Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Spaltung und fehlende Integration in der Gesellschaft (1993)

Diagnose. Die Industriegesellschaften befinden sich in einer Sozialform, die durch hochgradige Auflösung verbindlicher Normen und Werte (Anomie) und der Sozialgefüge (Atomie) gekennzeichnet ist. Eine Gesellschaft wird zu einer Ansammlung isolierter Individuen, die von der egozentrischen Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes gesteuert werden. Der Computer ist eine Ikone, die auf einen Altar gehoben und vor der ein Gottesdienst abgehalten wird. Die menschliche Suche nach Sinn (durch verbindliche Normen und Werte) und nach Gemeinsamkeit (durch verbindliche soziale Beziehungen) wird starke und manchmal unerwartete Ausdrucksformen finden: Korruption, kriminelle Vereinigungen, Gewaltanwendungen, Sektenbildung, Nationalismus.

Prognose. Es werden sich Gruppen formen, wenn der Staat durch Anomie und Atomie, durch Gewalt und Korruption und weil er sich dem Markt unterwirft, zu einem „abwesenden“ Staat oder zum Polizeistaat wird. Die „Sekten“ werden vorwiegend als Geheimgruppen, auf Gewalt und Gehorsam beruhend, agieren.

Therapie. Die Menschenrechtstradition wird die Freiheit von Denken und Ausdruck der Sektierer und das Versammlungsrecht schützen, u.a. deshalb, weil ihre Kritik an der Gesellschaft zum größten Teil berechtigt ist.

Aber wir brauchen einen Sozialkontrakt, der durch die „Freiheit des Nicht-Ausdrucks“ und der „Nicht-Versammlung“, der Freiheit, nicht dazu zu gehören, ergänzt wird. Die Therapie darf nicht die Zwangsmaßnahmen des Staates verstärken.

Die Suche nach neuen Werten verspricht Erfolg. Neue Bewegungen sehen anfänglich sektiererisch aus, enthalten aber meistens wertvolle Wahrheiten. Wenn man gegen die Abwesenheit eines Sozialgefüges vorgehen will, dann braucht man Werte wie Solidarität und Gegenseitigkeit. Die gibt es in den Bewegungen in Hülle und Fülle, aber nicht in den Großformationen Gesellschaft und Markt. Der Staat sollte von den Bewegungen lernen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so: „Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Konflikt zwischen den Klassen und Globalisierung (1998)

Diagnose. In einer Welt, in der 358 Milliardäre mehr Vermögen besitzen als die halbe Menschheit, sollte die Metapher „Markt“ in Frage gestellt werden. Die Milliardäre kaufen und verkaufen nicht nur, sondern sie entscheiden auch über die Produkte und die Produktionsweisen, womit sie das Leben von Milliarden Menschen verändern (z.B. durch Stellenabbau bei der Automatisierung).

Globalisierung bedeutet die globale Teilhabe an den positiven und negativen Konsequenzen des Wirtschaftswachstums, wobei die nationalen Märkte immer mehr verschwinden, die Ungleichheit weltweit wächst und über all das hinaus die Zahl der Menschen, die als ökologische, wirtschaftspolitische, militärische und kulturelle Flüchtlinge ihre Heimat verlassen, ebenfalls wächst.

Mit der Mobilität (Verlagerung) ganzer Firmen auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und niedrigeren oder negativen Steuern (Anreizen), werden in vielen Ländern die Einnahmen des Staates zurückgehen.

Durch die Privatisierung wird der Prozess beschleunigt, indem dem Staat auch die Einkommen schaffenden Firmen genommen werden.

Der IWF verhält sich wie ein Arzt, der nur über eine einzige Medizin verfügt: Die Autonomie der Firmen vergrößern auf Kosten des Staates (Privatisierung, niedrige Steuern, Geldentwertung), auf Kosten der Arbeiter (Arbeitsflexibilität, Kontraktarbeit), auf Kosten des Landes (der Profit wird aus dem Land geschafft), und auf Kosten der Öffentlichkeit (keine Subventionen der Grundbedürfnisse, keine Steuern auf Luxusgüter).

Das Endresultat ist: Die Menschen am Boden der Gesellschaft werden geopfert.

Prognose. Das Ergebnis von alledem ist, dass die Krisen sich selbst erhalten; das System bewegt sich von einer Krise zur nächsten. Die Krise tritt dort auf, wo das System am schwächsten ist, und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Therapie der Symptome. Ein großer Krach, Rezession und Depression sind höchst wahrscheinlich.

Therapie. Massive Konflikte verlangen massive Heilmittel:

  • Die Wiedererfindung örtlicher Behörden: Eine Hauptaufgabe einer örtlichen Behörde sollte es sein, die Produktion zur Deckung der Grundbedürfnisse auf örtlicher Basis (oder in Konföderation von Gemeinden) zu koordinieren, um zu garantieren, dass sie gedeckt werden und dass das, was bis dahin von außen kam, nun im Innern hergestellt wird.
  • Die Wiedererfindung des Staates: Eine der Hauptaufgaben des Staates ist es, die Produktion normaler bzw. von Luxusgütern auf Staatsbasis (oder in einer Konföderation von Staaten) zu koordinieren und als Verteilungsagent zu wirken.
  • Die Wiedererfindung von Unternehmen: Die Unternehmen müssen soziale Verantwortung übernehmen und je nach deren Erfüllung oder Nichterfüllung belohnt oder bestraft werden.
  • Die Wiedererfindung einer Zivilgesellschaft: Das Gewissen der Verbraucher muss dazu führen, dass sie weiße und schwarze Listen von Herstellern führen und, diesen Listen entsprechend, Waren bevorzugen oder boykottieren.
  • Die Wiedererfindung der Medien: Die Medien sollen von den Geschäftsinteressen, Staatsinteressen und von der Zensur befreit werden.
  • Die Wiedererfindung globaler Kontrolle: Das würde eine massive Besteuerung von Spekulationsgewinnen bedeuten und die Garantie für die Erfüllung der Grundbedürfnisse der gesamten Menschheit als globales Menschenrecht für Weltbürger umfassen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 1

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 1

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Konflikt zwischen den Generation und Nachhaltigkeit (1999)

Diagnose. Der Konflikt zwischen den Generationen ist diachron, überzeitlich. Jede Generation kann den Lebensunterhalt folgender Generationen durch ihre Forderungen bzw. ihre Gier gefährden. Konkret gesprochen:

  • wirtschaftlich durch Umweltverschmutzung und Erschöpfen der Ressourcen
  • militärisch durch Fortsetzung der Gewalt : Trauma und Ruhm
  • politisch durch nicht transformierte Konflikte und nicht umkehrbares Handeln
  • kulturell durch das Akzeptieren von Kulturen, die die genannten Konsequenzen in Kauf nehmen.

Das Konzept der Nachhaltigkeit führt über den engen wirtschaftlichen und ökologischen Diskurs hinaus zu einem allgemeinen Diskurs über die Übergabe einer Welt, die gut in Form ist.

Prognose. Die Prognose ist ein Ansteigen der Gewalt und Massenmigrationen in unsicheren Gebieten. Es sind die vier apokalyptischen Reiter: Krieg, Pest, Hungersnot und Eroberung (Tod).

Therapie. Das indianische Sprichwort: „Denk über die Folgen deines Handelns für die kommenden sieben Generationen nach“ ist ausgezeichnet. Damit man sicher geht, muss die Einsicht in das Morgen an die Ethik einer diachronen Solidarität gebunden sein, die im Heute gilt.

Eine Trainingsmöglichkeit für den Anfang wären Haushalte [Lebens- und Wirtschafts-gemeinschaften], in denen 3 – 4 Generationen eng beieinander wohnen. Dann hätten die Menschen künftige Generationen so nahe bei sich, dass die Solidarität eine Notwendigkeit des täglichen Lebens würde. Die Solidarität würde sich auch rückwärts auf die Eltern, Großeltern usw. ausweiten, was bei einer einseitigen Konzentration auf künftigen Solidarität leicht vergessen wird. Die ältere Generation in Altersghettos abzuladen ist mit zurückblickender Solidarität nicht zu vereinbaren.

Ein weiterer Ansatz wäre es, das Gleichgewicht der Macht in der (Welt-) Gesellschaft in Richtung von Kategorien zu kippen, von denen man weiß, dass sie klüger sind, da sie holistischer (ganzheitlicher), globaler, mehr an den Grundbedürfnissen orientiert und mit größerer Zeitperspektive ausgestattet sind. Das würde auf die ältere Generation und auf Frauen verweisen.

Über dies alles hinaus denken wir an massive Bildungskampagnen, die formelle und informelle Bildung und Erziehung in Gang setzen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

„Vom Distanzzwang des Krankheits-Phantasmas“. Ein Beitrag zum Welt-Aids-Tag 2020

Vom Distanzzwang des Krankheits-Phantasmas“

Eingeleitet von Bernhard Nolz

In den Lebenserinnerungen von Wolfgang Popp fand ich das Manuskript eines Vortrags, den er zusammen mit Gerhard Härle im Jahr 1993 zur Eröffnung des Siegener Kolloquiums „Homosexualität und Krankheit“ gehalten hatte. Ich war keineswegs überrascht über die Aktualität der Ausführungen der beiden Autoren in Bezug auf das „Corona-Jahr“ 2020. Der kurze Textauszug kann eine Anregung sein, z.B. am Welt-AIDS-Tag 2020 über das Pandemie-Geschehen zu reflektieren. Wolfgang Popp und Gerhard Härle sprechen von einem „prekären“ Thema. Wir können fragen, was es bedeutet, wenn die gesamte Menschheit wegen des Corona-Virus von wenigen Mächtigen zu Kranken erklärt wird.

Wolfgang Popp: Gesundheit und Krankheit

Wie gehen Menschen mit dem Phänomen Krankheit um, in ihren individuellen und alltagspraktischen Erfahrungen, in ihren umweltlichen und in ihren politisch-staatlichen Sozialgefügen? Wir können beobachten, dass die Antworten auf diese Frage heute auseinanderzudriften scheinen: die Heilsversprechungen vom technisch perfekten unsterblichen Menschen, auf der einen Seite und auf der anderen die Kassandra-Rufe vom Untergang der Menschheit in der selbstgefertigten und selbstverschuldeten epidemischen Ausrottung. Die Dichotomie dieses Auseinanderdriftens ist offenbar schon immer im menschlichen Denken angelegt: Muss oder soll die Existenz von Krankheit im menschlichen Leben gegenüber der menschlichen Gesundheit geleugnet, verdrängt, überwunden werden oder soll der Mensch lernen, mit der Krankheit umzugehen, sie als zu seinem Leben, zu seiner Gesundheit gehörend anzunehmen, zu begreifen, dass Gesundheit und Krankheit das körperliche Fundament seiner Ich-Identität sind?

Zumindest in der Tradition des westlichen, europäischen Denkens fungiert Krankheit doch weitgehend, wie Gebrechlichkeit, Behinderung und Alter, als ein gesellschaftlicher Ausnahmezustand, der vorübergehend oder dauerhaft zur Gettoisierung führt, zum mentalen oder realen Ausschluss von kranken, gebrechlichen, behinderten und alten Menschen aus den „normalen“ Lebenszusammenhängen der „gesunden“ Gesellschaft. Ich bin durchaus unsicher, was diese gesellschaftliche Gettoisierung deutlicher markiert: die Glöckchen, die in historischen Zeiten Leprakranke tragen mussten, damit man sie kommen hört und sich entsprechend schützen kann, – oder in unserer Gegenwart die immer häufiger begegnenden Rollstuhl-Symbole, die signalisieren, dass entsprechend Behinderte Zugang finden zu einer Autobahntoilette, einem Restaurant oder – leider seltener – zu einem öffentlichen Gebäude, einer Behörde und ähnlichem. Es geht mir nicht um eine sozialkritische Bewertung solcher Markierungen von Krankheit und Behinderung. In Zeiten, in denen die Lepra-Krankheit medizinisch nicht behandelt oder geheilt werden konnte, mögen die Glöckchen der Kranken durchaus einen vielleicht geradezu humanen Sinn machen für eine gesellschaftspolitische Lösung des Problems, wie leprakranke Minoritäten mit der „gesunden“ Majorität zusammen leben können. Und die Rollstuhl-Symbole in unserer Zeit signalisieren natürlich begrüßenswert und beruhigend, dass unsere Gesellschaft sich um die Integration Behinderter bemüht. Aber es bleibt – wenn das Paradox erlaubt ist – eine Integration von Ausgegrenzten, die besonders markiert werden muss. […]

Diese Dichotomie von Ausgrenzung und (zweifelhafter) Integration ausgegrenzter kranker, gebrechlicher, behinderter und alter Menschen erkenne ich gewissermaßen exemplarisch […] in zwei Symbolisierungen der darstellenden Kunst: Die eine ist das berühmte Gemälde von Pieter Breughel vom „Zug der blinden Bettler“, die, einer sich am anderen haltend, ihrem blinden Anführer blindlings in den Sumpf folgen. Die andere Symbolisierung ist ein anonymer Kupferstich ungefähr der gleichen Zeit: ein junger, kräftig gebauter Blinder trägt einen lahmen Alten auf den Schultern, der ihm den Weg weist.

Beide Bilder haben gemeinsam, dass sie zunächst die Distanz des „gesunden“ Betrachters zum Dargestellten visualisieren: Sie geben sozusagen kommentarlos die abgebildeten Behinderten dem befreienden, wenn auch vielleicht angstbesetzten, sich distanzierenden Lachen des Gesunden preis. Aber sie wären nicht Kunst, wenn sie nicht etwas über das Abgebildete hinaus Bedeutendes transportieren würden. Und da unterscheiden sich die Bilder: Breughels Gemälde sagt uns, vereinfacht interpretiert, die menschliche Existenz ist Blindheit und solange wir uns als Blinde von Blinden führen lassen, geraten wir allesamt in den Abgrund. Der anonyme Kupferstecher dagegen will uns bedeuten: Gebrechen haben wir alle, aber sie sind unterschiedlich, wir können uns gegenseitig helfen, wenn wir unsere gesunden Fähigkeiten für einander einsetzen.

Von da aus ist es nicht weit zu einer dritten Symbolisierung – zu einer literarischen: „Etwas besseres als den Tod finden wir allemal“, sagen sich vier wegen Krankheit und Gebrechlichkeit Ausgestoßene, tun sich zusammen und vertreiben mit ihren je spezifischen Fähigkeiten eine Räubergesellschaft, etablieren sich im Leben. Es sind, wie unschwer zu bemerken ist, die Bremer Stadtmusikanten. […] Dies alte Märchen ist, muss ich zugeben, eine seltene literarische Vision davon, wie sich Kranke, Gebrechliche, Ausgestoßene, dem Tod Geweihte einen Platz im Leben, in der – räuberischen – Gesellschaft erobern. Der vor kurzem erschienene Fotoband von Jürgen Badiga spielt mit seinem Titel „Etwas besseres als den Tod finden wir allemal“ auf das Märchen an und zeigt uns in drastischen Bildern das Gesicht von ausgegrenzten aidskranken Menschen, die auf ihrem Recht auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bestehen. […]

Die Krankheit muss geheilt, bekämpft, beseitigt, ausgemerzt werden, um die Ganzheitlichkeit der Gesundheit zu sichern. Wir erfahren und erleiden Krankheiten in der Regel als Einbruch in unser Ich-Verständnis, unser Lebensgefühl, als Störung oder Unterbrechung unseres Lebensrhythmus. Erst wenn wir wieder gesund sind, sind wieder ganz Ich. […]

Warum fällt es uns so schwer, unsere profanen Krankheiten als eine notwendiges Implikat unserer Gesundheit zu verstehen? Oder, andererseits, warum sprechen wir so schnell von einer „Flucht in die Krankheit“ bei Menschen, denen wir damit doch unterstellen, dass sie die Last der allseitigen und fortdauernden Gesundheit nicht ertragen, die ihnen die Gesellschaft auferlegt. Krankheit als Einbruch in die Gesundheit oder als Flucht vor ihr bezeichnet sehr drastisch das Isolationistische, Ausgrenzende, den Distanzzwang unseres Krankheits-Phantasmas. Krankenhäuser als Fluchtburgen, die wir bei Gott nicht missen wollen, sind zugleich Superzeichen des Distanzzwangs: wer geht schon gern und freiwillig ins Krankenhaus. […] So sehr wir das Krankenhaus brauchen, zur fachkundigen und spezialisierten Heilung unserer Krankheiten, so sehr steht es symbolisch für das Ausgrenzen, Isolieren, Verdrängen des Krankheits-Phantasmas gegenüber dem gesellschaftlichen Zwang zur Gesundheit.

Gerhard Härle: Homosexualität und Krankheit

Wenn wir in dieser Weise den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Behinderung und Sterben als eine Reaktion des Ausgrenzens, Verdrängens, der Isolierung und der Gettoisierung erkennen, dann hat dies unmittelbar Bedeutung für den Zusammenhang von gesellschaftlicher Ausgrenzung von homosexuellen Männern und Frauen und ihrer Stigmatisierung als Kranke, Behinderte, „Anormale“.

Unter historischen und systematischen Aspekten geht es jedoch nicht nur um diese negative Valenz des Krankheitsbegriffs. Wir stoßen zwar von Anfang an auf die Verbindung des Begriffs Homosexualität mit dem der Krankheit. Aber je nach dem argumentativen Zusammenhang stellt sich diese Verbindung in unterschiedlichen Bewertungen dar, die sich auch im Sprachgebrauch abbilden, nämlich in den Konjunktionen, in denen die beiden Begriffen verbunden werden. Ich will diese Unterschiede an drei Varianten dieser Konjunktionen erläutern.

Die Konjunktion „ist“

Die erste, gewissermaßen die Ur-Konjunktion taucht in dem Augenblick auf, in dem auch der Begriff Homosexualität überhaupt in die Debatte eingeführt wird: die Konjunktion „ist“. – Homosexualität ist Krankheit. Es ist dies eine janusköpfige Konjunktion, insofern sie sowohl für den restriktiven, antihomosexuellen als auch für den emanzipativen, Homosexualität bejahenden Diskurs kompatibel ist; sie ist trotzdem in sich selbst natürlich nicht wertfrei, sondern ambivalent.

Um dies anschaulich zu machen, greife ich auf das oben ausgeführte literarische Emblem zurück: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.“ Die Erfindung des Begriffs Homosexualität und mit ihr die Geburt des modernen Homosexuellen markiert genau den Übergang von der Auffassung, Homosexualität sei ein im Grunde todeswürdiges Vergehen gegen die Gebote Gottes und der Menschen, zu der Ansicht, der Homosexuelle sei für seine Orientierung und die daraus resultierenden Handlungen nicht im Schuldsinne zur Verantwortung zu ziehen, da er krank sei. Es ist, als verwirkliche sich am Paradigma des Homosexuellen, was die Bibel im Buch Jesus Sirach grundsätzlich prophezeit: „Wer vor seinem Schöpfer sündigt, der soll dem Arzt in die Hände fallen.“ (Jes Sir 38,13). Die Sünde, das Vergehen, verwandelt sich in eine Krankheit, für die nicht der Richter bzw. Scharfrichter, sondern der Arzt zuständig ist (wobei der dann allerdings oft genug in deren Fußstapfen tritt). Aber „etwas Besseres als den Tod“ finden die Homosexuellen des ausgehenden 19. Jahrhunderts damit allemal, weshalb viele von ihnen sich mit wahrem Feuereifer auf die wichtigste Möglichkeit stürzen, die ihnen die Konjunktur „Homosexualität ist Krankheit“ bietet: von sich und ihrer Leidenschaft – im doppelten Sinn des Wortes „Leiden“ – offen und öffentlich zu sprechen.

Dass dabei nicht nur der Begriff Homosexualität, sondern auch die Einsichten, denen er sich verdankt, aus der Pathologie, der Lehre von den Krankheiten stammen, macht die Konjunktion „ist“ so problematisch, wobei es nur ein geringer Trost ist, dass diese Formel in einem Kontext steht, der Sexualität insgesamt des Pathologischen verdächtigt. […]

In dem Augenblick, in dem Homosexualität als Domäne des Arztes – sprich: als Krankheit – entdeckt wird, wird sie zum einen als Defekt des Körperschemas, zum anderen aber auch als Phänomen der Sexualität entdeckt und verbalisiert. […]

Konjunktionen „statt“ und „ist nicht“

In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Homosexualität als Krankheit haben sich, gewissermaßen als Reaktionsbildung, zwei Konjunktionen dieser Begriffe entwickelt, die jedoch die Eierschalen ihrer Herkunft sichtbar an sich tragen. Die eine der beiden ist die Konjunktion „Homosexualität oder Krankheit“, genauer und zugespitzt gesagt: die Konjunktion „statt“: Homosexualität statt Krankheit bzw. vice versa Krankheit statt Homosexualität. Diese Konjunktion liegt implizit schon der Auffassung Sigmund Freuds zugrunde, der gemäß ein bestimmtes Krankheitsbild, nämlich das der Paranoia, aus verdrängter Homosexualität entsteht, dass also das Nicht-Akzeptieren der eigenen homosexuellen Triebwünsche krankmachende Auswirkungen auf das Ich haben kann. Wenn Freud auch nicht explizit zu der Konsequenz findet, so ist sie doch naheliegend: würde der homosexuelle Triebwunsch akzeptiert, dann könnte die Krankheit vermieden oder geheilt werden. Freuds Ätiologie der Paranoia ist umstritten, dennoch wirkt sie als Modell: an ihm wird anschaulich, dass der Mensch krank werden kann, weil er nicht homosexuell wird, d.h. statt der Homosexualität befällt ihn gewissermaßen die Krankheit, die sich nun als Platzhalter an die Stelle der nicht-akzeptierten Homosexualität setzt. Und umgekehrt: im Heilungsprozess könnte Homosexualität an die Stelle der Krankheit treten und in der Konjunktion „Homosexualität statt Krankheit“ den Menschen zu seiner sexuellen (statt seiner kranken) Identität befähigen.

In die Traditionslinie dieser Konjunktion lassen sich auch Morgenthalers vieldiskutierte Thesen zur Homosexualität einordnen, wenn nämlich dieser Autor die homosexuelle Identitätsfindung als spezifische Reaktionsbildung auf die je individuellen narzißtischen Verletzungen und ödipalen Konflikte versteht. Bliebe die schwule Identitätsbildung aus oder würde sie unterdrückt, so entstünde an ihrer Stelle Krankheit im psychischen oder auch psychosomatischen Sinn. Oder umgekehrt: für Morgenthaler ist Homosexualität keine Krankheit, sondern steht an der Stelle möglicher Krankheiten.

Aber auch die bewusste und pointierte Negation eines kausalen oder modalen Zusammenhangs zwischen Homosexualität und Krankheit […] bleibt an das Krankheits-Phantasma gebunden und operiert mit den problematischen Begriffen Gesundheit, Natürlichkeit oder Veranlagung, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. Das heißt: auch der scheinbar naheliegende, emanzipationspolitisch womöglich notwendige Satz, „Homosexualität ist keine Krankheit und hat mit Krankheit nichts zu tun“ erweist sich als fixiert an den rein negativ konnotierten, antiemanzipatorischen Krankheitsbegriff. […]

Mit dem Schlachtruf „Die Tunte ist tot – es lebe der normale Homosexuelle“ wird das Natürlichkeits- und Gesundheitspostulat der Homosexualität eingelöst. In ihm kehrt sich der emanzipatorische Anspruch gegen sich selbst und hebt sich auf. Auch für diese Variante des schwulen Gesundheitspostulats gilt Hartmut von Hentigs Sentenz: ‚Der Heilungswille des Homosexuellen ist seine Krankheit, nicht seine Homosexualität.‘

Ich will dies durch eine Abwandlung des vorhin zitierten Satzes aus Jesus Sirach ergänzen: „Wer vor seine Schöpfer sündigt, der soll nicht dem Arzt, sondern dem Natürlichkeits-Soziologen in die Hände fallen!“ – Ich weiß nicht, was schlimmer ist…

Die Konjunktion „und“

Deswegen – und nur deswegen – erscheint es mir sinnvoll, die Konjunktur „Homosexualität und Krankheit“ zu denken und weiterzuentwickeln. Diese Konjunktion „und“ unterscheidet sich grundlegend von den skizzierten Gleichsetzungen und Ausschließungen der Begriffe „Homosexualität“ und „Krankheit“. Aber sie bewahrt dennoch den Zusammenhang, der nicht nur historisch, sondern auch systematisch gegeben ist. Um dieses Zusammenhangs willen haben wir die Konjunktion „und“ als Tagungsthema gewählt, obwohl wir uns der schlimmen Assoziationen bewusst sind, die das Begriffspaar auslöst. Deswegen ist es nicht zu denken ohne die Präzisierung, dass es sich dabei um einen „prekären Zusammenhang“ handelt.

Er ist, zugegebenermaßen, ein uns aufgezwungener Zusammenhang, der den, der ihn annimmt, nicht in seinem „Normalsein“ sich einrichten lässt, sondern ihn mit seinem Fremdsein konfrontiert: dem Fremdsein in sich selbst und dem Fremdsein in einem gesellschaftlichen Umfeld, das mit Ausgrenzung, Abschiebung und Vernichtung auf das Fremde, den Fremden reagiert.

Aber eine aufgezwungen Rolle zu akzeptieren kann auch ein Zeichen von Stolz sein und Räume eröffnen, in denen diese Rolle, die der sprachlichen Konjunktion „und“ entspricht, kreativ gestaltet werden kann, sei es lebenspraktisch im Freiraum der Außenseiterexistenz, sei es künstlerisch und literarisch im Freiraum der Phantasie. […]

Wir sind uns diese homosexuelle Perspektive, die „zerrüttet“ sein kann, weil sie eben nicht die „normale“ ist, selber schuldig […] Wir sind sie uns auch schuldig aus Solidarität. In dem Augenblick, in dem wir für die homosexuelle Perspektive die Qualität des Fremdseins und – sit venia verbo – Krankheit zurückgewinnen, stellen wir uns zu denen, die von HIV und Aids betroffen sind, statt sie unsererseits auszugrenzen. Denn die aufgezwungen Konjunktion „Homosexualität und Krankheit“ hat durch HIV und Aids eine brisante Aktualität zurückgewonnen, die wir nicht ignorieren können und dürfen. In ihr, so lässt sich provokant und anstößig formulieren, kommt der homosexuelle Grundkonflikt wieder zu seinem Recht, und die Spannung, die daraus entsteht, könnte und sollte uns zu produktiven Leistungen anspornen, sowohl im persönlichen Miteinander als auch in der literarischen Auseinandersetzung und Gestaltung dieses „prekären Zusammenhangs“.

Gerhard Härle/Wolfgang Popp: Homosexualität und Krankheit. Literarische Gestaltungen eines prekären Zusammenhangs. In: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 18/1993, S. 13 – 31.

Wolfgang Popp: Mein Leben. Germanist – Pazifist – Schwul. (Unveröffentlicht, Erscheinung voraussichtlich 2021)

Bernhard Nolz ist Friedenspädagoge und Vorsitzender des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung der Universität Siegen, nolzpopp@web.de

Verstehen und Verständigen statt Zusammenzustehen

Information vom Zentrum für Friedenskultur Siegen (ZFK) zur Plakataktion „Siegen steht zusammen“ des Siegener Bündnisses für Demokratie

Verstehen und Verständigen

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur hält die Plakataktion „Siegen steht zusammen“ für missglückt.

Bernhard Nolz, Leiter des ZFK, Friedenspreisträger und Zivilcourage-Preisträger, begründet die Kritik an der Aktion des Siegener Bündnisses für Demokratie:

Plakate und Medieninformation des Bündnisses für Demokratie verkünden die Ausgrenzung von Andersdenkenden. Bei dieser Feindbildlogik machen wir nicht mit. Vielmehr geben Frieden, Inklusion und Toleranz die Stichwörter ab, die eine Gesellschaft lebenswert erscheinen lassen.

Stattdessen müssen wir Herabwürdigungen von Menschen auf Plakaten lesen: „Nazis sind scheiße oder zum Kotzen, sie sind dumm, Abfall und Flaschen“. Spricht man so öffentlich über Mitmenschen? Wenn man deren politische Anschauung nicht teilt – was wir auch nicht tun – gebietet die Würde des Menschen, dass wir ihr Recht auf Meinungsfreiheit nicht in Frage stellen, auch deshalb, weil wir es ja auch für uns in Anspruch nehmen (Kants kategorischer Imperativ). Hier hilft nur der Austausch von Argumenten und der Versuch, sich gegenseitig zu verstehen.

Verwunderlich ist auch die Tatsache, dass das Bündnis für Demokratie und die Plakatmacher*innen sich darauf berufen, mit ihrer Aktion die offene und bunte Gesellschaft verteidigen zu wollen.

Das Feindbild „Nazis“ hat sie vergessen gemacht, dass die Meinungs-, die Vereinigungs- und die Versammlungsfreiheit die Kernelemente der offenen Gesellschaft sind. Eine offene vielfältige Gesellschaft kennt keine Ausgrenzung, sondern ist auf Inklusion angelegt.

Und so ergibt sich die paradoxe Situation, dass die Verteidiger*innen der offenen Gesellschaft mit der Plakataktion dieser offenen Gesellschaft die Grundlagen entziehen. Anders gesagt: Das Bündnis für Demokratie tritt für Offenheit ein, grenzt aber Teile der Gesellschaft aus. Es propagiert die Buntheit, will aber Braun als Farbe nicht zulassen.

Ich denke, ich habe plausibel gemacht, warum wir an der Propagierung der Friedenskultur festhalten und uns dafür einsetzen, Bedingungen zu schaffen, dass wir uns miteinander auseinandersetzen, um uns zu verstehen.

Gerne stehe ich zu weiteren Aspekten, die unsere Kritik an der Plakataktion begründet, Rede und Antwort.

Bewusst ausgespart habe ich die Bezüge der Aktion zur aktuellen Corona-Krise, weil erst einmal verkraftet werden muss, dass wir alle nach Regierungsmeinung ausgegrenzt werden müssen, weil wir als krank bzw. infiziert zu gelten haben.

Wer wie ich sich der Humanität und dem Frieden seit über 50 Jahren verpflichtet hat, sieht am Horizont die Wahrheit aufgehen.“

Vereinte Nationen und Menschheitsfamilie

Mitteilung des Siegener Zentrums für Friedenskultur (ZFK) zum Tag der Vereinten Nationen (24.10.)

Vereinte Nationen und Menschheitsfamilie

Am 24. Oktober 1945 trat die Charta der Vereinten Nationen (UN) in Kraft. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten, alle Konflikte friedlich und ohne Gewalt und Krieg zu lösen. Daran erinnert das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) am Tag der Vereinten Nationen. Das ZFK widmet sich seit 20 Jahren der Arbeit für den Frieden und für die Menschenrechte.

SPUN – das Schülerplanspiel United Nations wurde in Siegen mit Unterstützung des ZFK entwickelt. Zum Planspiel treffen sich alljährlich in Bonn ca. 200 Schülerinnen und Schülern von deutschen Schulen im Inland und Ausland. SPUN ist zu einem Projekt der politischen Teilhabe und der Völkerverständigung geworden. Spielerisch werden die Jugendlichen zu Vertreter*innen von UN-Mitgliedsstaaten, deren Politik auf Frieden und Verständigung, auf Nachhaltigkeit und Menschenrechte ausgerichtet ist.

Das ZFK beklagt, dass die Friedensverpflichtung der UN-Charta von der Bundesregierung beiseite geschoben wird. Sie genehmigt nicht nur Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, sondern beteiligt sich auch an zahlreichen Kriegen, z.B. in Afghanistan, Syrien, Mali. Auch bei den Wirtschaftskriegen gegen verschiedene Staaten macht sie mit und vergrößert das Leid der Bevölkerungen.

Das ZFK fragt, wann die Bundesregierung die wiederholten Appelle des UN-Generalsekretärs Guterres aufgreift. Er fordert angesichts der Corona-Krise alle Kriegshandlungen auf der Welt einzustellen, sich zu versöhnen und gegenseitig zu unterstützen. Im Sinne von Guterres sollten die Soldaten der Bundeswehr umgehend von den Auslandseinsätzen zurückgeholt werden.

Die Jugendlichen von SPUN jedenfalls haben längst erkannt, dass wir eine Menschheitsfamilie sind, die in Frieden leben will. Sie haben damit begonnen, das 21. Jahrhundert zu einer Epoche des Gewaltverzichts, der gegenseitigen Achtsamkeit und der Inklusion zu machen.

Wann folgen die Politiker*innen ihnen und überwinden ihre Feindbilder?

Ansprechpartner: ZFK-Leiter Bernhard Nolz, 01718993637, nolzpopp@web.de

Tag der Gewaltlosigkeit – Tag der deutschen Einheit

Mitteilung des Siegener Zentrums für Friedenskultur und der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden zum internationalen Tag der Gewaltlosigkeit (2. Oktober)

Zum Tag der deutschen Freiheit und lebendiger Demokratie

Offizielle Reden zum Tag der Gewaltlosigkeit wird es nicht geben. Alles konzentriert sich auf den 3. Oktober. Rednerinnen und Redner zum Nationalfeiertag 2020 kann ich mir nur vorstellen, dass sie das einheitliche Ende der Corona-Zwangsmaßnahmen erklären.

Die Menschen in Deutschland erhalten zu diesem „Feiertag“ ihre unveräußerlichen Grundrechte zurück und die einheitliche Weiterentwicklung der Demokratie wird begonnen.

Das wird eine Demokratie von unten sein, ein Form der Volksdemokratie. Denn die Regierenden haben mit ihrer Politik der „marktkonformen Demokratie“ Staat und Gesellschaft gegen die Wand gefahren (Lockdown) und sich als unfähig erwiesen, den Schutz der Gesundheit von Bürgerinnen und Bürgern unter Wahrung der Grundrechte zu gewährleisten.

Dagegen haben Hunderttausende bei den Berliner Demonstrationen von Querdenken am 1. und 29. August den Volkswillen eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Sie haben sich das Recht auf Versammlungsfreiheit genommen und gewaltfrei und solidarisch ihre Forderungen vorgetragen.

Die Polizeigewalt muss ein Ende haben. Polizeiliche Kampfeinheiten müssen aufgelöst werden. Damit würde auch den untergründigen rassistischen Polizeikameradschaften ein Ende bereitet. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (ugs. gegen die Staatsgewalt) wird zukünftig als Notwehr eingestuft, als Verteidigung gegen einen rechtswidrigen Angriff.

Der öffentliche Raum wird nicht mehr nach Gutdünken zugeteilt oder entzogen. Demonstrationen und Kundgebungen finden ohne Auflagen statt. Im öffentlichen Raum ist die Garantie der Menschenwürde das oberste Gebot.

Die Gewaltfreiheit ist das gesellschaftliche und staatliche Muss gegenüber allen Menschen auf dieser Welt. Die Gewaltfreiheit geht Hand in Hand mit der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit.

Darüber würde ich am Tag der Gewaltlosigkeit reden, wenn ich es nicht schon aufgeschrieben hätte.

Bernhard Nolz, Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur, Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, nolzpopp@web.de

UN-Weltfriedenstag am 21. September

Pressemitteilung der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden zum UN-Weltfriedenstag 2020 am 21. September

Weltfrieden in die Knie gegangen

Der internationale Weltfriedenstag 2020 steht ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Die Abwehrmaßnahmen gegen das Virus von fast allen Staaten haben globalen Unfrieden erzeugt.

Am Weltfriedenstag werden die Regierungen zum Frieden, d.h. zur Abkehr von der Gewaltpolitik aufgerufen. Frieden heißt Gewalt abzubauen und zu überwinden. Gewalt liegt vor, wenn die Bedürfnisse von Menschen und die Interessen von Staaten von den Politiker*innen unbeachtet bleiben.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschloss 1981: „Der International Day of Peace soll genutzt werden, um die Idee des Friedens sowohl innerhalb der Länder und Völker als auch zwischen ihnen zu stärken.“

Mit den Lockdown-Maßnahmen wurde das Gegenteil erreicht. Sie haben die Gegensätze innerhalb der Gesellschaften und zwischen den Staaten verschärft, weil die Reichen und Großen (Menschen, Betriebe und Staaten) reicher und die Armen und Kleinen (Menschen, Betriebe und Staaten) ärmer geworden sind.

Corona hat die unfriedlichen und ungerechten Strukturen des Kapitalismus offenbart. Denn Finanzspekulationen und Kriegseinsätze konnten ungehindert fortgeführt werden und die Digitalkonzernherren machten im gesellschaftlichen Stillstand Megagewinne, die gar nicht oder nur unzureichend versteuert werden.

Mit voller Gewalt wurden die Volkswirtschaften gegen die Wand gefahren, wurden dann die Privatbanken und -Firmen mit Steuergeldern gerettet, was die Staatsverschuldung in unvorstellbare Höhen treibt und keinen Euro für Bildung und Soziales übrig lässt.

Dieser Marktradikalismus ist krank und macht krank. COVID-19 ist sein Kind. Umweltzerstörung und Klimaveränderungen, unzureichende Krankheitsversorgung, schlechte Lebensmittel und ausbeuterische Arbeitsbedingungen schwächen die menschlichen Abwehrkräfte und zerstören den sozialen Frieden.

Was hilft, ist die Besinnung auf das Völkerrecht und die Menschenrechte. Ist das unstillbare Verlangen der Menschen nach Frieden und Gerechtigkeit. Sind Kooperationen und Völkerverständigung. Sind Abrüstung, Deeskalation und gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Ist ein internationales Corona-Tribunal zur Wahrheitsfindung.

Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, Sprecher: Bernhard Nolz, Kölner Str. 11, 57072 Siegen, 01718993637, nolzpopp@web.de

Krieg ist keine Lösung!

Mitteilung des Zentrums für Friedenskultur Siegen zum 19. Jahrestag des 11. September

Krieg ist keine Lösung!

Nach dem furchtbaren Terrorangriff auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 haben die USA sich mit einem Terrorkrieg gerächt und im Laufe der Jahre mehrere Länder überfallen und zerstört.

Mit militärischer Unterstützung der NATO-Staaten werden die kriegerischen Raubzüge, die Millionen Tote und Flüchtlinge gekostet haben, bis heute fortgesetzt.

Die US-amerikanischen Kriegsverbrechen türmen sich auf. Die Völkerrechtsverletzungen sind kaum noch zu zählen.

Auch Europa steht wegen der Lagerung von Atombomben unter der US-amerikanischen Kriegsbedrohung, denn die USA sind schon zweimal – in Hiroshima und Nagasaki – vor einem Atombombeneinsatz nicht zurück geschreckt.

Auf den Teilabzug der US-Army aus Deutschland – ohne Atomwaffen – reagieren die europäischen NATO-Staaten mit weiterer Aufrüstung und militärischen und politischen Drohgebärden gegen Russland. Und deutsche und französische Politiker*innen schmieden größenwahnsinnige Pläne für einen Militär-gestützten europäischen Imperialismus in den Teilen der Welt, die die USA frei lassen.

Aber wir in Europa haben weder das Geld für megateure Militärprojekte, noch können wir uns Konflikte mit Russland leisten.

Im aktuellen „Fall Nawalny“ demütigt sich die Bundesregierung selbst, indem sie dem Volk eine Story präsentiert, die die Corona-Lügen um Längen schlägt. Das ist das Ergebnis, wenn man sich der US-amerikanischen Gewalt- und Kriegslogik unterwirft und sich am geistlosen Russland-Bashing beteiligt, statt auf die mehrfachen russischen Abrüstungsvorschläge einzugehen.

Einen neuen Kalten Krieg kann Europa nicht gebrauchen. Europa braucht Frieden.

Dazu gehört, dass die Politiker*innen ihre Feindbilder überwinden und zur Kooperation bereit sind.

„Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig eine friedliche und konstruktive Zusammenarbeit der Staaten für das Wohlergehen der Menschheitsfamilie ist“, begründet Bernhard Nolz, Leiter des ZFK und Friedenspreisträger, die Forderungen der Friedensbewegung.

Social Distancing ist tödlich, weil es keine Liebe und Heimat kennt

Überlegungen am Antikriegstag zum Heimatschutz

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) zeigt sich zum Antikriegstag (1. September), der auch Weltfriedenstag genannt wird, besorgt über die Pläne der Bundesregierung, eine Heimatschutztruppe der Bundeswehr aufbauen zu wollen.

ZFK-Leiter Bernhard Nolz: „Für unsere Heimat, das Siegerland, aber auch für ganz Deutschland, lehnen wir Waffen tragende Ordnungskräfte ab. Wozu soll die Ausbildung zum Töten gut sein?“

Das ZFK hält es in Corona-Zeiten für verfehlt, noch mehr Geld fürs Militär auszugeben. Was die Gesellschaft braucht – jetzt nötiger denn je – sind öffentliche Investitionen in den Gesundheitsschutz, zum Schutz der Kinder gegen Missbrauch und für den Jugendschutz. Außerdem bedarf es großer Anstrengungen und Finanzmittel, die Schulen für das Lernen in kleinen Gruppen umzugestalten und in „Gesunde Schulen“ umzubauen bzw. mit Sozial- und Gesundheitsräumen zu erweitern. Die Regierungen müssen hier Schwerpunkte setzen und das Geld nicht für Aufrüstung und für Kriegsvorbereitungen rauswerfen.

Als pensionierter Lehrer sorgt sich Bernhard Nolz um den sozialen Frieden in der Schule: „Die Corona-Maßnahmen haben uns gelehrt, dass Home Schooling in die Sackgasse der Computersucht und der Vereinsamung führt. Die Schüler*innen finden keinen Frieden mehr mit sich selbst, und es fehlen die Freunde, an denen man sich erkennen kann, weil sie anders sind. Social Distancing ist tödlich, weil es keine Liebe und Heimat kennt. Deshalb: „Social Learning“ und „Peace Education“ werden zu den Hauptaufgaben der Schulen, die zukünftig nur als „Schulen der Inklusion“ gelebt werden können.“

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