Bernhard Nolz
Kunst-Frieden-Kultur
Was können Künstlerinnen und Künstler für den Frieden tun?
Heute Abend möchte ich Ihnen vermitteln, was Kunst, Kultur und Frieden miteinander zu tun haben und welche Rolle Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld zwischen Kultur und Frieden spielen bzw. spielen können. Jetzt haben aber weder Sie als Zuhörer*innen noch die Künstler*innen mit guten Ratschlägen zu rechnen. Sondern ich habe einige Gedanken und Ideen von Anderen zum Thema Kunst-Frieden-Kultur zusammengetragen und mit meinen Kommentaren versehen. Daraus hat sich eine Art von Vortrags-Kaleidoskop ergeben. Das Wort Kaleidoskop kommt aus dem Griechischen und bedeutet „schöne Formen sehen“. Für mich ist der Frieden immer noch die schönste Form des Zusammenlebens der Menschen. In meinem Kaleidoskop, d.h. in meinem Vortrag beleuchte ich die Zusammenhänge von Kunst, Kultur und Frieden aus einer friedenswissenschaftlichen Perspektive. Und ich bringe als Pazifist Aspekte aus der Friedensarbeit zur Sprache, die für alle diejenigen, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, eine Orientierung darstellen könnten. Sozusagen ein Wegweiser, wohin das Denken und Handeln gehen könnte, um die „Friedenskunst“ zu finden oder – noch besser – um die Friedenskunst zu erfinden.
Nicht erfunden ist, dass ich wegen meines friedenspädagogischen und friedenspolitischen Mutes im Jahr 2002 mit gleich zwei Preisen ausgezeichnet wurde: Mit dem Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung und mit dem Aachener Friedenspreis. Der Zivilcourage-Preis wird in Bodenwerder verliehen, der Münchhausen-Stadt. Und da gibt es eine kleine Erzählung von mir, wie der Offizier Baron von Münchhausen bei seinem Ritt auf der Kanonenkugel zum Friedenskämpfer wurde.
Diese Geschichte lese ich aber jetzt nicht vor, sondern einen Auszug aus meiner Urkunde zum Aachener Friedenspreis. Dort heißt es einleitend:
„Frieden ist eine Grundhaltung, die Interessengegensätze auf den verschiedensten Ebenen so austrägt, dass damit dem Ausbruch von gewaltsamen Feindseligkeiten jeglicher Boden entzogen wird.“
Bevor ich im Text der Urkunde fortfahre, möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass Viele von Ihnen über die gleichen Friedenskompetenzen verfügen, die mir in der Urkunde zugesprochen werden:
„Wir zeichnen Sie – Bernhard Nolz – aus, weil Sie Frieden gestiftet haben durch Gerechtigkeitssinn, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft – auch Feinden gegenüber – durch Gewaltlosigkeit, Zivilcourage, Tatkraft, Sachlichkeit und Herz.“
Nun wissen Sie alles über mich. Zumindest ahnen Sie, wie gut mir die beiden Preise getan haben, nachdem ich wegen einer Friedensrede vor 3000 Schüler*innen im Jahre 2001 ins sauerländische Kierspe strafversetzt worden war. „Stadtfeind Nr. 1“ formulierte ein Stadtmagazin damals trefflich. 15 Jahre später stehe ich in der Städtischen Galerie Haus Seel und bin gerade mit der Einleitung zu meinem Vortrag über Kunst-Frieden-Kultur fertig geworden.
Als ausgefuchster Redner weiß ich, dass das Wichtigste am Anfang eines Vortrags gesagt werden muss. Zuvor kündige ich aber schon mal an, dass es in ein paar Minuten eine angenehme Unterbrechung geben wird. Dann zeige ich einen Videofilm, einen Ausschnitt aus der NDR-Satire-Sendung Extra Drei aus dem Jahre 1990. Es geht in dem Video – so viel sei schon mal verraten – um eine kulturelle Schiffskreuzfahrt in der Ostsee. Das Video hat zudem den Charme, dass es an der Kieler Förde aufgenommen wurde, wo der Künstler René Schoemakers, in dessen Werkpräsentation wir uns hier befinden, lebt und arbeitet und wo ich von 1982 bis 1994 gelebt habe, bis ich nach Siegen zog. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass René Schoemakers ein Künstler für den Frieden ist. Schauen Sie seine Arbeiten an. Am 30 April können wir hier im Haus Seel darüber mit ihm reden.
Nun zum wichtigsten Satz des ganzen Vortrags. Es handelt sich um ein abgewandeltes Zitat des brasilianischen Dichters Manoel de Barros und er lautet:
Darstellen, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Kunst.
Im Original lautet der Satz des Dichters auf Deutsch:
„Schreiben, was nicht geschieht, ist Aufgabe der Poesie.“
Poesie ist eine Kunst. Beide haben, wenn wir Manoel de Barros folgen, die Aufgabe, das darzustellen bzw. das zu benennen, was nicht geschieht. Diese Behauptung war auch für mich zunächst überraschend, sind wir doch – heute mehr denn je – darauf ausgerichtet, das, was geschieht, zu dokumentieren. Aber dann wurde mir der Zusammenhang von Kunst und Frieden klar. Was nicht geschieht, ist genau das, was geschehen müsste, damit Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität auf der Welt sich ausbreiten können. Deshalb ist es eine Aufgabe der Kulturschaffenden das zu sagen, was nicht geschieht und worüber geschwiegen werden soll. Z.B. über die Kriege, an denen die Bundeswehr beteiligt ist, oder über das Fehlen von Maßnahmen gegen die Kinderarmut in der Welt, auch in Deutschland. Ich denke Sie alle hätten Beispiele parat für das, was nicht geschieht, aber geschehen müsste. Darüber können wir im Anschluss diskutieren.
Poesie oder Kunst sind Synonyme, d.h. ähnliche Wörter, mit denen der Begriff Friedenskultur umschrieben werden kann. Sowohl die Kulturschaffenden als auch die Friedensbewegten richten ihre Blicke auf das, was möglich werden soll, was aber aktuell nicht geschieht bzw. verhindert wird.
Von Manoel de Barros habe ich Kenntnis erhalten im Jahr 2014, auf der Feier zu meinem 50-jährigen Abitur in Otterndorf, wo ich auch vor 73 Jahren geboren bin. Otterndorf, an der Elbe gelegen, in der Nähe von Cuxhaven, wohin die Siegener Kulturdezernentin Babette Bammann beruflich zurückgekehrt ist. Meine Mitabiturientin Britta Morisse Pimentel hat ein zweisprachiges Buch mit Texten von Manoel de Barros mit Fotos illustriert: „Canto do Mato – Gesang des Dickichts“, das sie uns auf der Abiturfeier in Otterndorf präsentierte. Da konnte ich von unseren vielfältigen interkulturellen Aktivitäten im Siegener Zentrum für Friedenskultur berichten, das ich zusammen mit meinem Partner Wolfgang Popp im Jahr 2000, dem UN-Jahr für eine Kultur des Friedens, gegründet habe.
Damit Sie es sich einprägen können, wiederhole ich noch einmal, was Aufgabe der Kunst ist: Darzustellen, was nicht geschieht!
Der Philosoph Hegel (1770 – 1831) hatte vor 200 Jahren ähnliche Vorstellungen, wenn er sagt: Aufgabe der Kunst ist es, das Wesen der Wirklichkeit zur Erscheinung zu bringen.
Genau das – vor allem aber das Unwesen der Wirklichkeit zu zeigen, haben sich die Satiriker*innen vorgenommen. Wobei die Satire – laut Kurt Tucholsky (1890 – 1935), der vor dem deutschen Faschismus nach Schweden floh, sowieso alles darf. Deshalb wird die Satire von den Mächtigen gefürchtet. Manchmal wird heutzutage den Satiriker*innen von Terroristen gewalttätig ins Wort gefallen. Wir alle denken an den abscheulichen Anschlag auf die Mitarbeiter*innen des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris.
Ob sich die Satire-Sendung Extra Drei in einem Beitrag aus dem Jahr 1990 noch den Grundprinzipien der Satire verpflichtet gefühlt hat, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie gleich den angekündigten Beitrag gesehen haben. Eine Satire zeichnet sich dadurch aus, dass sie Missstände aufgreift, sie unerbittlich kritisiert, aber zugleich eine bessere Lösung des Problems erkennen lässt. Als Kunstform erschöpft sie sich nicht in beißender Kritik an einer Thematik, sondern verfremdet das Thema und lässt immer einen humanen, d.h. einen Menschen-gerechten Weg erkennen.
Menschen werden wir, so der Philosoph, Pädagoge und Theologe Comenius (1592 – 1670), sofern wir in unserer Welt menschlich handeln.
Mit dieser 400 Jahre alten Weisheit habe ich Sie hoffentlich gut vorbereitet auf fünf Minuten Extra Drei. Bitte achten Sie am Anfang des Films auf die Äußerungen eines Kieler Politikers über einen Menschen aus unserer westfälischen Heimat.
(Filmvorführung)
Übrigens. Bei den Dreharbeiten habe ich nicht geahnt, dass ich der Angegriffene sein würde. Daraus wurde aber auch ein Ansporn, an der Verbesserung meiner eigenen Satiren zu arbeiten.
Wenn Schriftsteller*innen schreiben, dann schreiben sie nicht im luftleeren Raum. Künstler*innen schweben nicht „völlig losgelöst von der Erde“ so herum. Was sie gestalten, steht in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang, der immer mitgedacht werden muss. Im geteilten Deutschland entwickelten sich in Ost und West unterschiedliche Künste. Der respektlose Umgang der westdeutschen Staatsorgane mit den Bürger*innen der DDR, insbesondere auch mit den Künstler*innen, fanden ihren gewalttätigen Höhepunkt in der Bilder- und Bücherstürmerei und in der Schleifung von Kulturdenkmälern der DDR. Gegen diese Barbarei haben zu Wenige ihre Stimme erhoben. Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden, deren Bundessprecher ich bin, gehörten und gehören dazu.
Nach dem Anschluss der DDR sollte vergessen gemacht werden, dass Kunst und Kultur immer politisch sind und sich mit ihren Werken zu aktuellen Themen äußern und Fragen aufwerfen, die sonst nicht gestellt werden. Dabei kommt den Künsten zu Gute, dass sie kommunikativ sind und zu Diskussionen auffordern. Dass auch Künstler*innen dabei nicht immer gewaltfrei gehandelt haben, zeigen z.B. die gegenseitigen Verrisse von Kunstwerken zu allen Zeiten.
Als beispielsweise der Dichter August von Platen (1796 – 1835), der aus seiner Männerliebe keinen Hehl machte, seinen Dichterkollegen Heinrich Heine (1797 – 1856) in einem Text als Juden verunglimpfte, setzte der sich gegen die Judendiskriminierung mit einer Schwulendiskriminierung zur Wehr, indem er vorschlug, jedem Vers Platens ein „von hinten und von vorn“ anzufügen. Das klänge dann so: „Und vor dir selbst sogar, o Herz, verhülle“ „Von hinten und von vorn.“ Den ganzen Reichtum deiner Liebesfülle!“ „Von hinten und von vorn.“
Vom Beispiel des Dichter-Mobbing kriege ich ganz schlecht die Kurve zum norwegischen Friedensforscher Johan Galtung (* 1930). Wie hoch er wertgeschätzt wird, zeigt sich u.a. darin, dass ihm über 50 Ehrendoktorhüte von Universitäten in aller Welt verliehen worden sind. Als junger Lehrer begeisterte ich mich in den 1970-er und 1980-er Jahren für die Kernaussagen von Galtungs Friedens- und Konflikttheorie. Die damalige Begeisterung hat bis heute gehalten. Vielleicht lassen sich die Künstler*innen anstecken.
Wenn wir über den Frieden sprechen wollen, müssen wir über die Überwindung von Gewalt reden. Gewalt liegt vor, wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich ist.
Uns Junglehrern gingen über diesen Satz vom Möglichen und Tatsächlichen die Augen auf. Wir wollten eine neue Pädagogik und eine einheitliche Schule für alle, in der jede*r sich nach seinen/ihren Möglichkeiten tatsächlich entwickeln kann. Fast fünfzig Jahre später – ich bin längst pensioniert – hätten wir mit der Inklusion die damaligen Ziele erreicht. Aber nun fehlt der politische Wille, die Inklusion auch konsequent durchzuführen. Und es fehlt vielerorts das Bewusstsein dafür, dass die Inklusion als Lebensprinzip die Einbeziehung aller – wirklich aller, die hier sind – beinhaltet.
Dem steht auch entgegen, dass die Staatspolitik nur noch die Sprache der Gewalt kennt, vornehmlich der Waffengewalt oder der Gewalt des Geldes. Besorgniserregend ist die Gewaltentwicklung bei der Justiz, die Gewalt der Polizei, die Gewalt der Verwaltung – immer betrachtet aus der Friedensperspektive vom Möglichen und Tatsächlichen. Kunst und Kulturaustausch scheinen nur noch schmückendes Beiwerk der Politik zu sein. Trotzdem müssen die Künstler*innen bedingungslos daran festhalten.
Dabei kommt ihnen Johan Galtung mit seiner Friedensethik zu Hilfe, die man auch als ein umfassendes Gewaltbekämpfungskonzept bezeichnen könnte. Was ursprünglich für die Lösung der großen Weltkonflikte gedacht war, eignet sich auch für alle anderen politischen oder persönlichen Konfliktlagen. Das haben u.a. die ca. 100 Seminararbeiten von Student*innen der Fernuniversität Hagen bewiesen, die Wolfgang Popp und ich begutachtet haben.
Galtung holt sein Friedensinstrumentarium aus der Medizin. In der Diagnose werden der Konflikt und die Konfliktparteien genau analysiert. Dann wird eine Prognose darüber abgegeben, was bei einem gewaltsamen Fortgang passiert, um dann eine Therapie anzubieten, wie der Konflikt ohne Gewalt gelöst werden kann.
Ansätze zur Konflikttransformation in gewaltfreie Lösungen ergeben sich bei allen drei Gewaltformen, die wir kennen: bei direkter Gewalt, bei struktureller Gewalt und bei kultureller Gewalt.
Direkte Gewalt, die auf den einzelnen Menschen als körperliche oder psychische Gewalt wirkt, als Bedrängung, Verletzung, Tötung oder als Verachtung, Verächtlichmachung, Demütigung, als symbolische oder reale Bestrafung.
Strukturelle Gewalt, die aus den Strukturen des politischen Zusammenlebens der Menschen kommt und meistens eher indirekt auf einzelne wirkt, z.B. als Einschränkung von Freiheiten, als Begrenzung durch Normen, Vorschriften, Befehle, als sogenannter Sachzwang.
Kulturelle Gewalt, die alle Aspekte von Kultur und der symbolischen Sphären unserer Welt umfasst, die dazu benutzt werden, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren. Man denke an Religionen und Ideologien, an Sprache, Kunst und Wissenschaft und Medien. Zur kulturellen Gewalt zählt auch der von der Regierung als Normalität hingestellte Zwang, als Soldat andere Menschen töten zu müssen. (symbolisch = sinnbildlich, etwas als Zeichen darstellen)
Im Neoliberalismus, der seit vier Jahrzehnten Europa beherrscht, vereinigt sich die wirtschaftliche Gewalt eines Konkurrenzsystems mit der staatlichen Gewalt- und Kriegskultur. Und da es, wie die britische Premierministerin (1975 – 1990) als Erste feststellte, keine Gesellschaft mehr gibt („There is no society!“), erübrigen sich im Grunde auch alle sozialen Programme. Wenn jeder gegen jeden kämpft, muss der Staat mit harten Gesetzen und ausreichenden Gefängnissen dafür sorgen, dass es auf die Weise einigermaßen zivilisiert zugeht. Bildung und Kultur sind in solchen politischen Zuständen nur für die da, die es sich leisten können. Im friedlichen Kampf gegen den Neoliberalismus bin ich auf Immanuel Kant gestoßen.
„Zivilisation“ bedeutet für Kant, dass sich die Menschen zwar zu einem friedfertigen Miteinander erziehen und ihren Alltag bequem und praktisch einzurichten wissen. Aber zu einem menschenwürdigen Dasein reicht das friedfertige Verhalten des Einzelnen allein nicht aus. Hinzu kommen muss die zivilisatorische Ausformung durch kollektives Erinnern und gemeinschaftliches Entscheiden und Handeln. Um von Kultur sprechen zu können, muss nach Kant die „Idee der Moralität“ hinzutreten, d.h. die Menschen müssen bereit sein, ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einzurichten. Was „gute Zwecke“ sind, darüber gibt es weltweite Übereinkünfte, z.B. die Menschenrechte und den Frieden. Sie sind Voraussetzung für eine humane Lebensgestaltung, die auf vier Ebenen verwirklicht werden kann: 1) Frieden mit sich selbst finden. 2) Frieden zwischen den Menschen und Gruppen halten. 3) Frieden zwischen den Staaten und Völkern schaffen. 4) In Frieden mit der Natur leben.
Die marktkonforme Demokratie Merkelscher Prägung hat den kategorischen Imperativ Immanuel Kants (1724 – 1804) und die „guten Zwecke“ längst hinter sich gelassen. Im Konkurrenzkampf reicht es gerade mal für einen Bewusstseins-losen Konsumismus, der für die Zerstörung der Natur und der menschlichen Kultur sorgt. Weil es das Gemeinschaftliche, das Soziale nicht mehr geben soll, darf es auch keine Alternativen mehr geben – was aber gerade eine der Grundlagen der Demokratie ist. Jetzt hat die Ökonomie das Sagen. Die Ökonomie aber hat keine Moral (s. VW). Sie kennt außer den Profit keine „guten Zwecke“. Die ökonomischen Handlungsträger*innen können außerhalb der Wirtschaft als Mäzene gute Taten vollbringen und z.B. ein Museum stiften, das den Menschen zum Besuch gegen Entgelt offen steht. Womit ich zur Kunst zurück gekehrt bin. Schauen wir jetzt mal auf die Musik im Spannungsgeflecht von Kunst und Frieden.
Für den britischen Musikkritiker Ben Watson ist Musik „grundsätzlich unbewusste Kunst“ oder anders ausgedrückt: Musik ist „Bewusstseinsbildung mit Tönen statt mit Worten.“
Diese dialektische Wirkung von Musik erläutert der Psychoanalytiker Sebastian Leikert aus psychologischer Sicht und sieht darin die Umwandlung von sexuellem Begehren in soziales Handeln. Jede*r Konzertbesucher*in weiß, wovon ich spreche. Dabei geht es in der Musikgestaltung nicht so sehr um die Person, die geliebt wird, sondern um die „Beziehungsmodalitäten“ der Personen zueinander. Sind sie friedlich miteinander?
Durch Musik können Gedanken und Gefühle dafür entwickelt werden, wie die unvermeidbaren Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Die Musik verführt zu utopischen Vorstellungen. Davon kann ich als häufiger Besucher der Schubertiade in Vorarlberg oder auch des Apollo Siegen ein Lied singen. Musik führt wie die Poesie und alle Künste ins Utopische – von wo der Frieden mitgebracht wird.
„Wir erreichen Momente intensiver Liebe und Verschmelzung sowohl in der Sexualität als auch in der Kunst“, sagt der Psychoanalytiker. Problematisch ist, dass wir permanent in Liebe und Harmonie leben wollen. „Aber das gibt es nicht als Flatrate“! Und der Psychoanalytiker schließt daraus, dass wir eine Kultur der Konfliktfähigkeit und der konstruktiven Konfliktbearbeitung in der Politik, in den persönlichen Beziehungen und in der Kunst benötigen. Das hieße aus meiner Sicht, die Dimensionen einer Kultur des Friedens mit Leben zu erfüllen.
In einer Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen (1999) heißt es u.a.: „Unter einer Kultur des Friedens ist die Gesamtheit der Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zu verstehen, die auf der Achtung des Lebens, der Beendigung der Gewalt sowie der Förderung und Übung von Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit beruhen; […] die auf der Einhaltung der Grundsätze der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Toleranz, der Solidarität, der kulturellen Vielfalt, des Dialogs und der Verständigung auf allen Gesellschaftsebenen und zwischen den Nationen beruhen und durch ein dem Frieden dienliches nationales und internationales Umfeld gefördert werden.“
Die globale neoliberale Gewaltpolitik bekämpft die Friedenskultur der Vereinten Nationen. Die Kunst hat die gleichen Ziele wie die Friedenskultur. Ziel der Beiden ist das psychische Wachstum des Menschen, das Erschließen neuer Möglichkeiten und das Überwinden von gesellschaftlicher Stagnation. Veränderungsprozesse zur Verbesserung des Lebens sind das Ziel. Musik, Literatur und bildende Künste erlauben es, in intensive emotionale Prozesse einzusteigen, die Potenziale für soziale Veränderungen in sich tragen.
Kunst hat die Möglichkeit, neue Fragen zu stellen und neue Konfliktfelder zu thematisieren. Sie ist aber auch „ohne weiteres in der Lage, destruktive Prozesse zu fördern und falsches Bewusstsein zu festigen.“
Die Kunst ist eher subversiv und sie setzt auf eine sanfte Wirkung – wie dieser Vortag auch.
Kunst ist eher nicht revolutionär. Es ist allerdings die Frage, ob das immer so bleibt, denn es war auch schon mal anders. Nicht selten haben Musik, Literatur, bildende und darstellende Künste die Menschen beflügelt, an revolutionären Prozessen teilzunehmen.
Für Johan Galtung ist Frieden eine revolutionäre Idee. Er sagt: Der Frieden soll mit friedlichen Mitteln erreicht werden. Das ist revolutionär, weil erstmalig eine Revolution gewaltfrei sein soll, was auch Mahatma Gandhi nur unvollständig gelang. Deshalb stellt auch Johan Galtung die Frage, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.
Diese Frage stellen sich die Künstler*innen auch, weil ihnen bewusst ist, dass Kunst das Lebensgefühl verändern kann und dass die Beschäftigung mit Kunst und die Teilnahme am kulturellen Leben einen wichtigen Teil des menschlichen Seins aus macht.
Der Kunsttheoretiker Moshe Zuckermann ist, was die Verwirklichung der Gewaltfreiheit betrifft, skeptisch: Er stellt fest: Je mehr die Verhältnisse „zur sozialen Kälte und Einsamkeit gerinnen, desto mehr steigt das drängende Bedürfnis nach neuen „herzerwärmenden“ Mythen, nach Ersatz für eine abhandengekommene Identität.“
Die soziale Realität „hat, so Zuckermann, mediale Apparaturen geschaffen, die das Autoritäre in ein nur vermeintlich demokratisch Gemeinschaftliches hat übergehen lassen. Aber: das Repressive, Ausbeutende und Entfremdende dieser sozialen Realität wurde nicht überwunden.
Dann kommt Zuckermann auf den Starkult zu sprechen. Der Starkult, nicht nur in der Musik, ermöglicht es den Mächtigen, das undemokratische Grundverhältnis der Unterdrückung zu überdauern.“ Die gleiche propagandistische Wirkung hat auch der negative politische „Starkult“ der immer neuen Hitlers: ob sie nun Saddam Hussein, Gaddafi, Milosevic, Bin Laden oder Putin heißen. Sie werden als Feindbilder eingesetzt, um Gewalt zu legitimieren.
Michael Zander (Kulturjournalist) gibt allerdings zu bedenken: Wenn der Popstar verschwindet, verschwände auch der Sprecher, der die „gemeinsamen Interessen der Menschen, die in Opposition zu den Herrschaftsverhältnissen stehen, ausdrücken könnte. Mit ihnen fehlen dann auch ebenso wütende wie eingängige Songs über Vertreibung aus den Innenstädten, über unbezahlte Praktika, Zwangsräumungen, Abschiebungen oder über die Schrecken von Imperialismus und Krieg.“
Magnus Møller-Ziegler (dänischer Kulturjournalist) bringt es auf den Punkt: „Revolutionäre Kunst politisiert die Ästhetik … und er zeigt die Beziehungen zwischen der Ästhetik und der politischen Ökonomie auf“ und ermutigt zum kollektiven Handeln. Fortschrittliche Kunst ruft zum Kampf für soziale Gerechtigkeit auf und erfüllt die zwei Kriterien des Philosophen Walter Benjamins (1892 – 1940) für progressive Kunst: „Zuerst bedarf es einer fortschrittlichen Form, und diese füllt man mit emanzipatorischem Inhalt.“
Mit dem epischen Theater Bertolt Brechts wurde das Lessing‘ sche Diktum des Mitleidens und Mitfühlens der Zuschauer*innen bei der Theateraufführung überwunden. Das epische Theater will die ZuschauerInnen dazu bewegen, zu Erkenntnisprozessen zu gelangen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Denn der Widerspruch von künstlerischer Darstellung und gesellschaftlicher Realität wird ja nur im Drama aufgehoben. Dafür, dass aus der Theaterpraxis eine Gesellschaftspraxis wird, müssen die ZuschauerInnen selbst sorgen. Immer mehr Theaterleute machen dabei mit.
Die Frage ist, kann es mit Hilfe von Kunst und Kultur gelingen, die Politiker*innen ins kulturelle Boot zu holen, d.h. in die Gesellschaft zu re-integrieren und zur Aufhebung der Schuldenbremse zu motivieren.
Oder müssen wir alle noch deutlicher sagen, darstellen und schreiben, was nicht geschieht und was geschehen soll, damit wir dem Frieden näher kommen?
(Siegen, April 2017)
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