Grußwort zum CSD Siegen 2019
von Bernhard Nolz
Liebe Freundinnen und Freunde,
diejenigen von euch, die vor zwei Jahren beim CSD dabei waren, werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich als Redner angekündigt war, aber dann kurzfristig abgesagt hatte.
2017, das war das Todesjahr meines Partners Wolfgang Popp, mit dem ich 25 Jahre zusammen gelebt hatte. Ich hatte in der Nacht einen unruhigen Schlaf gehabt, und als ich dann am Morgen des CSD-Tages aufwachte, wurde mir klar, dass ich nicht reden können würde. Zu groß war die Trauer über den Verlust des geliebten Mannes. Als ich dann ein paar Tage später von Freunden hörte und in der Zeitung lesen konnte, das beim CSD in würdiger und beeindruckender Weise an Wolfgang Popp erinnert worden war, war ich sehr glücklich.
An dieses positive Erlebnis möchte ich heute, zwei Jahre später, anknüpfen und euch von einem Ereignis berichten, das mich total happy gemacht hat und das euch sicher auch erfreuen wird:
Die Universität Siegen hat einen Wolfgang-Popp-Preis gestiftet, den Wolfgang-Popp-Preis für Geschlechterforschung. Mit dem Preis sollen Studentinnen und Studenten der Universität Siegen ausgezeichnet werden, die sich in Master- und Diplomarbeiten oder in anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Geschlechterfragen auseinander setzen. Der Preis wird erstmalig zum Beginn des kommenden Wintersemesters verliehen.
Wolfgang Popp, der als einer der Pioniere der Homosexualitätsforschung gilt, hätte seine Freude daran gehabt, dass junge Studierende mit einem Preis gefördert werden. Genau zu dem Zweck hatte er auch die August-von-Platen-Stiftung gegründet, die in ihrem 30-jährigen Bestehen viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem Stipendium unterstützt hat. Nach dem Tod von Wolfgang bin ich zum Vorsitzenden des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung gewählt worden.
Die August-von-Platen-Stiftung möchte das Preisgeld für den Wolfgang-Popp-Preis aufstocken, von 500 auf 1000 Euro. Dafür brauchen wir Spenden, denn wegen der Niedrigzins- bzw. Nullzinspolitik ist das Stiftungsvermögen schon weitestgehend weg geschmolzen. Da geht es uns wie vielen allen anderen Sparern auch, schleichend werden wir enteignet. Wir haben deshalb die Community, die Politik und die Wirtschaft um Spenden gebeten. Vielleicht kennt ihr auch noch jemanden, der oder die die Geschlechterforschung unterstützen möchte.
Übrigens: August von Platen (1796 – 1835) war der erste deutsche Dichter, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und wunderschöne Liebesgedichte geschrieben hat, z.B. das Folgende:
Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;
Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,
Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg
Mit ew’gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?
Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,
Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;
Was willst du noch? Was blickt die Sehnsucht noch umher?
Wirf Alles, Alles hin: du weißt, ich bleibe dir!
Ich finde das Gedicht wunderschön. In einem literarischen Streit hatte Platen den Dichter Heinrich Heine beleidigt, worauf hin der in herabwürdigender Weise Platens Dichtkunst wegen dessen Homosexualität in Frage stellte. Heine machte einen zwar witzigen, aber diskriminierenden Vorschlag, nämlich jeder Gedichtzeile ein „von hinten und von vorn“ hinzu zu fügen. Ich zeige es mal an zwei Versen:
Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang, von hinten und von vorn. Oder noch sexistischer: Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir; von hinten und von vorn.
Das war wenig Friedens-fördernd, kommt es doch damals wie heute darauf an, im Kleinen wie im Großen, Konflikte friedlich zu lösen und gewaltfrei miteinander umzugehen.
Mit den kämpferischen Demonstrationen beim CSD für die sexuelle Selbstbestimmung und für Geschlechtergerechtigkeit war weltweit immer auch das Verlangen nach Frieden verbunden. Deshalb haben sich auch die Geschlechterforschung und die Friedensforschung verbündet, um Gewaltverhältnisse aufzudecken und Gewalt zu reduzieren. Gerade hat die neue Bundesverteidigungsministerin erklärt, dass sie davon nichts hält und noch mehr EURO-Milliarden für Rüstung und Krieg ausgeben will. Und ich erinnere euch daran, dass bis heute die Verstrickungen des Staates und seiner Geheimdienste in die NSU-Morde unaufgeklärt sind. Herrschaftskritik also ist die Grundlage, um zu g esellschaftlichen Veränderungen zu kommen. Der Siegener CSD ist ein kleiner Baustein auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit. Ich glaube daran, dass wir mit unserer Fröhlichkeit, unserer Toleranz und unserer Menschenliebe ansteckend wirken. Es wird – zugegebenermaßen – nicht einfach sein, Neonazis, Gewaltverherrlicher und die Verächter der Menschenrechte auf unsere Seite zu ziehen. Aber versuchen können wir es.
Ich bin sehr gespannt, ob sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit solchen Themen im Rahmen des Wolfgang-Popp-Preises befassen werden. Ich kann vielleicht im nächsten Jahr davon berichten. Jetzt aber wollen wir es genießen, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein, und den Christopher Street Day gebührend feiern.
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