Archiv: November 2018

Der Beutebacher Konvent

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Der Beutebacher Konvent

von Bernhard Nolz

Immer wieder wird in der Friedensbewegung der Eindruck erweckt, als hätten alle im Bildungsbereich Tätigen den Beutelsbacher Konsens zu beachten. Wohin das führen würde, zeigt die folgende Geschichte. Vorsicht Satire!

Erst wollten wir das trollige Geschehen gar nicht glauben, das Veronika Niere da kürzlich passiert ist. Aber dann sehen wir sie vor uns sitzen und sie erzählt uns die ganze Geschichte.

Als sie schnellen Schrittes das Nestlé Gymnasium in H. betreten wollte, um einen Vortrag über konstruktive Konfliktbearbeitung im schulischen Kontext (KoKoKokosnuss) zu halten, stellte sich Schulleiter E. ihr in den Weg.

Tut mir leid“, Frau Niere, „wir sind eine Schule, an der die Regeln des Beutebacher Konvents gelten“, sagte er und deutete mit dem rechten Zeigefinger auf die beiden großen Umhängetaschen, die Veronika Niere immer mit sich schleppte.

Sie wissen doch, das Beide-Seiten-Darstell-Gebot, verehrte Frau Kollegin, ein Beutebacher Konvents Muss.“

Aber ich habe doch schon zwei Taschen dabei, auf jeder Seite eine!“

Das reicht nicht, das reicht nicht!“ Fast überschlug sich seine Stimme. „Die Aufschrift ist doch total einseitig, einseitiger geht’s nicht!“

Was steht denn da überhaupt drauf, fragte sich Veronika und stellte die schweren Taschen ab.

Stattwerk für gewaltfreies Handeln.“

Es muss heißen“, Schulleiter E. hatte sich wieder beruhigt, „es muss heißen: „Stattwerk für gewaltfreies Handeln und für Gewalttätigkeit.“

Oder“, inzwischen war die Lehrerin L., die Veronika Niere in die Schule eingeladen hatte, hinzu getreten, „oder Stattwerk für gewaltfreies Handeln und für gewaltfreies Nichtstun“.“

Richtig, Frau Kollegin“, sagte der Schulleiter, „immer müssen beide Seiten berücksichtigt werden. So will es der Beutebacher Konvent.

Was machen wir denn nun?“

Sie tauschen die beiden Taschen einmal aus oder drehen sie einfach um. – Aber da ist noch etwas: das Überrumpelungsverbot. Sie wissen schon, Beutebach-Grundsatz 2. Unser Schrittdetektor hat mir gemeldet, dass sie sich eines viel zu schnellen Schrittes dem Gebäude genähert haben. Das Sicherheitspersonal fühlte sich überrumpelt. Die 1. Terrorstufe wurde ausgerufen. Und auch die Schüler*innen hätten Angst bekommen, wenn sie mit solcher Geschwindigkeit ins Klassenzimmer gestürmt wären. Hier soll niemand überrumpelt werden. Hier geht es gemächlich zu, aber mit einem hohen Leistungsformat, um beide Seiten des deutschen Bildungserfolgs zu benennen.“

Gerade wollten die drei Gesprächspartner die Schule betreten, als Pfarrer Reinherr Dichterl einen Schritt vortrat. Er hatte im Hintergrund abwartend der Auseinandersetzung gelauscht. Nun bewegte er sich – mit ausgestreckten Händen die Bibel vor sich her tragend – zwischen die Diskutierenden hindurch.

Der Beutebacher Konvent ist geradezu ideal auf die Bibel abgestimmt. Sie ist so alt, dass sie niemanden mehr überrumpeln kann und sie hat ihren Geltungsbereich sogar in mehr als zwei christlichen oder ähnlichen Religionen.“

Halt!“, rief der Schulleiter, „Sie haben das Beutebacher „Allen-gerecht-werden-Prinzip“ vergessen, das wir in der Schule zu praktizieren haben.“

Mein Gott“, sprach Pfarrer Reinherr Dichterl, „Sie machen es uns aber schwer. Wenn jeder den Menschenrechten so viele Steine in den Weg legen würde, wie Sie der Bibel, dann hätten wir die Hölle auf Erden.“

Sollen wir bei unseren Seminaren jetzt auch noch den Terroristen gerecht werden?“, fragte Veronika Niere. „Dafür müsste ich mir erst noch das Plazet des Vereinsvorstands einholen.“

Allen gerecht zu werden, bedeute den Himmel auf Erden zu haben“, entgegnete kühl der Schulleiter.

Aber mein Vortrag ist doch 100% Schüler*innen-orientiert, also Beutebach-gerecht“, warf Frau Niere ein.

Wo kämen wir denn dahin“, fragte der Schulleiter, wissbegierig in die Runde blickend, „wo kämen wir hin, wenn wir Schüler-gerecht arbeiten würden? Ich kann es Ihnen sagen, verehrte Unfrieden-Friedens-Frau, in die Anarchie, in ein Bildungschaos! Und ich frage Sie, wollen Sie das?“

Heute können wir sowieso nichts mehr ausrichten“, sagte die Lehrerin. „Es klingelt in drei Minuten, und morgen ist der tatkräftige Offizier, Oberleutnant Kall, dran. Er wird um 8.00 Uhr in die Schule einmarschieren.“

Ich habe morgen einen auswärtigen Termin“, murmelte der Schulleiter, „aber als Klassenlehrerin werden Sie das mit Beutebach und der Bundeswehr schon hinkriegen. Der Mann ist noch jung.“

Dann könnten wir beide doch morgen wieder kommen und mit dem Oberleutnant zusammen in der Klasse auftreten“, sagte Veronika. Reinherr nickte zustimmend.

Das geht nach Beutebach schon gar nicht“, sagte der Schulleiter. „Der Beutebacher Konvent verlangt eindeutig, dass jede Referentin und jeder Referent im Vortrag beide Seiten ausgewogen zu berücksichtigen habe. D.h. wir können den Schüler*innen nicht zumuten, zweimal beide Seiten, also zweimal das Gleiche, anhören zu müssen. Gleichzeitig kann ich Sie und den feschen Oberleutnant nicht vom Beutebacher Konvent entbinden. Das würde mich meine Karriere kosten und meine liebe Kollegin mit ins Unglück reißen.“

Genau“, sagte die Lehrerin. Ich habe gerade vor ein paar Tagen von einem solchen tragischen Fall Kenntnis erhalten. Ein Bundeswehr-Offizier wurde disziplinarisch belangt, weil in seinem Vortrag nicht fünfmal – das ist das militärische Minimum – das Wort Frieden oder Friedensbewegung vorgekommen war. Ein Schüler hatte heimlich Protokoll geführt und den Militärischen Abschirmdienst alarmiert.“

So ist es“, sagte der Schulleiter. „Wie die Bundeszentrale für politische Bildung achtet auch die Bundeswehr auf strikte Neutralität in Sachen Bundeswehr in der Schule. Wie sollte man sonst um Tucholskys „Soldatenmörder“ und die Kriegstoten herum kommen?“

Dann wandte er sich an Veronika Niere und Reinherr Dichterl: „Kommen Sie lieber morgen Abend zum „Trollinger Nestlé Konvent“. Dort steht ein Viertele für Sie bereit, eh wir uns wegen Beutebach gegenseitig die Köpfe abreißen. In vino veritas“, sagte er.

Wir wissen nicht, wie der Abend im „Trollinger Nestlé Konvent“ ausgegangen ist. Wir müssen erst noch Pfarrer Reinherr Dichterl fragen, wie Weinseligkeit und Friedensfähigkeit zusammen passen, und bei Veronika Niere Erkundigungen einziehen, ob der Auftrag, reinen Wein einzuschenken, das Beutebacher Wahrheitsgebot verwässert.

Was wir wissen, ist, dass die Beutelsbacher Konkurrenz nicht untätig geblieben ist.

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