COOPERONA1
Geschichten über kooperative Lebensweisen
von Bernhard Nolz
Der Bürgermeister als Bäcker
In einem Zeitungsbericht las ich kürzlich, dass die Kleinstadt Wolframs-Eschenbach, im bayerischen Franken nahe Nürnberg gelegen, eine kommunale Stadtbäckerei mit Café betreibt, die vorher zwei Jahre leer gestanden hatte. In Deutschland gibt es über 300 Dorfläden, aber eine von der Kommune betriebene Bäckerei ist einmalig, passt aber vom Modell her zur Spalter Stadtbrauerei, die der Stadt Spalt seit 140 Jahren gehört. Spalt ist nur 10 km Luftlinie von Wolframs-Eschenbach entfernt.
Museum der etwas anderen Art
Bevor ich auf die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte zurück komme, möchte ich bekunden, dass mein Herz an der Stadt Wolframs-Eschenbach hängt. Das hat zum Einen seinen Grund darin, dass mein verstorbener Partner Wolfgang Popp ganz in der Nähe, in Muhr am See, geboren wurde und wir viele wunderschöne Urlaube in Franken verbracht haben und dabei immer mal wieder Wolframs-Eschenbach besucht haben.
Zum Anderen beherbergt die Stadt das Wolfram von Eschenbach Museum, das dem mittelalterlichen Dichter Wolfram gewidmet ist, der den Beinamen von Eschenbach trug oder erhielt, obwohl nicht gesichert ist, dass er dort geboren ist. Witzig jedenfalls ist es, dass der Ort Obereschenbach 1917 nach dem Dichter in Wolframs-Eschenbach umbenannt wurde. So ähnlich wie die russische Stadt Nischni Nowgorod, die zu Sowjetzeiten (bis 1990) den Namen Gorki trug, nach dem dort geborenen Schriftsteller Maxim Gorki.
Im Museum hat mir besonders ein großer halbierter Globus imponiert. Er zeigt eine Karte vom damaligen Europa, in dessen Mittelpunkt Eschenbach eingezeichnet ist. Von dort sind Verbindungslinien zu Orten gezogen, an denen Wolfram sich aufgehalten hat. Andere bedeutende Städte gibt es auf der Karte nicht. Es entsteht ein völlig auf Wolfram bezogenes Bild von der Welt: eine faszinierende, in sich ruhende Vorstellung vom Weltengeschehen, das findet man in Wolframs-Eschenbach, möglicherweise auch im Gasthaus um die Ecke beim fränkischen Nationalgericht, dem Schäufele, einem Schweinebraten mit fränkischen Klößen, dazu einen Bocksbeutel (fränkischen Weißwein) oder Spalter Bier.
Nur: Im bayerischen Corona-Land ist weder das Museum geöffnet, noch kann ich ins Gasthaus einkehren. Doch schon im Nachbarort herrschen irische Verhältnisse: Wir werden zur Hintertür rein gewunken, müssen uns allerdings mit fränkischer Hausmannskost, Blut- und Leberwurst mit Sauerkraut, begnügen. Wasser, Wein und Bier fließen reichlich.
Solidarische Sozialgenossenschaften2 gegen die Lockdown-Verheerungen
Viele Dorfläden werden als Sozialgenossenschaften organisiert. In einer Sozialgenossenschaft schließen sich Menschen und Organisationen solidarisch zusammen, um im Rahmen der Selbsthilfe oder für andere Menschen soziale Aufgaben im Gemeinwesen zu übernehmen.
Wenn wir uns mit der Genossenschaft gedanklich auseinandersetzen, mit Anderen darüber sprechen oder Pläne entwickeln, dann holen wir uns zunächst einmal das Wort „Solidarität“ von den Mächtigen zurück und verwenden es wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung. Solidarisch sein bedeutet eben nicht, sich von den anderen Menschen zu isolieren und zu separieren, sondern es heißt, sich zusammen zu finden, um etwas Gemeinsames zu schaffen oder geeignete Maßnahmen gegen Unrecht und Unterdrückung zu ergreifen. Ein Beispiel für eine solche Maßnahme ist die Gründung von Genossenschaften3. Dabei ist mit Gegenwind zu rechnen.
Kommt die Innung zur Besinnung?
Im Fall der kommunalen Eschenbacher Stadtbäckerei kommt der Gegenwind vom Landesinnungsmeister für das bayerische Bäckerhandwerk: Die Errichtung einer städtischen Stadtbäckerei widerspreche dem Grundsatz und dem Ethos des freien Handwerks. Das ist aber gerade das Problem, dass das „freie Bäckerhandwerk“ von den Monopol-Anbietern kaputt konkurriert wird. Der Corona-Lockdown beschleunigt diese destruktiven kapitalistischen Prozesse. Die Bundesregierung und die Landesregierungen probieren es gerade aus: Wie lange dauert es, bis den kleinen und mittelständischen Unternehmer*innen die Luft ausgeht? Bevor es so weit ist, lasst uns kommunale und regionale Netzwerke für solidarisches Wirtschaften und Leben aufbauen. Die Bäckerei-Innungsverbände könnten sich daran beteiligen.
Umdenken – sonst sind die Aussichten trübe
Auch der bayerische Gemeindetag sieht die kommunale Stadtbäckerei kritisch. „Die öffentliche Hand soll nicht tun, was die Privatwirtschaft erfüllen oder sogar besser machen kann“, sagt dessen Sprecher, total ignorierend, dass der privatwirtschaftliche Bäcker in Wolframs-Eschenbach es eben nicht geschafft hat. Schon länger ist zu beobachten, dass die Gemeindetage das Wohl der Bürger*innen aus dem Blick verloren haben. Sie sollten sich schleunigst eines Besseren besinnen und gemeinsame Plattformen organisieren, die mit aktiver Beteiligung der Kommunen sozialgenossenschaftliche Neugründungen in allen gesellschaftlichen Bereichen fördern und unterstützen. Der Bürgermeister von Wolframs-Eschenbach scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben.
Solidarisch und friedlich geht es weiter
Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und der Landesregierungen haben das soziale und wirtschaftliche Leben in den Kommunen lahm gelegt. Die Regierenden halten an dem Corona-Narrativ fest, obwohl es längst entzaubert, d.h. widerlegt ist. Einem Gelingen unserer Zukunftspläne stehen die Regierenden noch im Wege. Das hindert uns aber nicht, das Zusammenleben solidarisch und friedlich zu gestalten. Dabei können wir uns die vielfältigsten Erfahrungen aus dem Genossenschaftswesen zunutze machen.
Anmerkungen
1) COOPERONA ist ein Kunstwort. Da steckt Kooperation, also Zusammenarbeit, drin. In heutigen Zeiten wird man Corona heraus lesen und im Kunstwort die Oper (musikalisches Werk), im Italienischen: Opera, vorfinden. Opera ist aber auch die Pluralform (Mehrzahl) von Opus, was ein künstlerisches oder auch wissenschaftliches Werk bezeichnet. Eine Oper ist eine musikalische Erzählung. Eine gesellschaftspolitische Erzählung wird Narrativ genannt. Es ist eine sinnstiftende Erzählung, mit der Einfluss darauf genommen wird, wie die Welt wahrgenommen werden soll.
Aktuelles Beispiel: das Corona-Narrativ. Es erzählt von einem neuartigen, mörderischen Virus, das nur durch einen Impfstoff besiegt werden kann. Deshalb müssen die Menschen in Isolation, d.h. ohne soziale Kontakte leben und Masken tragen. Für Verstöße gegen die Regeln werden harte Strafen verhängt und etliche Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt. Mit der Zerstörung von Wirtschaftsbetrieben, Kultur- und Sozialeinrichtungen, Vereinen und gesellschaftlichen Treffpunkten, Lockdown genannt, soll das Virus zermürbt und überwunden werden.
2) Jedes Mitglied einer Genossenschaft zeichnet einen oder mehrere Genossenschaftsanteile. Die Genossenschaft produziert nicht für den Markt, d.h. nicht die Gewinnmaximierung steht im Vordergrund, sondern immer die Förderung der Mitglieder und deren soziale oder kulturelle Belange. Die Genossenschaft verwaltet sich selbst und es gilt das gleiche Stimmrecht für alle Mitglieder. Wegen dieser partizipativen Ausrichtung und der Selbstverwaltung wird den Genossenschaften eine herausragende Rolle zugeschrieben, wenn es darum geht, Beteiligung zu fördern und neue Formen des Wirtschaftens auf lokaler Ebene auszuprobieren. http://blog.nonprofits-vernetzt.de/sozialgenossenschaften-eine-form-mit-potenzial/
3) Die Zukunft gehört der dezentralen Energieversorgung, z.B. genossenschaftlich betriebene Windräder und Solaranlagen.
Bernhard Nolz lebt in Siegen und bewegt sich in kommunalen Bildungslandschaften. Er ist Aachener Friedenspreisträger und Zivilcourage-Preisträger, 0171 8993637, nolzpopp@web.de
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