Archiv: Februar 2021

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

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Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Spaltung und fehlende Integration in der Gesellschaft (1993)

Diagnose. Die Industriegesellschaften befinden sich in einer Sozialform, die durch hochgradige Auflösung verbindlicher Normen und Werte (Anomie) und der Sozialgefüge (Atomie) gekennzeichnet ist. Eine Gesellschaft wird zu einer Ansammlung isolierter Individuen, die von der egozentrischen Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes gesteuert werden. Der Computer ist eine Ikone, die auf einen Altar gehoben und vor der ein Gottesdienst abgehalten wird. Die menschliche Suche nach Sinn (durch verbindliche Normen und Werte) und nach Gemeinsamkeit (durch verbindliche soziale Beziehungen) wird starke und manchmal unerwartete Ausdrucksformen finden: Korruption, kriminelle Vereinigungen, Gewaltanwendungen, Sektenbildung, Nationalismus.

Prognose. Es werden sich Gruppen formen, wenn der Staat durch Anomie und Atomie, durch Gewalt und Korruption und weil er sich dem Markt unterwirft, zu einem „abwesenden“ Staat oder zum Polizeistaat wird. Die „Sekten“ werden vorwiegend als Geheimgruppen, auf Gewalt und Gehorsam beruhend, agieren.

Therapie. Die Menschenrechtstradition wird die Freiheit von Denken und Ausdruck der Sektierer und das Versammlungsrecht schützen, u.a. deshalb, weil ihre Kritik an der Gesellschaft zum größten Teil berechtigt ist.

Aber wir brauchen einen Sozialkontrakt, der durch die „Freiheit des Nicht-Ausdrucks“ und der „Nicht-Versammlung“, der Freiheit, nicht dazu zu gehören, ergänzt wird. Die Therapie darf nicht die Zwangsmaßnahmen des Staates verstärken.

Die Suche nach neuen Werten verspricht Erfolg. Neue Bewegungen sehen anfänglich sektiererisch aus, enthalten aber meistens wertvolle Wahrheiten. Wenn man gegen die Abwesenheit eines Sozialgefüges vorgehen will, dann braucht man Werte wie Solidarität und Gegenseitigkeit. Die gibt es in den Bewegungen in Hülle und Fülle, aber nicht in den Großformationen Gesellschaft und Markt. Der Staat sollte von den Bewegungen lernen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

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Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 2

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so: „Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Konflikt zwischen den Klassen und Globalisierung (1998)

Diagnose. In einer Welt, in der 358 Milliardäre mehr Vermögen besitzen als die halbe Menschheit, sollte die Metapher „Markt“ in Frage gestellt werden. Die Milliardäre kaufen und verkaufen nicht nur, sondern sie entscheiden auch über die Produkte und die Produktionsweisen, womit sie das Leben von Milliarden Menschen verändern (z.B. durch Stellenabbau bei der Automatisierung).

Globalisierung bedeutet die globale Teilhabe an den positiven und negativen Konsequenzen des Wirtschaftswachstums, wobei die nationalen Märkte immer mehr verschwinden, die Ungleichheit weltweit wächst und über all das hinaus die Zahl der Menschen, die als ökologische, wirtschaftspolitische, militärische und kulturelle Flüchtlinge ihre Heimat verlassen, ebenfalls wächst.

Mit der Mobilität (Verlagerung) ganzer Firmen auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und niedrigeren oder negativen Steuern (Anreizen), werden in vielen Ländern die Einnahmen des Staates zurückgehen.

Durch die Privatisierung wird der Prozess beschleunigt, indem dem Staat auch die Einkommen schaffenden Firmen genommen werden.

Der IWF verhält sich wie ein Arzt, der nur über eine einzige Medizin verfügt: Die Autonomie der Firmen vergrößern auf Kosten des Staates (Privatisierung, niedrige Steuern, Geldentwertung), auf Kosten der Arbeiter (Arbeitsflexibilität, Kontraktarbeit), auf Kosten des Landes (der Profit wird aus dem Land geschafft), und auf Kosten der Öffentlichkeit (keine Subventionen der Grundbedürfnisse, keine Steuern auf Luxusgüter).

Das Endresultat ist: Die Menschen am Boden der Gesellschaft werden geopfert.

Prognose. Das Ergebnis von alledem ist, dass die Krisen sich selbst erhalten; das System bewegt sich von einer Krise zur nächsten. Die Krise tritt dort auf, wo das System am schwächsten ist, und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Therapie der Symptome. Ein großer Krach, Rezession und Depression sind höchst wahrscheinlich.

Therapie. Massive Konflikte verlangen massive Heilmittel:

  • Die Wiedererfindung örtlicher Behörden: Eine Hauptaufgabe einer örtlichen Behörde sollte es sein, die Produktion zur Deckung der Grundbedürfnisse auf örtlicher Basis (oder in Konföderation von Gemeinden) zu koordinieren, um zu garantieren, dass sie gedeckt werden und dass das, was bis dahin von außen kam, nun im Innern hergestellt wird.
  • Die Wiedererfindung des Staates: Eine der Hauptaufgaben des Staates ist es, die Produktion normaler bzw. von Luxusgütern auf Staatsbasis (oder in einer Konföderation von Staaten) zu koordinieren und als Verteilungsagent zu wirken.
  • Die Wiedererfindung von Unternehmen: Die Unternehmen müssen soziale Verantwortung übernehmen und je nach deren Erfüllung oder Nichterfüllung belohnt oder bestraft werden.
  • Die Wiedererfindung einer Zivilgesellschaft: Das Gewissen der Verbraucher muss dazu führen, dass sie weiße und schwarze Listen von Herstellern führen und, diesen Listen entsprechend, Waren bevorzugen oder boykottieren.
  • Die Wiedererfindung der Medien: Die Medien sollen von den Geschäftsinteressen, Staatsinteressen und von der Zensur befreit werden.
  • Die Wiedererfindung globaler Kontrolle: Das würde eine massive Besteuerung von Spekulationsgewinnen bedeuten und die Garantie für die Erfüllung der Grundbedürfnisse der gesamten Menschheit als globales Menschenrecht für Weltbürger umfassen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 1

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Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 1

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Konflikt zwischen den Generation und Nachhaltigkeit (1999)

Diagnose. Der Konflikt zwischen den Generationen ist diachron, überzeitlich. Jede Generation kann den Lebensunterhalt folgender Generationen durch ihre Forderungen bzw. ihre Gier gefährden. Konkret gesprochen:

  • wirtschaftlich durch Umweltverschmutzung und Erschöpfen der Ressourcen
  • militärisch durch Fortsetzung der Gewalt : Trauma und Ruhm
  • politisch durch nicht transformierte Konflikte und nicht umkehrbares Handeln
  • kulturell durch das Akzeptieren von Kulturen, die die genannten Konsequenzen in Kauf nehmen.

Das Konzept der Nachhaltigkeit führt über den engen wirtschaftlichen und ökologischen Diskurs hinaus zu einem allgemeinen Diskurs über die Übergabe einer Welt, die gut in Form ist.

Prognose. Die Prognose ist ein Ansteigen der Gewalt und Massenmigrationen in unsicheren Gebieten. Es sind die vier apokalyptischen Reiter: Krieg, Pest, Hungersnot und Eroberung (Tod).

Therapie. Das indianische Sprichwort: „Denk über die Folgen deines Handelns für die kommenden sieben Generationen nach“ ist ausgezeichnet. Damit man sicher geht, muss die Einsicht in das Morgen an die Ethik einer diachronen Solidarität gebunden sein, die im Heute gilt.

Eine Trainingsmöglichkeit für den Anfang wären Haushalte [Lebens- und Wirtschafts-gemeinschaften], in denen 3 – 4 Generationen eng beieinander wohnen. Dann hätten die Menschen künftige Generationen so nahe bei sich, dass die Solidarität eine Notwendigkeit des täglichen Lebens würde. Die Solidarität würde sich auch rückwärts auf die Eltern, Großeltern usw. ausweiten, was bei einer einseitigen Konzentration auf künftigen Solidarität leicht vergessen wird. Die ältere Generation in Altersghettos abzuladen ist mit zurückblickender Solidarität nicht zu vereinbaren.

Ein weiterer Ansatz wäre es, das Gleichgewicht der Macht in der (Welt-) Gesellschaft in Richtung von Kategorien zu kippen, von denen man weiß, dass sie klüger sind, da sie holistischer (ganzheitlicher), globaler, mehr an den Grundbedürfnissen orientiert und mit größerer Zeitperspektive ausgestattet sind. Das würde auf die ältere Generation und auf Frauen verweisen.

Über dies alles hinaus denken wir an massive Bildungskampagnen, die formelle und informelle Bildung und Erziehung in Gang setzen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

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