausgelöscht hat. Die Kampagne ist eine reine Rechtskampagne, deren Programm darin besteht, dem internationalen Recht, den einschlägigen von Israel akzeptierten UN-Resolutionen sowie den Bürger- und Menschenrechten der Palästinenser Geltung zu verschaffen. Wer das für Antisemitismus hält, der weiß nicht was Antisemitismus ist.

Die Behauptung, dass die ‚Jüdische Stimme‘ eine antisemitische Kampagne unterstützen würde, ist propagandistisch. Die Tatsache, dass sich viele Prominente für die ‚Jüdische Stimme‘ verbürgt haben, zeigt, dass es sich bei den Mitgliedern der Organisation nicht um einige verwirrte Geister handelt. Er zeigt auch, dass es nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus geht – sondern um eine Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern inklusiver humanistischer Prinzipien auf der einen – sowie den Verfechtern exklusiver ethnizistischer Prinzipien auf der anderen Seite, wobei letztere nicht davor zurückschrecken, ihre Gegner schamlos als Antisemiten zu diskreditieren. Dieser Rufmord spaltet die israelische und die deutsche Gesellschaft und darf nicht unterstützt werden.

Die Jüdinnen und Juden der ‚Jüdischen Stimme‘ in Deutschland, deren Empathie nicht an den Grenzen der Abstammung oder der Religion halt macht und die sich daran beteiligen, der Unterdrückung der Palästinenser mit den Mitteln der gewaltlosen BDS-Kampagne ein Ende zu setzen, beweisen damit ihren Mut und ihren Humanismus; entgegen allen Versuchen ihrer Vereinnahmung bzw. Ausgrenzung durch Israel und entgegen der Anfeindungen durch israelische Rechts-Nationalisten und deren zahlreichen Freunde. Sie haben den „Göttinger Friedenspreis“ redlich verdient.

Frieden statt Aufrüstung – Nein zum Krieg – Proteste gegen die NATO-Sicherheitskonferenz

Proteste aus Siegen gegen die NATO-Sicherheitskonferenz (SIKO) in München am 16.02.19

Frieden statt Aufrüstung – Nein zum Krieg

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK), die Initiative „Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), mit Sitz in Siegen, sowie die AG Siegerländer Friedensbewegung (AGSF) unterstützen die Proteste gegen die NATO-Sicherheitskonferenz in München am kommenden Wochenende.

Bernhard Nolz, ehrenamtlicher Geschäftsführer bzw. Sprecher der Friedensorganisationen: „Die Kriegstreiberei der NATO-Staaten muss endlich an ein Ende kommen. Die Völker der Welt wollen Frieden. Deshalb gilt es, friedliche Kooperationen aufzubauen, gemeinsame wirtschaftliche Projekte zu entwickeln und den kulturellen Austausch über alle Grenzen hinweg zu fördern.“

In dieser Woche treffen sich Staats- und Regierungschefs mit Vertreter*innen aus Militär, Wirtschaft und Rüstungsindustrie, vorwiegend aus NATO-Staaten. Sie tagen im Bayerischen Hof – angeblich, um „einen Beitrag zur internationalen Sicherheit“ zu leisten. Tatsächlich geht es um die Rechtfertigung der NATO, ihrer Rüstungsausgaben und Kriegseinsätze, die uns als „humanitäre Interventionen“ verkauft werden.

Deshalb geht die Friedensbewegung am 16.02. in München gegen die SIKO auf die Straße:

Für Abrüstung und gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, für eine Welt ohne Militär, gegen Rüstungsexporte, gegen atomare Aufrüstung, gegen den ständigen Bruch des Völkerrechts, für den Austritt Deutschlands aus der NATO und allen Militärstrukturen der EU, für die Auflösung aller US- und NATO-Militärstützpunkte, für Frieden in Europa und gegen den Konfrontationskurs mit Russland, für soziale Sicherheit, Umweltschutz und Frieden, gegen eine ausbeuterische Handelspolitik, die Kriege, Armut und Flucht verursacht.

Bernhard Nolz: „Mit der Beteiligung an den Münchener Protesten gegen die NATO-Kriegsmaschinerie beginnt die Siegener Friedensbewegung mit ihren Aktivitäten im „Kriegsjubiläumsjahr 2019“. Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, brachen die deutschen Faschisten den 2. Weltkrieg vom Zaum, der als Eroberungskrieg gegen den Osten geplant war und zu Bombenangriffen der Alliierten gegen deutsche Städte, wozu auch Siegen gehörte, führte. In diesem Jahr ist es 75 Jahre her, dass Siegen durch einen solchen Angriff in Schutt und Asche gelegt wurde. Zusammen mit anderen Organisationen will die Siegerländer Friedensbewegung diese Gedenktage in angemessener Form würdigen und ihre Stimme gegen Krieg und Gewalt erheben.“

Kontakt: Bernhard Nolz, 0171-8993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de

Siegbärt Nr. 3

Siegbärt ● Der Berliner Bär aus Siegen

Bewegende Worte in den Mund gelegt von Bernhard Nolz

Nr. 3 ● Januar 2019

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich denke, es ist euch wie mir ergangen: Auch ihr habt an einen vorweihnachlichen Aprilscherz gedacht, als ihr zwei auf der gleichen Seite stehende Berichte in der Siegener Zeitung gelesen habt.

In dem einen Bericht ging es um die Privatisierung eines Teils des Unteren Schlossplatzes; in dem anderen Bericht darum, die grünen und roten Ampelmännchen-Symbole durch Figuren von Henner und Frieder zu ersetzen.

Der Privatisierungswahn der nordrhein-westfälischen Landesregierung scheint keine Grenzen zu kennen. Und auch Siegens Kommunalpolitiker*innen stoppen diese Auswüchse nicht. Jetzt also steht ein Teil des Schlossplatzes zum Verkauf an! Immer wieder wird öffentlicher Besitz – in der Demokratie ist es Volksvermögen – der privaten Ausbeutung preis gegeben, und die Bürger*innen müssen dann dafür zahlen, obwohl es ihnen gehört (Stichwort: Autobahnmaut).

Abschreckendes Beispiel für diese verfehlte Politik ist der öffentliche Nahverkehr. Da brachte die Privatisierung den Fahrer*innen von Bussen und Bahnen erhebliche Einkommensverluste und den Bahn- und Busbenutzer*innen Preiserhöhungen und Verschlechterungen, z.B. wenn man von Siegen (NRW) nach Köln (NRW) fahren wollte.

Nun soll uns auch der Schlossplatz weggenommen werden. Aber man kann doch nicht ein öffentliches Bodendenkmal – der Schlossplatz ist ein solches Denkmal – an private Firmen verkaufen! Wenn das durchkommt, muss ich befürchten, dass ich den Siegener Bürger*innen weggenommen und z.B. an die Firma „Bärenmarke“ verkauft werde!

So ernst ist es mit den Plänen, Henner und Frieder auf die Siegener Fußgängerampeln zu bekommen, nicht. Hier geht es (vorerst) auch nicht darum, Einnahmen zu erzielen. Vielmehr will die Stadt einiges Geld für ein Gutachten ausgeben, um die Frage klären zu lassen, in wieweit die Figuren „Henner“ und „Frieder“ überhaupt abstrahiert werden können, damit sie den bisherigen Ampelmännchen ähneln. Schließlich soll man ja keinen Herzinfarkt bekommen, wenn einem bei Rot (oder Grün?) ein Männchen mit einer Hacke entgegen springt bzw. mit einer Zange die Zehen abknipsen will.

Ich wenigstens würde es zurückweisen, wenn man mir vorschlagen würde, als Ampelmännchen posieren zu sollen. Ich denke, Henner und Frieder werden die gleiche Ansicht vertreten.

Aus gut unterrichteten Kreisen wurde mir zugetragen, dass die „Henner-und-Frieder-Ampelaktion“ den Weg zu einer lukrativen Vermarktung der Ampelsymbole ebnen soll. „McDonald’s“ (Rot) und „Subway“ (Grün) stünden schon in den Startlöchern. Beide wären zu Zugeständnissen bereit: Das rote „M-Zeichen“ müsste auf den Kopf gestellt werden, dann bedeutete es „Wait!“, „Warte!“. Damit es nicht zu Rot-Grün-Verwechslungen komme, würde der Name des anderen Bewerbers in „SubGay“ geändert. Das grüne „G“ hieße dann „Go!“, „Geh!“. Das wäre doch lustig!

Ich hoffe, dass sich die Vernunft durchsetzt.

Euer Siegbärt

© Siegbärt by Bernhard Nolz, Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, bewegt sich in kommunalen Bildungslandschaften und ist aktiv in der Friedensbewegung. Ehrenamtlich tätig als Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur (ZFK), Pädagogischer Leiter des Dunkelcafés Siegen – Lernort für Inklusion, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Vorsitzender des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung der Universität Siegen.

0171-8993637, 0271-23568535, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de