Siegbärt ● Der Berliner Bär aus Siegen
Bewegende Worte in den Mund gelegt von Bernhard Nolz
Nr. 2 ● Dezember 2018
Liebe Freundinnen und Freunde!
Eigentlich wollte ich euch bereits am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, ansprechen, bin ich doch das bekannteste Symbol für den Einheits- und Friedenswillen des deutschen Volkes, das nach der Ursprungsfassung des Grundgesetzes aufgefordert war, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“
Mit der Freiheit für mich war es in Siegen am 3. Oktober 2018 nicht weit her. Mitarbeiter der Stadt hatten mich schon lange vorher mit Metallgitterzäunen umstellt, so dass ich mich in einem Käfig befand, hinter Gittern wie ein Flüchtling.
Ich, das Symbol für Einheit und Freiheit, am Tag der Einheit hinter Gittern! Eine unwürdige Situation, in die mich die Stadt Siegen gebracht hatte. Ich ahnte nicht, dass ich mich – nachdem die Zäune irgendwann im Oktober entfernt worden waren – wenige Wochen später eingeklemmt zwischen Mauern und Weihnachtsmarktbuden wiederfinden würde. Ohne Kontakt zu den vorbei gehenden Oberstadtbesucher*innen, die mir sonst manch aufmunternden Blick zuwarfen, mich zu einem Erinnerungsfoto umarmten oder mich einfach nur zärtlich streichelten und mir etwas zuflüsterten. Nun aber friste ich mein einsames Leben hinter den Fassaden des Kommerz.
Und wieder naht der 16.12., Siegens Friedensgedenktag mit seiner Mahnung vor Krieg, Hass und Gewalt, den die Offiziellen der Stadt in diesem Jahr offenbar ohne mich begehen wollen.
Heute nun kam die Rettung in Form einer Delegation aus dem Zentrum für Friedenskultur (ZFK) und dem Dunkelcafé, dem Siegener Lernort für Inklusion.
„Wir wollen dich in unsere Friedensarbeit zum 16.12. einbeziehen“, sagten sie zu mir. „Inklusion gilt für alle!“ Und sie fragten, wer wohl sonst außer mir über eine solch reiche Lebenserfahrung verfüge und die verborgenen Wünsche der Menschen kenne.
Gemeinsam erarbeiteten wir den Aufruf „Gegen Rassismus und Krieg – für Frieden und Toleranz“, den ich Euch hier vorstelle:
Aufruf zum Tag des Gedenkens an die Zerstörung Siegens am 16. Dezember 1944
Bürgerinnen und Bürger! Das Gedenken an die Zerstörung Siegens im 2. Weltkrieg hat eine lange Tradition. Der Beginn der offiziellen Gedenkfeiern lässt sich auf das Jahr 1950 zurück führen. Demonstrationen und Kundgebungen, Veranstaltungen und Aktionen der Siegerländer Friedensbewegung begannen 1981 und werden bis heute fortgeführt.
Wir erheben unsere Stimme gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit und verurteilen die Abschottungspolitik der EU gegenüber den Flüchtlingen, die aus den Kriegsgebieten in Afrika, im Nahen Osten und in Afghanistan fliehen. Neben dem Klimawandel und dem Landraub sind die von den NATO-Staaten geführten Kriege die Hauptursache für die Fluchtbewegungen. Deshalb fordern wir ein sofortiges Ende der Auslandseinsätze der Bundeswehr und der Rüstungsexporte sowie die Rückkehr der deutschen Politik zum Völkerrecht.
Für uns ist es unerträglich, dass die EU-Staaten Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder sie in die nordafrikanischen Flüchtlingslager und Elendsquartiere zurück transportieren.
Unsere Solidarität gilt den Flüchtlingen sowie den Helfer*innen auf den Rettungsschiffen; deshalb unterstützen wir die „Aktion Seebrücke“.
Darüber hinaus fordern wir die Stadt Siegen auf, Mitglied im Städtebündnis „Stadt der Zuflucht“ zu werden, weil wir darauf bauen, dass Flüchtlinge und Migrant*innen von der Bevölkerung Siegens willkommen geheißen werden. Grundlagen für diese Haltung sind weltanschauliche Toleranz und der Respekt vor der Würde des Anderen. Diese Werte verteidigen wir gegen rechtspopulistische Parolen, gegen Gewalt gegenüber Andersdenkenden und gegen nationalistische Hetze. Gleichzeitig fordern wir, die staatlichen Verstrickungen in die rechtsextremistische Gewalt- und Mordszene umgehend und endgültig zu beenden.
Für den inneren Frieden und ein respektvolles Miteinander ist es entscheidend, dass alle Menschen in sozialer Sicherheit und fürsorglicher Gemeinschaft leben können. Dazu müssen als erstes Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse und Sanktionen gegen Bezieher*innen von sozialer Grundsicherung überwunden werden.
Es trägt nach unserer Ansicht zum sozialen Frieden bei, wenn schrittweise alle Bereiche der Daseinsvorsorge gemeinschaftlich organisiert (z.B. in Sozialgenossenschaften) und größtenteils kostenlos angeboten werden. Dies sollte die Energie- und Wasserversorgung, die Abwasser- und Müllentsorgung, die Telekommunikation, den Nahverkehr, die Wohnungswirtschaft sowie die Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsbereiche umfassen.
Wir halten an der Vision von einer friedlichen und gerechten Welt fest und setzen uns ein für gewaltfreie Konfliktlösungen, für Völkerfreundschaft und für wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen auf Augenhöhe. Wir alle brauchen den Frieden zum Leben! Nieder mit dem Krieg!
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele von Euch – gerade in der Vorweihnachtszeit bzw. zum Jahresende – diesen Aufruf „Gegen Rassismus und Krieg – für Frieden und Toleranz“ unterstützen. Für mich kommt in ihm all das zum Ausdruck, was ich mir für die Zukunft wünsche. Als Berliner Bär weiß ich nur zu gut, dass ohne Frieden alles nichts ist. Lasst uns gemeinsam und gewaltfrei für den Frieden kämpfen.
In diesem Sinne noch eine freudige Nachricht: Von der AG Siegerländer Friedensbewegung wurde mir die Schirmherrschaft für die folgende Veranstaltung am 15. Dezember angetragen, zu der ich Euch ganz herzlich einlade.
Herzlich grüßt Siegbärt.
Am Vortag des Siegener Gedenktages
NIEDER MIT DEM KRIEG!
Texte zum Dreißigjährigen Krieg
(1618 – 1648)
Lesung am Samstag, 15. Dezember 2018
um 15.00 Uhr
Zentrum für Friedenskultur (ZFK)
Kölner Str. 11 • Siegen-Oberstadt
Im Gedenken an die Opfer der Kriege:
NIEDER MIT DEM KRIEG!
Unter der Schirmherrschaft des Berliner Bären Siegbärt und in Erinnerung an Wolfgang Popp.
Es werden Texte vorgelesen aus dem von Wolfgang Popp heraus gegebenen „Lesebuch Dreißigjähriger Krieg. I: Eine Textsammlung aus der Barockliteratur,
II: Literarische Texte von 1791 bis 1998“.
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