Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3

von Bernhard Nolz

Johan Galtung (*1930) ist der Begründer der Friedens- und Konfliktforschung. 1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Die Arbeit für den Frieden beschreibt er so:

Frieden ist eine revolutionäre Idee; dass der Frieden mit friedlichen Mitteln erreicht werden soll, definiert diese Revolution als gewaltfrei. Sie findet immer statt; unsere Aufgabe ist es, ihren Umfang und ihr Gebiet zu vergrößern. Die Aufgaben sind unermesslich; die Frage ist, ob wir ihnen gewachsen sind.“

Im Folgenden ein Auszug aus einem Text von Johan Galtung, den ich in diesen Krisenzeiten für innovativ halte.

Johan Galtung: Spaltung und fehlende Integration in der Gesellschaft (1993)

Diagnose. Die Industriegesellschaften befinden sich in einer Sozialform, die durch hochgradige Auflösung verbindlicher Normen und Werte (Anomie) und der Sozialgefüge (Atomie) gekennzeichnet ist. Eine Gesellschaft wird zu einer Ansammlung isolierter Individuen, die von der egozentrischen Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes gesteuert werden. Der Computer ist eine Ikone, die auf einen Altar gehoben und vor der ein Gottesdienst abgehalten wird. Die menschliche Suche nach Sinn (durch verbindliche Normen und Werte) und nach Gemeinsamkeit (durch verbindliche soziale Beziehungen) wird starke und manchmal unerwartete Ausdrucksformen finden: Korruption, kriminelle Vereinigungen, Gewaltanwendungen, Sektenbildung, Nationalismus.

Prognose. Es werden sich Gruppen formen, wenn der Staat durch Anomie und Atomie, durch Gewalt und Korruption und weil er sich dem Markt unterwirft, zu einem „abwesenden“ Staat oder zum Polizeistaat wird. Die „Sekten“ werden vorwiegend als Geheimgruppen, auf Gewalt und Gehorsam beruhend, agieren.

Therapie. Die Menschenrechtstradition wird die Freiheit von Denken und Ausdruck der Sektierer und das Versammlungsrecht schützen, u.a. deshalb, weil ihre Kritik an der Gesellschaft zum größten Teil berechtigt ist.

Aber wir brauchen einen Sozialkontrakt, der durch die „Freiheit des Nicht-Ausdrucks“ und der „Nicht-Versammlung“, der Freiheit, nicht dazu zu gehören, ergänzt wird. Die Therapie darf nicht die Zwangsmaßnahmen des Staates verstärken.

Die Suche nach neuen Werten verspricht Erfolg. Neue Bewegungen sehen anfänglich sektiererisch aus, enthalten aber meistens wertvolle Wahrheiten. Wenn man gegen die Abwesenheit eines Sozialgefüges vorgehen will, dann braucht man Werte wie Solidarität und Gegenseitigkeit. Die gibt es in den Bewegungen in Hülle und Fülle, aber nicht in den Großformationen Gesellschaft und Markt. Der Staat sollte von den Bewegungen lernen.

Aus: Johan Galtung et al.: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie, Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003

Hinterlasse einen Kommentar

Schreib Bernhard Nolz direkt zu diesem Beitrag. Deine Nachricht geht per E-Mail an ihn.

Zu diesem Beitrag: Frieden mit friedlichen Mitteln zur Überwindung von „Corona“, Teil 3