Bernhard Nolz
Rede zum 75. Jahrestag der Zerstörung Siegens am 16.12.1944
Liebes Publikum,
ich komme vom Zentrum für Friedenskultur. Aus Anlass des heutigen Tages möchte ich ein paar Worte verlieren über den Zustand der Friedenskultur in unserer Stadt und in unserem Land.
Seit Jahrzehnten erhebt die Siegerländer Friedensbewegung ihre Stimme gegen den Krieg. Der Ruf nach Frieden ist von den im Bundestag vertretenen Parteien – mit Ausnahme der LINKEN – nicht erhört worden. CDU/CSU, SPD, GRÜNE, FDP, AfD beschließen fortlaufend Kriegseinsätze der Bundeswehr, die gegen das Völkerrecht und gegen das Grundgesetz verstoßen. Was ist das für eine Volksvertretung, die sich für den Krieg begeistern kann?
Und was ist eigentlich in Siegen los? Hier erhielt die Friedensbewegung von der Stadtverwaltung und von den im Rat vertretenen Parteien – wieder mit Ausnahme der Partei Die Linke – zum diesjährigen Stadtfest die rote Karte: Unsere Spruchbänder und unsere Flyer mussten wir am 1. September in der Tasche lassen. Einen Info-Stand durften wir auch nicht aufbauen. Das fröhliche Stadtfest sollte nicht durch die Erinnerung an den Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 gestört werden. Vor 80 Jahren brachen die faschistischen Führer mit Unterstützung deutscher Banken und Rüstungsindustrieller den Krieg vom Zaume, der dann Siegen und vielen anderen Städten die alliierten Bombergeschwader bescherte. Jedes Jahr am 1.9. und am 16.12. soll sich eine Kultur der Erinnerung entfalten! Das ist unser Ziel.
Doch schon steht die nächste Störung der Friedenskultur in Siegen vor der Tür. Am Mittwoch stellt die Ratsversammlung das Recht auf freie Meinungsäußerung in Frage. Der Rat der Stadt will alle Menschen, die die Kriegsverbrechen des Staates Israel beim Namen nennen oder die gewaltsame Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch Israels Politik kritisieren, zu Antisemiten abstempeln. Ein solcher Beschluss spricht allen Beteuerungen der Stadt von Weltoffenheit und Toleranz Hohn. Die Friedensbewegung lässt sich nicht einschüchtern. Sie wird unbeirrt ihre Stimme gegen Krieg und Unrecht erheben und an der Seite der Unterdrückten stehen.
Nicht geschwiegen zu Krieg und Gewalt hat der Dichter Peter Handke. Der Literatur-Nobelpreisträger 2019 hat sich mit seinen Werken und mit seiner Person in die Diskussion über Krieg und Frieden eingemischt. Dafür ist er immer wieder von der Politik und von den Medien angegriffen worden. Vor allem haben die Mächtigen Peter Handke nie verziehen, dass er die Wahrheit über den Jugoslawienkrieg zutage gefördert hat. Der Dichter hat daran erinnert, dass deutsche und andere NATO-Truppen Serbien 1999 mit militärischer Gewalt überfallen haben. Das Land wurde zerstört und die Bevölkerung mit Uranmunition verseucht. Der NATO-Krieg gegen Serbien war illegal, d.h. er ist ein Kriegsverbrechen.
Nie im Leben hat die Friedensbewegung daran geglaubt, dass jemals wieder deutsche Soldaten andere Völker überfallen würden und die Bundeswehr serbische und syrische Städte in Schutt und Asche legen würde.
Wir bewundern Peter Handkes Wahrheitsliebe und sein Eintreten für den Frieden. Er gehört zu den Dichterinnen und Dichtern, die wir im Literaturcafé des Zentrums für Friedenskultur vorgestellt haben. Lesungen gegen das Vergessen! Das gilt insbesondere für die vielen jüdischen Autorinnen und Autoren, denen Wolfgang Popp und ich ein ganzes Buch gewidmet haben. Es trägt den Titel: „Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung“.
Peter Handke hat schon mit seinem ersten Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“ das Volk dazu aufgestachelt, sich dem Unrecht und der Gewalt von oben zu widersetzen. Bei der Uraufführung 1966 gab es begeisterte Zustimmung und lauthals Protest. Und manch einer spürte den Beginn bewegter Zeiten, die den Ruf nach mehr Demokratie und nach Entspannung und Frieden hervor bringen würden. Die 68-er hatten etwas verfrüht mit Handkes Provokation begonnen!
Sein 1970 erschienenes Buch „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ist kein Fußballroman, sondern die Geschichte von der Entfremdung eines Mannes im kapitalistischen Politik- und Wirtschaftssystem. Heute beherrschen drei Frauen, genauer drei Kriegerinnen, die politische Szene in Deutschland und Europa. Sie heißen Angela, Ursula und Annegret. Sie wollen mehr Verantwortung in der Welt übernehmen. Aber wie soll das mit Frauen und Männern gehen, die begeistert sind vom Krieg und von tödlichen Sanktionen. Die das Recht des Stärkeren durchsetzen und mit Atomwaffen drohen. Die die Militärausgaben in schwindelerregende Höhen treiben und mit Rüstungsexporten den Tod verbreiten. Die ihre eigenen Bevölkerungen ausplündern und anderen Völkern die Vernichtung verkünden?
Die Menschenrechte und das Völkerrecht, die zum Frieden verpflichten, kennen diese Krieger*innen nur in Sonntagsreden. Aber selbst dann wird die Jugend mit Abenteuerversprechungen in die Wehrmacht gelockt. Dem setzen wir unsere Forderung entgegen: „Keinen Euro mehr – für die Bundeswehr. Alles Geld – für die Kinder der Welt!“
Woher nehmen wir eigentlich die Kraft, unermüdlich für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen? – Die Antwort ist einfach: Wir wissen, dass das Volk unsere Friedenswünsche teilt, und – wir haben eine Vision für die Zukunft: Wir wollen eine friedliche Welt gewaltfrei durchsetzen. Deshalb sagen wir: NEIN zum Krieg!
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