8. Mai 2020 – Steinmeiersche Befreiungsschläge oder „Scherben bringen Glück“
von Bernhard Nolz
Eine Petition und eine Rede
Die Petition, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erklären, war auch an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gerichtet. Die Unterzeichner*innen der Petition brachten zum Ausdruck, dass der 75. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs der geeignete Anlass wäre, von nun an der Befreiung von Krieg und Faschismus an einem gesetzlichen Feiertag zu gedenken.
In seiner Rede zum 8. Mai 2020 geht der Bundespräsident auf diesen Vorschlag nicht ein. Er beginnt seine Rede ganz unverfänglich, indem er feststellt: „Heute vor 75 Jahren ist in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Der 8. Mai 1945 war das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“
„Faschismus“ gehört nicht zu seinem Wortschatz und würde auch nicht zu seiner patriotischen Propagandarede gepasst haben, die an manchen Stellen einer gewissen Komik nicht entbehrt. Dieses Gemisch hat sich vermutlich aus der Konstellation von amtlichem Ehrgeiz und aktueller Verunsicherung in einem Notstandsregime (Corona-Pandemie) ergeben, in dem der Ruf nach Wiederherstellung der demokratischen Grundrechte immer lauter wird.
In seinen Reden zur „Solidarität“ in der Corona-Krise hatten Andeutungen genügt, um die Menschen zu bewegen, solidarisch in die Selbstisolation zu gehen, was eine widersprüchliche Provokation darstellt.
Mehr Mühe gibt sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun zum 75. Jahrestag der Befreiung. Gleich achtmal bedient er sich des rhetorischen Mittels der inhaltlichen Umdeutung (engl. Reframing) und formuliert die Bedeutung des 8. Mai immer wieder neu.
Die acht Umdeutungen
Eigentlich, sagt der Präsident, ist dieser Tag ein Tag der Dankbarkeit, des Dankes an die ehemaligen Kriegsgegner und deren Großzügigkeit, Weitsicht und Versöhnungsbereitschaft „im Westteil Deutschlands.“ Über die gleichzeitige Entwicklung im „Ostteil“ ist ihm nichts bekannt.
Wohl deshalb spricht er in einer weiteren Umdeutung vom Tag der halben Befreiung. Tatsächlich meint er die erst später einsetzende „innere Befreiung“ der Menschen, die ein „langer, schmerzhafter Weg“ war.
Nachdem er auf diese Weise die Hälfte der Tagesbedeutung hinter sich gelassen hat, votiert der Bundespräsident ein paar Zeilen später für den inflationären Gebrauch des Befreiungstages: Jeder Tag ein Tag der Befreiung. „Befreiung … fordert uns aktiv, jeden Tag aufs Neue“, sagt er. Jede Form des Gedenkens kann auf diese Weise ad absurdum geführt werden.
In der vierten Umdeutung gesellt sich zur halben und zur alltäglichen Befreiung die Selbstbefreiung. „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien“, am Tag der Selbstbefreiung, dem 8. Mai. Kühne Worte in Zeiten von Corona, wo den Bürger*innen grundlegende Freiheiten genommen sind. Doch unverdrossen führt der Präsident seinen Kampf gegen die „alten bösen Geister im neuen Gewand“ und gegen einen „neuen Nationalismus“.
Jetzt wird es noch einmal spannend, denn es folgen zwei Vorschläge des Präsidenten, dem Tag eine neue zusätzliche Bedeutung zuzuweisen, und die Idee, den Tag der Befreiung auf ein anderes Datum zu verschieben.
Der Bundespräsident spricht sich dafür aus, den 8. Mai zum Tag der Zukunft umzudeuten. 1985 sei der Satz über die Befreiung „ein Meilenstein im Ringen mit unserer Vergangenheit“ gewesen. „Heute aber muss er sich auch an unsere Zukunft richten.“ Man darf spekulieren, ob er als quasi Außenminister-Präsident damit ein kooperatives Verhältnis zu China und Russland meint.
Der 8. Mai muss – so der Präsident – alternativ auch zum Tag des Zusammenhalts von Europa werden. Dieses Bekenntnis sei wichtig, denn wenn Europa scheitert, „dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig.“ Eine merkwürdige präsidiale Herrschaftspose! Kündigt er etwa die endgültige Abschaffung des Gedenktages als Tag der Befreiung an, um sich die Befürworter*innen eines gesetzlichen Feiertages vom Hals zu halten?
Dann erfolgt der Paukenschlag: der Tag der Wiedervereinigung als Tag der Befreiung.
Die wirkliche Befreiung hätte sich am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, ereignet. Die Befreiung, die am 8. Mai 1945 nur unzulänglich gelungen war, vollendete sich nach Jahrzehnten „durch Mut und Freiheitsliebe im Osten unseres Kontinents … bis hin zu jenem glücklichsten Moment der Befreiung: … der Wiedervereinigung.“
Hier liegt eine besondere Form der Umdeutung vor, eine Übertragung, mit der zugleich eine Bedeutungssteigerung verbunden ist: Die zweite Befreiung ist nach Steinmeier zum glücklichsten Moment der deutschen Geschichte geworden, gegen den die erste Befreiung verblassen muss. Antikommunismus ist immer noch sein stärkstes Vorurteil.
Zum Schluss die 8. Umdeutung: Tag des Dauerauftrags. „Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung – Freiheit und Demokratie sind vielmehr sein bleibender Auftrag, unser Auftrag“, sagt der Bundespräsident.
„Scherben bringen Glück“
Wir aber wissen nicht weiter und stehen vor einem Scherbenhaufen der Steinmeierschen „Befreiungsrhetorik“. „Scherben bringen Glück“ sagt ein Sprichwort, das das bekannteste Beispiel für ein Reframing (Umdeutung) ist. Ein Inhalt wird in einen neuen Rahmen gestellt oder ihm wird eine andere Bedeutung zugewiesen: Das zerbrochene Geschirr (= Verlust) wird zur positiven Erfüllungsbedingung für einen höheren Wert (= Glück). Dem deutschen Volk ist es zu wünschen.
Bernhard Nolz bewegt sich als Friedenspädagoge in kommunalen Bildungslandschaften. Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, Leiter des Siegener Zentrums für Friedenskultur, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, Vorsitzender des Stiftungsrates der August-von-Platen-Stiftung der Universität Siegen, nolzpopp@web.de
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