Grete Weil: Meine Krankheit heißt Auschwitz

Meine Krankheit heißt Auschwitz
Grete Weil (geb. 18.7.1906 – gest. 14.5.1999)
vorgestellt von Wolfgang Popp
(Aus: Bernhard Nolz/Wolfgang Popp (Hg.): Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur, Münster 2013 (LIT-Verlag)
Meine Krankheit heißt Auschwitz, und die ist unheilbar. Ich habe Auschwitz, wie andere Tb
oder Krebs haben. Bin genauso schwer zu ertragen wie alle Bresthaften. Die Krankheit verläuft
in Schüben, die Schübe werden häufiger, nehmen an Schwere zu. Alkohol und Schlafmittel
könnten lindern, ich mag beides nicht, will meinen klaren Kopf behalten, möglich, daß ich mir
Linderung nicht wünsche. Ich kann vor meiner Krankheit nicht davonlaufen, nur daran sterben.
Diese Sätze aus dem Beginn des Romans Generationen charakterisieren die Grundhaltung Grete
Weils. Der Roman erschien 1983, da war sie schon eine alte Frau von nahe 80. Schon 1963 hatte sie
zwar ihren Roman Tramhalte Beethofenstraat veröffentlicht, der aber kaum ein literarisches Echo
auslöste. Erst mit Meine Schwester Antigone (1980) gelingt ihr ein gewisser Durchbruch in der
literarischen Öffentlichkeit. In allen ihren Romanen stehen ihre Erfahrungen in der NS-Zeit, in der
holländischen Emigration, ihre Erfahrungen des Überlebens im Untergrund und der von vielen
kritisierten oder angefeindeten Rückkehr ins Land der Mörder im Mittelpunkt ihres Schreibens.
1906 in eine großbürgerliche jüdische Rechtsanwaltsfamilie geboren, verbringt sie eine glückliche
und behütete Kindheit und Jugend in München, unternimmt mit ihrem angebeteten Vater
Klettertourneen und liest mit ihm Goethe und andere Klassiker, studiert in München, Berlin und
Paris Germanistik und schließt Freundschaften mit Erika und Klaus Mann. 1936 heiratet sie den
Dramturgen Edgar Weil, dem sie 1935 ins holländische Exil nachfolgt, wo sie sich zunächst als
Fotografin durchbringt. Als 1941 ihr Mann im KZ Mauthausen ermordet wird, sieht sie keinen Sinn
mehr im Überleben, flüchtet sich aber in eine untergeordnete Beschäftigung beim Jüdischen Rat
Amsterdam, der die fragwürdige Aufgabe hat, Juden für die deutsche Deportation auszuwählen. Als
ihr selbst die Deportation droht, geht sie in den Untergrund und überlebt bei einer holländischen
Freundin. 1947 kehrt sie nach Deutschland zurück und heiratet 1960 den Schauspieler und
Regisseur Walter Jokisch, den sie wie Edgar Weil überlebt. Obwohl sie schon im holländischen
Untergrund zu schreiben beginnt, gelingt ihr der literarische Durchbruch erst 1980.
Im Roman „Der Brautpreis“ (1988) beschreibt sie ihr Verhältnis zum Judentum:
Ich wollte deutsch sein, nicht jüdisch. Saß in der jüdischen Religionsstunde und träumte von
Egmont, dem Prinzen von Homburg, Don Carlos. Wir lernten hebräische Gebete auswendig
herunterzuleiern, ohne Hebräisch zu können.
Vom Judentum erfuhr ich so gut wie nichts, weder zu Hause noch in der Schule. Ein Mensch,
der durch die Augen lebt, kann mit einer Religion nichts anfangen, die das Bild verwirft.
Noch war ich geborgen in meinem Elternhaus. Noch wendete ich nur den Kopf ab, wenn sie
sangen: „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt.“ Noch sagte ich ohne zu zögern: Bayern, meine
Heimat.
Wußten wir, daß es nicht gutgehen würde? Tief im Unterbewußten die Vergangenheit: Hohn,
Verfolgung, Ausweisung, Mord. Doch kein Auschwitzgestank in der Nase.Das Unausdenkbare
noch nicht gedacht.
Juden pflegen pessimistisch zu sein. Aus Erfahrung, Instinkt. Wir waren pessimistisch. Doch
keine Phantasie reichte aus, um die eigene Vernichtung vorauszuwissen. Damals nicht. Heute
sind wir gewitzter. Alles ist möglich.
Damals: Wachsendes Unbehagen, noch keine Angst. Wir waren Deutsche. Deutsche und Juden.
Es ist Bereicherung, aus zwei Wurzeln zu stammen. Kühler Norden und heißeres Mittelmeer.
Was dabei herauskam, war oft Begabung – für Mathematik, Physik, Musik, für das Schreiben.
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Auch für Medizin und Geldgeschäfte. Begleitet von einer gewissen Arroganz, dem auserwählten
Volk anzugehören. Zu was auserwählt? Zum Leiden doch vor allem.
Glauben, Gottsuche, Frommsein. Das war mir fremd.
(Brautpreis, S. 10)
Es ist die Gespaltenheit vieler jüdischer Überlebender des Holocaust, die erst durch die
Judenverfolgung ihre eigene jüdische Identität erfahren und glauben, durch ihr Überleben an den
jüdischen Leidensgenossen schuldig geworden zu sein. Im Zusammenhang mit der Feststellung der
„Krankheit Auschwitz“ sagt Grete Weil:
Je weiter Auschwitz entfernt ist, desto näher kommt es, die Jahre dazwischen sind weggewischt.
Auschwitz ist Realität, alles andere Traum. Nicht Mauthausen, wo Waiki ermordet wurde und
ich mit ihm, das Entsetzen hat sich vom eigenen Schicksal verlagert auf das der vielen.
Auschwitz ist Chiffre, kein Ort auf der Landkarte. Meine Nerven reagieren auf jede Gewalt,
Menschen, ihre Mörder, eine sadistische Meute beamteter, uniformierter Peiniger. Eltern, die
ihre Kinder quälen, Eheleute, die sich langsam erwürgen, Gemetzel mit Bajonetten, Peitschen,
Elektroden, Wörtern, in Folterkellern und guten Stuben.
(Generationen, S.6 f)
Obwohl Grete Weil bei ihrer Tätigkeit im Jüdischen Rat vielen Juden zur Flucht verholfen hat und
als Schreibkraft geheime Kassiber über den Verbleib Einzelner an deren Angehörige geschmuggelt
und ähnliche Hilfestellungen geleistet hat, leidet sie unter dem Überlebthaben, weil sie weiß, dass
sie zu wenig gegen das Verbrechen getan hat, zu wenig Widerstand aufgebracht hat. Und daraus
ergibt sich für sie die unabweisbare Verpflichtung, aufzuklären über die Geschehnisse in der Nazi-
Zeit, über die Mörder und ihre Opfer. In diesem Geiste stehen alle ihre Texte.
Am deutlichsten tritt dieser Widerspruch zwischen eigener Lethargie und Widerstandswillen in
Meine Schwester Antigone hervor. Antigone ist die mythische altgriechische Gestalt der
Königstochter in Theben, deren Bruder im Kampf um die Herrschaft umkommt und auf Geheiß
ihres Stiefvaters nicht begraben werden darf, sondern den wilden Tieren zum Fraß überlassen wird.
Antigone widersetzt sich diesem Gebot und wird deshalb selbst zum Tod verurteilt. Grete Weil
denkt darüber nach:
Wie stelle ich sie mir vor? An einem Tag glaube ich es zu wissen, am nächsten nicht mehr, bald
ist sie ein Stück von mir und bald in allem mein Gegenpart. Traum durch die Zeit, wie ich mir
wünsche zu sein, wie ich nicht bin. Königstochter in frühen Jahren, Landstreicherin dann,
kompromißlose Widerstandskämpferin, die ihr Leben einsetzt und verliert, Jüngerin, Geliebte
des Dionysos, für die Leben Haß und Tod Liebe bedeutet, die Entschlossene, nicht von ihrem
Gesetz Abweichende.
(Meine Schwester Antigone, S. 10)
Und sie stellt fest:
In den Sessel gekuschelt döse ich vor mich hin, empfinde Wohlbehagen, bin entspannt. Plötzlich
wird die angenehme Lethargie durch die Frage zerstört: Warum hat sie Kreon nicht
umgebracht? Das Ungeheuer, das auf Recht und Ordnung bestand, auf selbsterlassenem Recht
zugunsten des Staates, auf selbstsstatuierter Ordnung, die den reibungslosen Ablauf der
Verwaltung garantiert. Nicht das Recht, das sich Antigone vorstellte, bei dem es um die Belange
des Individuums geht; nicht die von ihr erträumte Ordnung, die das Leben zwischen Menschen
hilfreich regelt. Sie konnte leichter zu ihm kommen als Stauffenberg zu Hitler, es war ihr erlaubt,
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ihn zu umarmen; wie einfach ist es, einen Menschen, den man umarmt, zu ermorden.
Warum habe ich den Hauptsturmführer nicht umgebracht bei der großen Razzia im Juni 43, als
sechstausend auf einmal wegkamen? Ich trug die Armbinde des Jüdischen Rates, konnte mich
frei bewegen, brauchte nur an ihm vorbeizugehen und abdrücken. Den Revolver, den ich nicht
hatte, doch warum hatte ich ihn nicht? […] Warum tut man etwas oder tut es nicht, von dem
man nachher nicht mehr begreift, daß man es getan oder nicht getan hat? […] Warum sage ich
noch heute: wie entsetzlich, furchtbar, nicht zu ertragen? […] Ich gehöre weder zu den
Herrschenden noch zu den Unterdrückten. Doch was fange ich mit der Unabhängigkeit an?
Dem Schlendrian der Gleichgültigkeit verfallen, schließe ich mich der schweigenden Mehrheit
an und verdränge mein besseres Wissen.
(Meine Schwester Antigone, S.52)
Und wieder das Gegenbild:
Antigone ist nicht so. Die Eigensinnige, die Rechthabende. Doch hat sie recht? Schillernd alles,
maßvoll, maßlos. Recht und Unrecht tragisch verschleiert.Von ihrem blumenhaften Wesen wird
gesprochen, von der leidenschaftlich einseitig vorstoßenden Täterin, der Schwesterlichsten der
Seelen, der Bacchantin des Todes, der großen Gestalt des Widerstands. Wie hätte sie an meiner
Stelle gehandelt? Die Integrität bewahrt? Die Mutter beschützt? Beides zugleich war nicht
möglich. Voll Neid denke ich an sie, die einen Toten begraben, nicht einen lebenden retten
mußte. Sie war allein. Alleinsein – ungeheuerste Stärke.
(Meine Schwester Antigone, S.65)
Fragen zu stellen ist Kennzeichen für die Schreibweise Weils: Fragen, die meistens nicht
beantwortet werden, weil sie nicht zu beantworten sind. Sie bekunden die Aussichtlosigkeit der
Lösung von existenziellen Problemen des Individuums wie des Kollektivs. Die Umstände erst
zwingen Grete Weil, über ihre jüdische Identität nachzudenken, sich zu ihr zu bekennen. In dieser
Haltung kann sie sagen:
Ich trage auf meinem Mantel einen gelben Stern. Als Demütigung erdacht, macht er uns stolz;
was die anderen flüstern, dürfen wir laut bekennen: daß wir nicht zu den Mördern gehören. Ich
trage auf meinem Mantel einen gelben Stern. Gehöre zu den Auserwählten, die wir waren seit eh
und je, im Guten wie im Schlechten. Aber ich habe die Sehnsucht, die wir hatten seit eh und je,
zu den vielen zu gehören, den Gewöhnlichen, die keine Mörder sind und keine Opfer.
(Meine Schwester Antigone, S. 108)
Zugleich beschreibt sie schonungslos ihre Schwächen, in der Gegenwart politisch aktiv zu sein:
Sie waren untergetaucht? Fragen die Leute, als ich nach Deutschland zurückkomme. Wie schön,
daß Sie den Krieg heil überstanden haben. Sie freuen sich, daß ich noch am Leben bin. Ein
lebender Jude wiegt in ihrem Gewissen viele tausend tote Juden auf.
Ein Kaufhaus brennt in der Nacht. Das Feuer wird schnell gelöscht. Ein paar junge Menschen,
Kinder aus Bürgerhäusern, erklären, sie hätten gegen den Krieg in Vietnam protestieren wollen.
Den Menschen zeigen, was da geschieht.
Der Anfang des Terrorismus in Deutschland. Verzweiflung über Unmenschlichkeit. Antigone und
Gudrun Enslin auf der gleichen Linie. Der Jungfrauen herrlichste Natur und das Mädchen, das
man als Kriminelle abtut. Wo ist der Unterschied? Nur zeitliche Entfernung? Ich versuche
Partei zu ergreifen für meine Prinzessin. Sie hat nicht gezündelt, nur begraben. Aber das ist
keine Differenzierung, vielleicht hätte G.E., die Pfarrerstochter, auch lieber einen Toten
begraben, wäre es heute opportun, mit der Bestattung einer Leiche zu demonstrieren.
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Moralistinnen waren beide.
Und ich? Ich habe meine Wunden geleckt, ein Leben lang. Mit einem nicht vorhandenen
Revolver gespielt. Nur geträumt vom Feuer. Kein Versuch, mich zu vernichten, kein Versuch, in
der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Die Verantwortung für meine Mutter. Die Verantwortung
jedes Juden für alle Juden. Wahrheit und Ausrede. Und was ist jetzt, in unserer
undurchsichtigen, fehlprogrammierten Welt, für die jeder mitverantwortlich ist? Ich sehe alles
sehr klar, habe heute die Ausrede, daß ich zu alt bin, um noch etwas zu tun, und lecke die
Wunden.
(Meine Schwester Antigone, S. 108 f)
Im Roman Generationen (1983) setzt sie sich mit dem großen Verschweigen der Geschehnisse der
Nazizeit bei den Nachfolgegenerationen auseinander:
Wer hat das Wort Bewältigung erfunden für etwas, das nie, unter keinen Umständen zu
bewältigen ist? Holocaust, die unerträglich falsche Bezeichung, die den Gedanken an eine
Naturkatastrophe aufzwingt, einen Blitz, der vom Himmel fährt. Nicht an langsam Gewordenes,
von Menschen ausgeführt, die jahrhundertelang zu Gehorsam, Ordnung, Stillschweigen gedrillt
waren..
Schau sie doch an, deine Holländer, die dir geholfen, dich gerettet haben vor den
Mördern…Hier wird getrauert, die Vergangenheit lebt, nichts muß den Kindern und Enkeln
verschwiegen werden, sie erfahren, wie es gewesen ist, was an Widerstand geleistet wurde in
den Schreckensjahren der Besetzung. Die deutschen Kinder hingegen erfuhren nichts….
Bei den Juden ist es anders, dachte ich. Sie haben nichts zu verbergen, und wie stark ihr Wunsch
ist, über die Verfolgung zu reden, sehe ich ja an mir. Ich bin in Holland, als ein junger Israeli
anfragt, ob er ein Interview mit mir machen könne. Er kommt und sagt: Ich muß Sie
kennenlernen, einen jüdischen Menschen, der die Verfolgung erlebte und den Mut hat, darüber
zu reden. – Den Mut? Das Bedürfnis. Haben andere das nicht? Da bricht die Klage aus ihm, daß
sie schweigen, die in Israel, die in Holland, weil sie sagen: Wir können unseren Kindern die
Wahrheit nicht zumuten, nicht das Ausmaß unserer Entwürdigung. Schuldgefühle, daß sie sich
zu wenig gewehrt, daß sie überlebt haben, werden verdeckt. Nur nicht daran denken. Die
Deutschen sind Teufel. Die Palästinenser sind Teufel. Hitler und Arafat identisch. Wir Juden
sind gut. Die Welt scharf geschieden in schwarz und weiß.
Es stünde besser um Israel, sagt er, wenn sie redeten. Aber sie tun es nicht.[...]
Bei den Deutschen, bei den Juden verwehren die Eltern durch Schweigen den Kindern das
Mitleid. So wird Leben erstickt.
(Generationen, S. 12 f)
Neben die „Krankheit Auschwitz“, die zum zentralen Thema Grete Weils wird, tritt die Erfahrung
des Alterns der alternden Schriftstellerin, die – wie sie sagt – „Assoluta der unheilbaren
Krankheiten: Altsein.“
In Meine Schwester Antigone stellt Weil die entscheidende Frage, ohne sie endgültig zu
beantworten:
Wann ist man wirklich zu alt? Von wann an gehört zu allem, was man tut, das tödliche ‘noch’?
Ach, Sie laufen noch Ski, fahren noch Auto, steigen noch auf Berge, machen noch große Reisen,
können noch ohne Brille lesen, versorgen Ihren Haushalt noch selbst, sind noch belastbar. Sie
können noch denken, noch wie ein normaler Mensch reagieren, sind noch kein psychischer und
physischer Krüppel, glauben noch lieben zu können, wollen noch mitreden, fabelhaft, daß Sie
noch leben wie eine Junge, aber passen Sie auf, morgen oder spätestens übermorgen wird das
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anders sein. Das ist kein memento mori, das ist infam, eine infame Wahrheit, nie versiegende
Quelle meiner Angst.
(Meine Schwester Antigone, S. 157)
In Generationen versucht die alternde Ichsprecherin diese „infame Wahrheit“ aufzulösen, indem sie
sich auf eine Wohngemeinschaft mit Hanna, einer alten, einige Jahre jüngeren Freundin, und mit
Moni, deren jugendliche Geliebte, einlässt, in der Hoffnung, auf diese Weise die Isolation des
Altwerdens zu überwinden. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, weil beide sich als
Lebenspartnerinnen verweigern und auf Abgrenzungen bestehen:
Mitleid mit Moni. Ihr Bier, würde sie sagen, wenn sie es wüßte. Was geht es mich an, ob Sie
Mitleid mit mir haben. So werde ich abgewiesen. Mein Bier, dein Bier (oder auch nur um ein
klein bißchen besser: mein Problem, dein Problem). Hanna erklärt mir, daß dahinter eine tiefe
psychologische Bedeutung stecke. Wenn jemand wisse, was sein Bier sei und was nur den
anderen angehe, würde das Zusammenleben erleichtert. Mag sein, für mich wird es erschwert.
Die beiden kreisen um sich selbst. Mein Bier, dein Bier, den ganzen Tag, sanktionierte
Hackordnung, Geschwätz, Wörter, die sich aufgemacht haben, einen Inhalt zu suchen.
Oder vestehe ich einfach ihre Sprache nicht? Fremde Laute, die mir nichts sagen. Ist das, was
ich, meine ganze am Ende angekommene Generation mit dem Schlagwort des Kreisens um sich
selbst abtut, nicht vielleicht Neugierde auf sich selbst?
Unsere Hilflosigkeit, unsere Mißverständnisse. Mein Bier, dein Bier kommt in meiner Sprache
nicht vor, und es gibt kein Wörterbuch, in dem ich nachschlagen kann.
(Generationen, S. 94)
Es ist genau diese Hilflosigkeit gegenüber den Abgrenzungen der Jüngeren, die die alte
Ichsprecherin zu der bitteren Erkenntnis bringt:
Ich habe immer vom Alter gesprochen, aber im Tiefsten geglaubt, daß es für mich nicht besteht.
Ein Privileg, immer wieder ein Privileg habe ich gewollt. Eine Extrawurst aus der himmlischen
Küche. Ich war kühn genug, sehr spät noch einmal den Traum zu träumen, in einer Gemeinschaft
leben zu können, gleichgestellt, integriert. Die Nebel haben sich gelichtet. Das brutale Erwachen
– alt und allein.
(Generationen, S. 136f)
Im Brautpreis (1988) schließlich stellt Grete Weil zwei Frauen einander gegenüber, die ca. 3000
Jahre an Lebenszeit trennen: „Ich, Grete“ in der Erzählgegenwart und „Ich, Michal“ in der
frühisraelischen Zeit des König Davids. Michal, Tochter des Königs Saul und Frau Davids, erzählt
sich als alte Wittwe ihr Leben, die gleichfalls alte Grete sieht ihr Leben in dem Michals gespiegelt
und reflektiert ihre Zugehörigkeit zur israelischen-jüdischen Geschichte. Diese Reflektion wird
eröffnet mit der Begegnung von Grete mit zwei gegensätzlichen Kunstwerken:
Ich, Grete, mit den beiden deutschen, den beiden christlichen Namen Margarete Elisabeth,
bekam vom Vater in einem Kunstbuch den David des Michelangelo gezeigt. Liebevoll strich er
über die Seiten und sagte dazu: ‘Il Gigante’. Das Wort gefiel mir; ich war ein Wörterfetischist,
wenn mich eines anrührte im Klang, war ich ihm verfallen…Dann las ich, daß der ungeheure
Marmorblock, aus dem der junge Bildhauer seine Jünglingsfigur herausgeschlagen hatte, schon
von seinem Vorbesitzer, Agostino di Duccio, ‘il Gigante’ genannt worden…war. Der Name
verblieb dem Stein, Michelangelo nahm die Herausforderung an und machte den jungen David
daraus, den Schönen, Unbesiegbaren, den Helden, den ich bewunderte in einer Zeit, in der ich
nicht wußte, welch ein Unglück Helden für die Welt bedeuten.
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Meine fünfzehnjährigen Mitschülerinnen kauften sich Fotos des jugendlichen Liebhabers unseres
Staatstheaters, hefteten sie mit Reißnägeln an die Wand…Keine Fotos von Andreas Traxel in
meinem Zimmer. Dafür drei des ‘Gigante’, vierundzwanzig mal dreißig, schwarz-weiß in mattem
Seidenglanz, die ganze Figur, den Kopf mit den Kräusellippen en face und im Dreiviertelprofil.
Zum Ansehen, zum Lieben. Die Schönheit schlechthin. Ein Tölpel. Ein Bauernsohn.
Entschlossen, mutig. Seine Möglichkeiten wägend, doch zu allem bereit. [...]
Zwiesprache in der Dämmerung: du bist noch kein Sieger, aber du wirst bald einer sein. Nur auf
den rechten Augenblick wartest du, um den Goliath, das Finstere, das Böse, zu vernichten. Du
besitzt die Kraft, kennst deine Stärke; aus einem Ast hast du die Schleuder geschnitten und aus
dem Bachbett die Steine geholt. Die Tat ist noch nicht getan. Doch der Traum, der ihr
vorausgeht, ist geträumt. Von dir und von mir.
So blieb es lang. Mein Held veränderte sich nicht, ich veränderte mich. Wurde erwachsen. Ich
brachte David mit nichts Jüdischem in Verbindung. Er war Florentiner und basta.
(Brautpreis, S.7 ff)
Doch diese Einstellung ändert sich, als Grete in Den Haag auf das Davidbild von Rembrandt trifft:
Rembrandts David, der so ganz anders als der meine war und mich anrührte, mehr als mich je
zuvor ein Bild angerührt hatte. Ein kleiner Judenjunge spielt die Harfe vor dem großen,
gewaltigen, turbangeschmückten König Saul, der sich ergriffen halb hinter einem Vorhang
verbirgt und sich die Tränen aus den Augen wischt. David kein Held, ein Dichter und Sänger,
warum hatte ich nie daran gedacht? Ich wurde zur Verräterin an meinem Schönen. Dieser
dunkellockige, eher häßliche Knabe verdrängte den Krieger, er, ein Bruder der vielen aus dem
Judenviertel Amsterdams, die da noch lebten und Juda, Benjamin, Ruben, Abraham oder auch
David hießen, keine Könige waren, sondern Händler, Diamatenschleifer, Talmudschüler,
zuweilen Musiker – und von denen kaum einer überlebte.
Ich kaufte einen großen Farbdruck des Rembrandt-Bildes und heftete ihn daheim neben den
David des Michelangelo. Da waren sie beide beisammen, zwei Pole des Menschseins, und ich
saß davor, den Kopf in die Hände gestützt, unschlüssiger als in Holland, hingerissen wieder von
der Schönheit, doch mit der Ahnung, daß der Kleine, der Häßliche, der Künstler, besser in meine
Welt paßte.
Michelangelo und Rembrandt, beide hatten einen Teil des David gestaltet, wie er überliefert ist
von der Bibel, halb der Geschichte, halb dem Mythos angehörend, vierzig Jahre erst nur über
Juda, dann über ganz Israel herrschend um die Jahrtausendwende vor Christi Geburt, ein
großer Held, ein großer Dichter, später ein großer König.
Ich begann zu zweifeln, den Historikern, den Chronisten zu mißtrauen. Alles konnte David sein:
Heiliger und Verbrecher, Sänger und Mörder, Menschenliebender, Menschenverachtender,
Weiser und Narr. Was war er?
(Brautpreis, S. 11 f)
Die Erinnerungs-Erzählung der Michal beginnt mit der Vergegenwärtigung der Kindheit und
Jugend, in der „alles im Aufbruch“ war, in der die Israeliten aus den nomadischen Zelten in feste
Häuser wechselten und in der sie eine sehr vertraute Liebesbeziehung zu ihrem älteren Bruder
Jonathan genießt, in der aber auch ihr Vater, König Saul wahnsinnig wird und der Hirtenjunge
David geholt wird, der mit seinem Harfenspiel und seinem Gesang den König beruhigen kann:
‘David’. Zum erstenmal höre ich den Namen dessen, der mein Schicksal werden, den ich lieben,
nach dem ich mich sehnen, den ich verfluchen sollte. Der mich hinderte, die zu werden, die ich
war, eine Rebellin, die sich auflehnt gegen die Religion, gegen den Zwang, alles, was einer an
Untaten vollbringt, mit den Worten zu erklären: Jahwe hat es gewollt. Keiner hat es öfter gesagt
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als David. Leere Worte: Jahwe hat es gewollt. Kriege führen, Menschen umbringen, Menschen
ins Unglück stürzen. Jahwe hat es gewollt. Dieser furchtbare Gott. Warum ließ ich mich
hindern, warum gab ich nach, wenn David mich anschaute? Verführt vom Glanz seiner grauen
schrägstehenden Augen, hingerissen in eine Leidenschaft, gehörte ich nicht mir, sondern ihm,
eine Frau, seine Frau, die sich ihm verweigerte, die ihn begehrte. Diese furchbare Liebe. Er
wußte es, beutete es aus, sagte lachend oder sanft oder auch hart: Jahwe will nicht, daß Frauen
sich in Männersachen einmischen.
(Brautpreis, S. 19)
David tritt zwischen Michal und ihren Bruder Jonathan, der ihn gleichfalls liebt:
Liebe zur Schwester mag halb und halb erlaubt sein. Liebe zu einem anderen Mann ist Sünde.
Ich spüre Haß. Ja, Haß ist das erste, das ich bei dem Namen David empfinde. Ich möchte ihn
töten, erwürgen, ihm die Augen auskratzen, die Jonathan verhext haben. Aber schon kommt ein
anderes Gefühl hinzu: Neugier, die in den Wunsch übergeht, denjenigen, den Jonathan liebt,
auch zu lieben.
Der Bruder legt mir den Arm um die Schulter: ‘Du mußt ihn sehen und hören, Michal, Jahwes
Engel, schöner, erhöhter als je ein Mensch gewesen ist. Vater hat wieder einen Anfall gehabt.
Jetzt spielt David die Harfe. Kom mit.’
Wir wagen nicht einzutreten in den Thronsaal, bleiben draußen stehen, aneinandergeschmiegt,
und lauschen. Der Harfenton, jubilierend, anders als jemals zuvor vernommen, darüber eine
helle Männerstimme, die summt, die singt, die ohne Worte preist. Sie fordert, sie schenkt, steigt
zum Himmel, kehrt zur Erde zurück, voll Kampfeslust, doch auch voll Frömmigkeit. Ich beginne
zu fliegen, dahinzugleiten durch Zeit und Raum, selbstverloren, selbstgefunden. Meine Ewigkeit.
Der Sturz aus den Wolken. Drinnen wird gesprochen. Jonathan führt mich fort. Saul darf nicht
wissen, daß wir hier gewesen sind.
(Brautpreis, S. 20 f)
Kurze Zeit darauf sieht sie David, als er wieder vor Saul singt:
Da steht er, die Harfe im Arm, zart und geschmeidig, ein Junge eher als ein Mann, in seinem
weißen Hemd mit blauen Fransen am unteren Rand, die blonden Haare fallen ihm auf die
Schulter. Ich stehe auf, jetzt sieht er mich, schaut mich an mit seinen grauen Augen. Ein Lächeln
zuckt um seinen großen Mund, ein freches, begehrendes Lächeln.[...]
Ich weiß jetzt um meine Liebe. Und fange an zu leiden. Träume, daß ich in seinen Armen liege.
Kinderphantasien, weit von der Wirklichkeit entfernt. Nur erste Ahnung körperlichen Glücks.
Und meine Liebe zu Jonathan? Ich verstehe mich nicht mehr.
(Brautpreis, S. 22 f)
Jonathan vermittelt die erste Liebesnacht zwischen den beiden. Aber es bleibt die einzige. Als er sie
ein zweites Mal zusammenbringen will, muss David mit Sauls Kriegern gegen die eingefallenen
Philister in den Krieg ziehen. Die zurückbleibende Michal reflektiert:
Ich hatte ein ganzes Leben Zeit, darüber nachzudenken, ob David mich am Anfang liebte. Ob
die Königstochter nicht nur eine Sprosse der Leiter für ihn war, auf der er aufstieg.
Wahrscheinlich auch das. Doch liebte er mich in jener Nacht, dessen bin ich gewiß.
(Brautpreis, S. 25)
Wie Grete vor den Davidbildern Michelangelos und Rembrandts nicht weiß, ob er Heiliger oder
Verbrecher, Sänger oder Mörder, Weiser oder Narr war, so muss Michal den Lebenslauf Davids
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durch all diese Stadien verfolgen und bleibt zwischen Liebe und Hass hin und her gerissen.
Nachdem David den Philister, den Riesen Goliath mit der Schleuder getötet hat, erhält er Michal zur
Frau – um den Brautpreis von 100 Philister-Vorhäuten, den er stolz auf 200 erhöht. Das wird zum
ersten Auseinanderfallen der jungen Eheleute, weil Michal es nicht ertragen kann, mit dem
Philistermörder zu schlafen. David fällt bei Saul in Ungnade und muss fliehen, wobei ihm Michal
hilft.
Ich, Grete, reflektiert das Fluchtgeschehen:
Fliehen müssen, fort von zu Hause, von allem, was vertraut und gewohnt ist.
Auch ich, Grete, die Spätgeborene, mußte fliehen, fort von Deutschland, doch wir flohen nicht
weit genug, nur nach Holland, und dort holten uns unsere Feinde ein. Sie verhafteten Waiki,
den Geliebten, brachten ihn fort, ins KZ Mauthausen, wo sie ihn ermordeten.
Das ist lange, sehr lange her. Eine junge Frau hat die Verfolgung erlebt, eine alte Frau schreibt
dies nieder. Mein Mann wurde ermordet, Michals Mann kam um Haaresbreite davon.
Dreitausend Jahre liegen dazwischen. Eine lange Zeit zur Einsicht, doch geändert hat sich
nicht viel.
Ich wußte jetzt, daß ich Jüdin war. Nur Jüdin. Tag und Nacht, Nacht und Tag. Eine zu
Vernichtende, damit beschäftigt, zu überleben. Überleben: die einzige Form des Widerstandes,
die mir geblieben war.
Jüdin als Zustand. Ich hatte vier jüdische Großeltern, das zählte. Meine Sprache und meine
Kultur waren deutsch, das zählte nicht. Religion hatte für mich nie eine Rolle gespielt.
Urheimat war Griechenland und sein Mythos. Zeus und Apollon wichtiger als Jahwe. Die
Rebellin Antigone ein mich durch die Zeiten begleitender Schatten.
Neben ihr wurde David unwichtig.
Lebenswillen und Todessehnsucht. Depression und aufflammende Hoffnung.
Doch von Tag zu Tag stärker der Wunsch: ich möchte nach Deutschland zurück.
Meine Pläne verschwieg ich. Rings um mich war Haß. Haß, den ich verstehen, den ich nicht
teilen konnte. Vielleicht war mein Nichthassen jüdisch (wenn es so etwas überhaupt gibt).
Juden bewahren Leben, vernichten keines. So dachte ich im letzten Winter des Krieges.
(Brautpreis, S. 50 f)
Jahrelang treibt sich David als Räuberhauptmann in der Gegend herum, heiratet die Witwe Abigail
und gewinnt schließlich die Königsherrschaft über den Volksstamm Juda. Michal bleibt in das
Schicksal der jüdischen Frau eingebunden: in der Männerwelt hat sie zu schweigen, sich dem Mann
unterzuordnen, sie ist Verfügungsobjekt des Mannes:
Eine verlassene Frau ohne Kind, ohne Scheidungsbrief, das armseligste Geschöpf der Welt. Die
Langeweile dieser Monate, ich glaubte, sie würde dauern mein Leben lang. Lebendig
eingemauert kam ich mir vor.“
(Brautpreis, S. 82)
Doch ihr Vater bestimmt sie aus Rache an David dem Schafhirten Palthi zur Frau, mit dem sie zu
einem relativ befriedigenden Leben kommt, da er sie als Frau Davids achtet und keine körperliche
Liebe von ihr erwartet. Als Saul und Jonathan im Krieg getötet werden, trauert sie um den geliebten
Bruder wie auch David in der Ferne um ihn trauert. In den folgenden Kriegswirren wird sie mit
Palthi zum Umzug gewungen. Schließlich erhält sie den Befehl, zu David zurückzukehren, der sich
mit seinen Gegnern auf einen Waffenstillstand geeinigt hat. Für Augenblicke ist die
Wiederbegegnung mit David beglückend, er singt vor Michal zur Harfe und nimmt sie in die Arme.
Sie lernt seine Frauen kennen und freundet sich auf Anhieb mit Abigail an. Mit Maacha, der Mutter
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Absaloms, wird sie nicht recht warm, aber der Sohn, den sie spontan lieb gewinnt, nimmt sie
sogleich als „kleine Mutter“ an. Sie erhält eigene Räume im kleinen Palast, die Besuche Davids dort
werden immer seltener bis sie nach Yerushalayim umziehen, in die neue Hauptstadt Israels. David
gelingt es, einen dauerhaften Frieden für Israel zu schaffen. Er führt die Bundeslade, eine reich
geschmückte Holztruhe, in der Jahwe wohnen soll, unter großen festlichen Zeremonien nach
Jerusalem. Michal beobachtet ihn aus ihrem Fenster, wie er, der gestandene Mann, wie ein Junger
vor der Lade einhertanzt und seinen kurzen Schurz auffliegen lässt, sodass die gaffenden Mägde ihn
auslachen:
Ich spürte, wie zwischen David und mir etwas zerbrach.
Abends liege ich auf meinem Bett und weine. Weine um David, um mich, um meine Liebe,
meine vertane Jugend. Durch das Gitterwerk des Fensters dringt noch immer der Lärm des
Festes. Dieser Tag, an dem David erhöht und ich erniedrigt wurde, ist ein Wendepunkt.
(Brautpreis, S. 134)
Auch Grete, „die Spätgeborene in einer späten, zugrundegehenden Welt“, spürt ihr Altwerden, muss
durch eine bedrohliche Krankheit hindurch gehen, denkt darüber nach, warum sie krank geworden
ist:
War es mein stets vorhandenes Schuldgefühl, daß ich überlebte? War es, weil ich die
Schmerzen der Verfolgung und die Trauer um Waiki zum Thema meines Schreibens gemacht
habe? Mein Wissen um Auschwitz und daß ich dieses Wissen dauernd mit mir herumschleppe?
Habe ich mich zu weit von meinen Wurzeln entfernt?
Nehmen es mir meine Figuren übel, daß ich, die so wenig über die Bibel weiß, es unternahm,
über sie zu schreiben?
War es ganz einfach so, daß meine Blutgefäße alt sind und in einem bestimmten Augenblick auf
einer kurzen Bergwanderung zuwenig Sauerstoff zum Herzen transportierten?
Warum also? Weshalb?
Wird der Tag kommen, und wenn er kommt, wann, an dem ich sagen kann: die Krankheit liegt
hinter mir?
(Brautpreis, S. 79)
Aber schon dieser Gedanke ist Illusion. Sie erkennt:
Will ich noch reisen? Ich weiß es nicht. Manchmal heftige Sehnsucht nach dem Mittelmeer, aber
auch Angst vor der Anstrengung, vor der veränderten Umgebung. Dazu die Erkenntnis: Ich
kann nirgends mehr sein, wo es nicht ein für Europäer erträgliches Krankenhaus gibt.
Neue Erfahrung: das Alter, die Krankheit. Was überwiegt? Ich bin geneigt zu sagen: die
Krankheit. Sie hat mich plötzlich, von einer Stunde zur anderen, unfähig für sehr vieles
gemacht.
Sehr viele Gedanken (sehr viel mehr als früher) an den omnipräsenten Tod.
(Brautpreis, S. 141)
Und sie beschäftigt sich intensiver mit ihre jüdischen Identität:
Ich weiß es nicht. Doch hab ich […] viel darüber nachgedacht und meine, zur jüdischen
Identität wäre der Glaube nötig, der Glaube an Jahwe, den von den Juden erfundenen und an
zwei Weltreligionen weitergegebenen Gott. Sodann die Verbundenheit mit dem Land Israel, ein
Heimatgefühl für Erez Israel, dem Land der Väter. Weder das eine noch das andere ist bei mir
vorhanden, war nie vorhanden, so meine ich, daß ich auch niemals eine jüdische Identität
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hatte. Übrig bleibt, daß ich als Jüdin erfahren habe, was Leiden bedeutet.
Also wohl das einzige Rudiment einer Identität die Leidens- und Schicksalsgemeinschaft….
Bin ich jüdischer geworden, seitdem ich mich mit David und Michal beschäftige? Ja sicher,
irgend etwas hat angefangen, das vorher nicht da war.
Ein neues Thema in meinem Leben, ein neuer, mir bisher nicht bekannter Stoff. Warum aber
beschäftige ich mich mit David?
Die jüdische Wurzel, natürlich. Auch.
Daß er unter vielem anderen ein Mörder war, ist sicher. Auch, daß er Charisma besaß, sonst
hätte er es kaum vom Hirten zum König gebracht. Ähnelte er dem David des Michelangelo,
oder dem des Rembrandt oder keinem von beiden? [...]
Und Michal, meine Heldin? Was ist mit ihr? Niemand beschäftigt sich so intensiv mit einem
Menschen, ohne ihn schließlich liebzugewinnen.
Nie war sie mir, wie Antigone,eine bewunderte und wegen ihres Mutes beneidete Schwester.
Keine tiefe Verwandtschaft zwischen mir und dieser herumgestoßenenen, von den Männern oft
mißbrauchten Frau. Nur Sympathie und Mitleid, daß sie leben mußte am Anfang der Zeiten, als
alles noch im Fluß war; in dem Chaos, in dem es kaum Recht, kaum Unrecht gab, mußte sie
sich entscheiden, Partei ergreifen und das schwierige, von allen Seiten bedrohte Leben
bestehen.
Sie und ich, verbunden durch die Zugehörigkeit zu einem Volk, das gar kein Volk ist, aber
immer eines hat sein wollen: zwei jüdische Frauen.
Sie, Michal, war das Gefäß, in das ich meine Gedanken, meine Wünsche und das, was mir
vernünftig erschien, füllen konnte, und sie war mir ein gutes Gefäß. Dafür sei sie bedankt über
die Zeiten hin.
(Brautpreis S.168 f)
Noch einmal muss Michal fliehen. Zusammen mit David und seinem ganzen Gefolge. Vor Absalom,
der sich in Hebron zum neuen König von Israel ausrufen ließ und mit einem mächtigen Heer gegen
Jerusalem zieht. Sie weiß, dass sie David auf diesem Weg nicht verlassen darf. Und wieder scheint
Jahwe auf der Seite Davids zu stehen, Boten berichten, dass Absaloms Heer geschlagen und
zerstreut wurde. Aber sie berichten auch, dass Absalom selbst dabei von Davids getreusten
Feldherrn Joab umgebracht wurde. David erhebt daraufhin einen großen Trauergesang, Michal stellt
fest:
Weit durch die Zeiten wird diese Klage die Herzen der Menschen anrühren.
(Brautpreis, S. 216)
Wieder ist Michal zurück in ihrem Haus in Jerusalem, als ihre Zofe meldet, dass der alte David sie
sehen möchte. Noch einmal umarmen sie sich, noch einmal spielt der Greis auf der Harfe, singen
kann er nicht mehr mit seinem zahnlosen, eingefallenen Mund. Noch einmal küssen sich die beiden
Alten, liegen eng beieinander, „versuchen, das gutzumachen, was sie versäumt hatten.“
(Brautpreis, S. 234) David stirbt und sein Sohn Salomon besteigt den Thron. Er baut den
prunkvollen Palast, in dem die alte Michal leben muss, in ständiger Angst vor der Rachsucht der
letzten Frau Davids, Bathseba.
Die Autorin beschließt das Buch mit der Feststellung der Roman-Grete:
Die Frage, wie David wirklich war, mit der ich dieses Geschichte begann, bleibt ohne Antwort.
Im Dunkel der Geschichte verschwindet seine Gestalt.
Wahrscheinlich ähnelte er weder dem von Michelangelo noch dem von Rembrandt.
Ich finde Michelangelos David immer noch schön… Rembrandts Judenjunge steht mir näher,
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ihn, dem zu leiden vorbestimmt scheint, der Auschwitz nicht überlebt hätte, möchte ich an mein
mit Trauer erfülltes Herz drücken.
Der echte David, mein Ahne, mir fremd, mir nahe.
Er und Michal haben nicht gewußt, welches Schicksal ihrem, unserem Volk bevorstand. Darum
beneide ich sie. Ich, die Spätgeborene, muß mit dem Wissen um Auschwitz mein Leben zu Ende
bringen, es wird mich quälen bis zum letzten Atemzug.
Wie Michals Leben ist auch mein Leben zu Ende. Es wird nicht mehr viel geschehen, außer dem
einen, über das ich, die so gern über alles berichtet hat, nicht mehr berichten kann: der eigene
Tod.“
(Brautpreis, S. 236f)
Grete Weil stirbt fast 93jährig am 14. Mai 1999 in ihrem letzen Wohnort Grünwald bei München.
Verwendete Literatur:
Grete Weil: Tramhalte Beethovenstraat. Frankfurt/M., Fischer-TB 1983
Grete Weil: Meine Schwester Antigone. Frankfurt/M., Fischer-TB 1982
Grete Weil: Generationen. Frankfurt/M., Fischer-TB 1985
Grete Weil: Der Brautpreis. Zürich, Nagel Kimche1988

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

 

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

(27. Januar: deutscher Gedenktag, Gedenktag der Vereinten Nationen (UN)

Erinnerung an eine jüdische Autorin

Zum Gedenktag erinnert das Zentrum für Friedenskultur Siegen an die jüdische Autorin Grete Weil (1906 – 1999).

Unter der Überschrift „Meine Krankheit heißt Auschwitz“ werden Leben und Werk der Schriftstellerin Grete Weil in dem Buch „Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur“ vorgestellt. Herausgeber des 2013 im LIT-Verlag Münster erschienenen Buches sind Bernhard Nolz und Wolfgang Popp. Es ist Band 5 der Reihe „Friedenskultur in Europa“. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.

Bernhard Nolz: „Die 18 im Buch vorgestellten jüdischen Autorinnen und Autoren sind Zeitzeugen des Holocaust. Ihre literarische Zeugenschaft besteht ewig.“

Meine Krankheit heißt Auschwitz, mit der ich leben muss und sterben werde“, sagt Grete Weil immer wieder.

Wie kein anderes Werk der Nachkriegsliteratur thematisieren die Romane Grete Weils das Nachleben des Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Gesellschaft als Kondition eines schwierigen Weiterlebens jüdischer Überlebender nach 1945 in West-Deutschland. In einem assimilierten wohlhabenden bürgerlichen Elternhaus in München aufgewachsen, verbringt sie die NS-Zeit in Holland, zuletzt im Untergrund.

In ihrem bedeutendsten Roman „Der Brautpreis“ arbeitet sie in der Konfrontation mit der biblischen Frau Michal des israelischen König Davids ihre eigenen jüdischen Wurzeln auf.

Der 2017 verstorbene Prof. Wolfgang Popp hatte im März 2013 einen Vortrag über Grete Weil gehalten. Seine Ausführungen begann er mit folgenden Sätzen: „Wir haben die Veranstaltungsreihe „Jüdische Autorinnen und Autoren“ bewusst für das 1. Halbjahr des Jahres 2013 konzipiert. Mit der Machtübergabe an Hitler vor 80 Jahren am 30. Januar 1933 begann der Leidensweg der deutschen und europäischen Juden. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit dem Thema, wie jüdische Autorinnen und Autoren ihre Erfahrungen in der Nazi-Diktatur und im neuen Deutschland nach 1945 verarbeitet haben. Grete Weil hat darüber faszinierende Texte geschrieben. Deshalb freue ich mich darauf, sie am 3. März vorzustellen.“

Den Buchtext von Wolfgang Popp über Grete Weil findet man auf der Internetseite: www.friedenspaedagogen.de

 

Den Opfern Namen geben! Non-Stopp-Lesung von Namen von Opfern der beiden Weltkriege am 16.12.

 

Den Opfern Namen geben!

Zum diesjährigen Siegener Friedensgedenktag, dem 16.12., lädt das Zentrum für Friedenskultur (ZFK) zu einer außergewöhnlichen Gedenkveranstaltung ins Dunkelcafé in der Siegener Oberstadt ein. „Den Opfern Namen geben!“, unter diesem Motto werden in einem verdunkelten Gedenkraum die Namen und Daten der Toten und Vermissten der beiden Weltkriege aus dem Siegerland vorgelesen. Die Non-Stopp-Lesung, die auf einer Idee des Siegener Literaten Crauss beruht, kann in der Zeit von 14.00 – 18.00 Uhr fortlaufend betreten und verlassen werden. Der Eintritt ist frei.

Im beleuchteten Vorraum können die Besucher*innen ihre Gedanken in einem Gedenkbuch niederlegen und eine Auswahl von Büchern zur Thematik aus der „Bücherkiste“ begutachten und erwerben.

Die Gedenkveranstaltung im Dunkelcafé wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Kreisverband Siegen-Wittgenstein und vom Siegener Bündnis für Demokratie unterstützt.

Jan Meyer-Krügel, Leiter des Dunkelcafés: „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, das Dunkelcafé für die Gedenkveranstaltung zu öffnen. Die Veranstaltung bietet die Möglichkeit, sich in die Lebenswelt von Blinden hinein zu versetzen und das Dunkelcafé als außerschulischen Lernort kennen zu lernen. Es gilt auch zu bedenken, dass zu den Opfern viele im Krieg Erblindete gehören. Der Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BDK) hat unsere Arbeit für die Inklusion von Behinderten hoch gelobt. Ein BDK-Landesvorstandsmitglied NRW hat dieser Tage eine namhafte Privatspende an den Trägerverein des Dunkelcafés übergeben.“

Mit der Einrichtung eines Gedenkraumes zum 16.12. setzt das Zentrum für Friedenskultur (ZFK) seine Jahre-lange Arbeit für den Frieden und gegen den Krieg fort. „Die Erinnerung an die Opfer der Kriege ist zugleich eine Mahnung an die Politiker*innen, die aktuellen deutschen Kriegseinsätze zu beenden und alle Kraft für die friedliche Lösung von Konflikten aufzuwenden“, erklärte ZFK-Geschäftsführer und Friedenspreisträger Bernhard Nolz.

www.dunkelcafe-siegen.de

 

Entwicklung für Frieden und Gerechtigkeit

 

Bericht von der 11. Siegener Afrika-Tagung

In Siegen war der Aktionstag der Friedensbewegung am 18.11.2017 von der ganztägigen Afrika-Tagung geprägt. Zu Beginn wurde an den im Mai dieses Jahres verstorbenen Begründer der Afrika-Tagungen, Prof. Dr. Wolfgang Popp, erinnert.

„Mein Partner Wolfgang Popp wollte mit den Afrika-Tagungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Politik auf den afrikanischen Kontinent und die großen Potentiale seiner Menschen richten. Das ist uns in diesem Jahr mit dem Thema „Entwicklung“, an dessen Planung Wolfgang Popp noch beteiligt war, in besonderem Maße gelungen, wenn man den hohen Zuspruch sieht, den die Tagung gefunden hat. Unter den Teilnehmenden waren viele, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind“, sagt Bernhard Nolz vom Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK).

Die aus Afrika stammenden Referenten Samuel Konan und Dr. Boniface Mabanza, der dritte Eingeladene hatte leider kurzfristig abgesagt, waren sich einig darüber, dass die bisherige Form der staatlichen Entwicklungshilfe nicht fortgeführt werden kann, weil sie bei den Menschen in Afrika nicht ankommt. Notwendig werden afrikanische Entwicklungsbündnisse, Verhandlungen auf Augenhöhe mit allen Beteiligten sowie faire Verträge und Rückzahlungs-freie Investitionen der Industrieländer in demokratisch verwaltete Entwicklungsfonds.

Die Förderung von Frieden und Gerechtigkeit in Afrika kann nur gelingen, wenn die USA und die EU-Staaten auf wirtschaftliche und militärische Gewalteinsätze in Afrika verzichten und nicht länger den Großkonzernen das Feld zur Durchsetzung ihrer ausbeuterischen Interessen überlassen.

Die bisherige Hilfe zur Selbsthilfe ist gescheitert, weil keine strukturellen Verbesserungen erreicht werden konnten. Es darf aber auch nicht dazu kommen, dass die deutschen Regierungsprojekte wie der „Marshall-Plan für Afrika“ und „Compact mit Afrika“ verwirklicht werden, weil sie nicht so angelegt sind, dass sie die sozio-kulturellen Verhältnisse der Menschen in Afrika verbessern würden.

Zentrum für Friedenskultur (ZFK), Kölner Str. 11, 57072 Siegen, 0271-23568535

info@zfk-siegen.net www.friedenspaedagogen.de

 

Nachtrag zum 9. November: Literarische Zeitzeugen

Literarische Zeitzeugen des Holocaust

Am 9. November jeden Jahres erinnern wir uns der so genannten Reichskristallnacht, der Pogromnacht, in der die deutschen Faschisten mit der Vernichtung der europäischen Juden begannen.

Das Zentrum für Friedenskultur (ZFK) nimmt den 9. November dieses Jahres zum Anlass, auf ein Buch hinzuweisen, dass der vor einem halben Jahr verstorbene Wolfgang Popp zusammen mit Bernhard Nolz heraus gegeben hat: Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur (LIT Verlag Berlin 2013).

Im Buch werden 18 deutschsprachige jüdische Autorinnen und Autoren und ihre literarischen Werke mit ausführlichen Textbeispielen und biographischen Angaben vorgestellt. In unterschiedlicher Weise erzählen sie vom Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung.

Im Vorwort schreiben die Herausgeber: „Das Buch geht davon aus, dass Literatur nach wie vor ein wirksames Medium ist, Geschichte erfahrbar zu machen, historische Vorgänge verstehbar aufzuarbeiten, selbstständiges historisches Bewusstsein der Lesenden zu fördern. […] Die Autorinnen und Autoren entwickeln unterschiedliche Perspektiven auf einen zentralen Erfahrungshorizont: Die Erfahrung, als Juden den Holocaust, die Shoa, den NS-faschistischen Massenmord überlebt zu haben. Die Unterschiedlichkeit der Perspektiven ergibt sich daraus, in welchen Situationen ihnen dies Überleben gelungen ist.“

Das Buch eignet sich besonders für den Einsatz in der Schule, da es gut verständlich geschrieben ist und 18 literarische Zeitzeugen zu Wort kommen.

Mitherausgeber Bernhard Nolz, Friedens- und Zivilcourage-Preisträger, kommt auf Einladung gerne in die Schulen, um von der Entstehungsgeschichte des Buches zu berichten und einzelne Autor*innen vorzustellen. 0171-8993637, nolzpopp@web.de

 

Afrikanische Fachleute für Entwicklungszusammenarbeit in Siegen zu Gast

 

Afrikanische Fachleute für Entwicklungszusammenarbeit in Siegen zu Gast

Am Samstag, 18. November findet die Afrika-Tagung 2017 im Siegener KrönchenCenter statt (10.00 – 18.45 Uhr). Dazu hat die Veranstalter-Gemeinschaft drei afrikanische Experten als Referenten eingeladen. Sie werden ihre Sichtweisen erläutern, wie die bisherige Entwicklungshilfe gewirkt hat und was in Zukunft für eine friedliche Entwicklung in Afrika notwendig wird.

„Das kann ein spannender Tag werden, der durch Diskussionsrunden und Filme aufgelockert wird“, meint Bernhard Nolz vom Zentrum für Friedenskultur (ZFK), das zu den Veranstaltern der Afrika-Tagung gehört.

Wer authentisch etwas über Entwicklung in Afrika hören oder von eigenen Erfahrungen berichten möchte, ist herzlich zur Tagung eingeladen. Anmeldungen nimmt Bernhard Nolz telefonisch unter 0171-8993637 bis Freitag Abend entgegen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

 

Antikriegstag 2017

 

1. September – Antikriegstag

Für den Siegener Bernhard Nolz ist der 1. September, der Antikriegstag, ein ganz besonderer Tag. Seit 15 Jahren reist er am 1.9. nach Aachen, um an der dortigen Verleihung des Aachener Friedenspreises als Ehrengast teilzunehmen. Er selbst erhielt den Aachener Friedenspreis im Jahr 2002 für sein mutiges Eintreten für den Frieden und gegen den beginnenden Afghanistankrieg in der Folge der Anschläge vom 11. September 2001 in New York.

Kurioserweise bekam ich den Preis erst am 3. September überreicht“, erklärt Bernhard Nolz schmunzelnd, „weil der 1. September 2002 auf einen Sonntag gefallen war.“

Bernhard Nolz ist vor mehr als dreißig Jahren über eine Veranstaltung zum Antikriegstag zur gewerkschaftlichen Friedensbewegung gekommen. Der Antikriegstag beruht auf einer Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 1966. In der DDR wurde der 1. September seit den 1950-er Jahren als „Tag des Friedens“ bzw. als „Weltfriedenstag“ gefeiert.

Bernhard Nolz: „In den 1980-er Jahren lebte ich in Kiel und habe mich in der Friedensbewegung engagiert und als Lehrer in der Friedenserziehung in der Schule und in der Lehrerfortbildung betätigt. Bevor ich 1994 nach Siegen gezogen bin, war ich vier Jahre lang am SCHIFF, dem Friedensforschungsinstitut der Kieler Universität, als Friedenspädagoge beschäftigt.“

Im September gibt es noch einen weiteren Tag des Friedens. Die Vereinten Nationen (UN) haben 1981 den 21. September zum Weltfriedenstag erklärt. Und der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) ruft seit 2004 für den 21.09. zum „Tag des Gebets für den Frieden“ auf. Wegen des Todes seines 1. Vorsitzenden kann das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) eine geplante Veranstaltung zum Weltfriedenstag 2017 nicht mehr verwirklichen.

Bernhard Nolz: 0171-8993637, 0271-23568535

nolzpopp@web.de

www.friedenspaedagogen.de

 

Rückkehr zur Vernunft

 

Rückkehr zur Vernunft

Mahnwache für eine atomwaffenfreie Welt wird fortgesetzt

Das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) setzt die Mahnwache für eine atomwaffenfreie Welt noch eine Woche fort.

„Die aktuellen politischen Ereignisse haben uns dazu veranlasst“, erklärt ZFK-Geschäftsführer und Friedenspreisträger Bernhard Nolz in einer Pressemitteilung des ZFK. „Die gegenseitigen Bedrohungen von USA und Nordkorea mit einem Atomschlag sind Anlass zu großer Sorge. Wir fordern von den Politikern eine Rückkehr zur Vernunft.“

Im Eingangsbereich des ZFK in der Kölner Str. 11, Siegen-Oberstadt können Kerzen für den Frieden aufgestellt werden und die Passanten haben Gelegenheit, den Aufruf zum Abzug der US-Atomwaffen in Büchel/Eifel zu unterzeichnen.

 

Für eine Welt ohne Atomwaffen

 

Für eine Welt ohne Atomwaffen

An die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6./9. August 1945 erinnert das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK).

„Zum Gedenken an die Opfer werden wir vom 6. bis 9. August Kerzen am ZFK aufstellen“, erklärte Bernhard Nolz, Aachener Friedenspreisträger und ZFK-Geschäftsführer.

Er erinnert daran, dass die Friedensbewegung seit langem von der Bundesregierung fordert, den Vertrag mit den USA über die Lagerung von Atombomben in Büchel/Eifel aufzukündigen.

Nur so kann verhindert werden, dass im Kriegsfall deutsche Kampfflugzeuge diese Atombomben über Europa abwerfen.

„Mit der Mahnwache soll auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Bundesregierung sich weigert, dem Vertrag zum Verbot von Atomwaffen vom Juli dieses Jahres beizutreten.

Dieses Spiel mit dem atomaren Feuer ist unverantwortlich.

Von einer Friedenspolitik ist bei der Bundesregierung und den sie tragenden Parteien nichts zu erkennen.

Der „ Hiroshima-Gedenktag“ ist der richtige Anlass, von den Politiker*innen in aller Welt zu verlangen, dass sie den Frieden mit friedlichen Mittel durchsetzen“, sagt Bernhard Nolz, der auch Bundessprecher der Pädagog*innen für den Frieden ist.

nolzpopp@web.de, 0171-8993637, 0271-23568535

 

Literaturcafé – Arbeitswelt-Autor Erasmus Schöfer und Erinnerung an Wolfgang Popp

 

Literaturcafé – Arbeitswelt-Autor Erasmus Schöfer

Die Kinder des Sisyfos“, die umfangreiche Ro­man-Tetralogie des Autors Erasmus Schöfer (*1931) stellt Ma­rianne Walz, Vorsitzende des „Freundeskreises Erasmus Schöfer“, am Sonntag, 28. Mai 2017 um 15.00 Uhr im Literaturcafé im Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) vor.

Zugleich wird an den Gründer und Organisator des Literaturcafés am Sonntag Nachmittag, Prof. Dr. Wolfgang Popp, erinnert, der Anfang Mai 2017 kurz vor Vollendung des 82. Lebensjahres an einer Krebserkrankung verstorben ist. „Die Kinder des Sisyfos“ hat Wolfgang Popp regelrecht verschlungen, verband ihn doch mit dem Autor Erasmus Schöfer der Kampf gegen die Notstandsgesetze, das Engagement in der Friedensbewegung und die politischen Aktivitäten in der Gewerkschaftsbewegung.

Schöfer,einer der Mitbegründer des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“, beschreibt in vier umfangreichen Romanen die sozialen Bewegungen in der BRD vom vergeblichen Widerstand gegen die Not­standsgesetze wie dem erfolgreichen Kampf gegen das Atomkraftwerk in Whyl im Jahr 1968 bis zum Wi­derstand gegen die Startbahn West und dem Ende des „Realsozialismus“ in der DDR Ende 1989.

Seine exemplarischen Hauptfiguren – der Historiker Bliss, den ein Berufsverbot aus der Bahn wirft, und seine Frau Lena, die von der Kostümschneiderin zur Theaterregisseurin aufsteigt, der Gewerkschaf­ter und Betriebsratsvorsitzende Anklam und der Journalist einer linken Zeitung, Kolenda – bewegen sich mit ihren privaten, beruflichen wie erotischen, und politischen, stets engagierten Wünschen und Vorstellungen in diesem Auf und Ab von Gesell­schaftsveränderungen glaubwürdig zwischen Ent­täuschungen und Zukunftshoffnung.

Einen wesentlichen Grund für die Vernachlässigung dieses Autors in der öffentlichen Aufmerksamkeit sieht Marianne Walz u.a. darin, dass im „gegenwär­tige Wirtschaftssystem die Priorität eher beim mer­kantilen Gewinn“ liege als bei den Menschen. Die in der DDR sozialisierte Referentin vermittelt sicher einen besonderen Blick auf das Werk des westdeutschen Autors, der west­deutsche Zustände beschreibt.

Bernhard Nolz, 0171-8993637, nolzpopp@web.de, www.friedenspaedagogen.de